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Nun erkannten sie, dass der Boden hier über die gesamte Breite des Gangs sorgfältig eingemeißelte Verzierungen enthielt. Eine Anzahl archaisch wirkender Symbole war zu Gruppen und Mustern angeordnet. In der Mitte prangte ein zyklopisches Zeichen aus konzentrischen Kreisen mit Unterbrechungen, die zur Mitte hinführten. Das Ganze wirkte wie ein übergroßes Wappen oder Siegel.

Peter beugte sich nach unten und fuhr einige Gravuren mit den Fingern nach. »Was bedeutet das hier?«

»Und was leuchtet hier so?«, fragte Patrick.

»Auf beides gibt es bisher keine Antwort«, erklärte Marc. »Wenn Sie nun bitte einmal zusehen würden, was passiert.« Die Forscher beobachteten, wie er einen weiteren Lichtschalter an der Wand betätigte und ein aufflammender Scheinwerfer an der Decke den Gang vor ihnen bestrahlte.

»Unfassbar!«, entfuhr es Peter.

In fünfhundert Watt Licht getaucht, entblößte der Fels die feinsten Risse und Unebenheiten, doch kurz hinter den Symbolen auf dem Fußboden hörte alles Licht so plötzlich auf, als beginne hier eine mattschwarz gefärbte Masse. Der Gang, der eben noch weiterzuführen schien, war nun gefüllt mit tiefer Schwärze. Es ließen sich weder Struktur noch Beschaffenheit erkennen. Jegliches Licht schien hier verschluckt zu werden, so dass keine noch so geringe Reflexion zum Betrachter zurückkam.

»Was zum Teufel ist das?!«, rief Patrick atemlos.

Marc trat dichter heran. Er streckte seinen Arm aus, der daraufhin bis zum Ellenbogen in der Schwärze verschwand. Es sah aus, als sei er schlichtweg abgetrennt. Dann zog er den Arm unversehrt zurück.

»Wir haben nicht die leiseste Ahnung«, gab er zu.

»Kann man hindurchgehen? Sind Sie schon mal drin gewesen?«, wollte Patrick wissen. Er schritt über das Symbol und trat so dicht heran, dass ihn nur noch wenige Zentimeter von der Dunkelheit trennten. Er untersuchte das Phänomen mit den Fingerspitzen und zog sie erschrocken wieder zurück. »Mein Gott, ist das ekelig! Man hat das Gefühl, blind zu sein. Man sieht einfach nichts!«

»Nein, wir sind nicht drin gewesen, und ich würde Ihnen raten, es auch nicht auszuprobieren. Es ist viel zu gefährlich, Menschenexperimente durchzuführen, ohne den Durchgang und seine Bedeutung vollständig untersucht zu haben.«

»Ihre Bestimmtheit lässt mich vermuten, dass es konkrete Gründe für diese Vorsicht gibt.«

»Das ist richtig, Herr Professor Lavell. Sie werden heute Abend alle Unterlagen zur Verfügung haben, um den Vorfall nachzulesen.«

»Vorfall?«

»Ist der Durchgang schon in irgendeiner Form untersucht worden?«

»Auch diese Informationen haben Sie heute Abend vollständig vorliegen. Wir haben bisher nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Die Höhle ist erst vor knapp drei Wochen entdeckt worden.« Marc sah auf seine Uhr. »Ihr Arbeitstag beginnt morgen früh. Ich werde Ihnen jetzt noch Ihre Unterkünfte zeigen.«

Beim Verlassen der Höhle erläuterte Marc die Stromversorgung mittels der Generatoren und händigte ihnen zwei Sicherheitsschlüssel für die Stahltür im Eingangsbereich aus. Auf dem Weg zurück ins Camp der Ranger und auf der Fahrt nach St.-Pierre-Du-Bois sprach Marc wenig und verwies lediglich auf ein paar organisatorische Details. So müssten sich die beiden Forscher nicht weiter um die Ranger kümmern, da diese ihre Anweisungen direkt bekämen. Marc selbst würde das Projekt verlassen und noch am selben Abend nach Paris fliegen. Peter und Patrick würden alle Unterlagen, Ausrüstungen, Adressen und Geldmittel im Hotel erhalten. Es gäbe bereits eine Vorbestellung von wissenschaftlichen Geräten, die am nächsten Morgen um neun ins Camp geliefert würden.

Peter und Patrick hörten kaum zu, denn in Gedanken waren beide in der Höhle geblieben, und sie stellten auch keine Fragen, da Marc ihnen keine Antworten geben würde. Vielleicht wusste er vieles auch nicht. Da er das Projekt wieder verließ, war er möglicherweise gar nicht vollständig eingeweiht.

Am Ende einer mit weißem Kies bestreuten und von Zypressen gesäumten Auffahrt hielten sie vor dem Hôtel de la Grange, einem dreistöckigen Gebäude aus alten Granitblöcken und dunkelbraunem Gebälk, an dem prächtige orangefarbene und violette Bougainvilleasträucher emporrankten. Im Stil eines noblen Gutshofes passte sich der Gebäudekomplex ins Landschaftsbild ein und war den parkenden Autos nach zu schließen ganz offensichtlich eine exklusive Adresse.

Nach einem kurzen Gespräch an der Rezeption händigte Marc den beiden je zwei Sicherheitsschlüssel für ihre Zimmer und einen Autoschlüssel aus. »Der Landrover gehört nicht mir, sondern steht Ihnen für das Projekt zur Verfügung. Nun zu den Räumen.« Er führte sie in den dritten Stock. »Jeder von Ihnen hat selbstverständlich sein eigenes Zimmer, zusätzlich haben wir für Sie ein Büro vorbereitet. Bitte sehr.« Er zeigte auf eine Tür, die Peter daraufhin öffnete.

Sie betraten einen mit Jalousien halb abgedunkelten Raum, fast doppelt so groß wie das Büro ihrer Auftraggeberin in Genf. Neben einer Sitzecke fanden sich ein Konferenztisch mit sechs Ledersesseln, mehrere Schreibtische mit Flachbildschirmen, Computer, Laserdrucker, Telefone, ein Faxgerät sowie andere technische Spielereien, die nicht sofort zu identifizieren waren.

Marc deutete auf einen mit Fachbüchern und Ordnern gefüllten Schrank und einen Safe. »Sie finden dort eine große Auswahl an hilfreichen Dokumentationen. Alle konkret projektbezogenen Unterlagen liegen im Safe.« Er überreichte Peter einen Schlüssel und einen verschlossenen Umschlag. »Dies sind der Schlüssel und die Kombination. Wie Sie sehen, ist der Raum ansonsten mit dem Nötigsten ausgerüstet. Wenn Sie zusätzliche Hardware, Software oder andere Unterstützung benötigen, dann melden Sie sich einfach jederzeit in Genf.«

Das Abendessen im Restaurant des Hotels war vorzüglich gewesen. Nun saßen sie noch beim abschließenden Käse, den Patrick bestellt hatte. Nachdem Marc gegangen war, hatten sie den Safe geöffnet und den Inhalt studiert. Es waren größtenteils Instruktionen sowie Protokolle der bisherigen Untersuchungen und die Befunde. Ein Dokument beschrieb den Fund der Höhle. Ein Schäfer hatte sie zufällig entdeckt und dabei einen geistigen Schock davongetragen, nachdem er offensichtlich den »Durchgang« im hinteren Teil der Höhle durchschritten hatte. In der Folge seines Schocks hatte er sich schwere Verletzungen zugezogen und war in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Er hatte sich dort kurzzeitig erholt und von seiner Entdeckung berichten können, war danach jedoch wieder in einen Zustand der Umnachtung gefallen, der noch immer andauere. Die ersten Untersuchungen der Schriftzeichen in der Höhle konnte man bestenfalls als grob bezeichnen. Jemand hatte die unterschiedlichen Schriften gezählt und versucht, einige davon zu identifizieren. Übersetzungsversuche gab es keine, wohl aber einige Spekulationen über die möglicherweise okkulte Natur einiger Symbole. Den Durchgang hatte man vermessen, die eingemeißelten Symbole auf dem Boden fotografiert. Die merkwürdige Beschaffenheit des Inneren des Durchgangs wurde beschrieben, ließ sich aber laut Bericht nicht ohne weiteres untersuchen oder messen, da die Schwärze jede Form von Strahlung zu verschlucken schien.

Viel mehr gaben die Papiere nicht her, alle Fragen waren noch offen, und viele waren noch gar nicht gestellt worden.

Sie hatten während des Essens wenig gesprochen. Neben unwichtigen Bemerkungen über das Wetter, das Land und die Qualität der Speisen, hatten sie sich im Wesentlichen ihre eigenen Gedanken gemacht und versucht, die Erlebnisse des Tages zu ordnen. Jeder sann darüber nach, was er denken sollte und was wohl der andere dachte. Es war kein unangenehmes Schweigen; es war eine produktive Reflexion, wobei jeder den anderen beobachtete und allmählich vertrauter mit seinem Gegenüber wurde. Auch durch den guten Rotwein, den Patrick ausgesucht hatte und den sie beide genossen, kamen sie sich näher, und als der Kellner einen abschließenden Espresso brachte, Patrick seine Zigarettenpackung hervorholte und Peter sich eine Pfeife stopfte, ergriff der Franzose das Wort.