»Haben Sie eine Idee?«
»Nein. Sie?«
»Die Gegenfrage ist wohl die Strafe dafür, dass ich das Gespräch angefangen habe, was?«
»Wenn Sie so wollen.«
»Ich wollte zunächst auf einen Ihrer sarkastischen Kommentare warten, um Ihre Laune einzuschätzen.«
»Entgegen meiner sonst üblichen Art wollte ich mich diesmal ausnahmsweise so lange zurückhalten, bis ich weiß, wovon ich spreche.«
Patrick lachte auf. »Dann sind Sie also tatsächlich genauso ahnungslos wie ich? Sie haben keine Vermutung?«
»Im Augenblick liegt es nahe, das Ganze für einen höchst aufwendigen Schwindel zu halten.« Peter entzündete seine Pfeife.
»Aber wer hätte Interesse daran?«
»Das ist genau der Knackpunkt. Was meinen Sie? Sie sind ja oft genug im Feld gewesen. Halten Sie die Höhle für echt?«
»Ja, unbedingt. Etwas wie den schwarzen Durchgang oder dieses Leuchten habe ich noch nie gesehen. Ich glaube auch, dass es äußerst spannend sein dürfte, die Inschriften zu entziffern.« Patrick begegnete Peters skeptischem Blick. »Sie glauben, die Inschriften sind gefälscht?«
»Ich halte sie für genauso fragwürdig wie das Engagement unserer Freundin in Genf.«
»Nun machen Sie doch nicht gleich alles schlecht, Peter!«
»Sie haben mich nach meiner Meinung gefragt.«
»Stimmt... aber wissen Sie was? Bis wir sicher sind, sollten wir die Unterbringung und die vorzügliche Verpflegung genießen.«
»Vielleicht haben Sie Recht. Warten wir's einfach ab.«
Kapitel 6
30. April, Waldcamp, Nähe St.-Pierre-Du-Bois
Als die beiden Forscher um neun Uhr morgens das Waldcamp erreichten, war die angekündigte Lieferung bereits angekommen. Große Kartons und hölzerne Kisten waren auf der Lichtung gestapelt, ein Ranger kam direkt auf Peter zu und überreichte ihm einen Lieferschein.
»Die Lieferung ist vollständig, Monsieur. Lassen Sie mich wissen, wohin Sie die einzelnen Geräte transportiert haben möchten. Ich kümmere mich darum.«
Patrick amüsierte sich über den eilfertigen Tonfall. »Wie heißen Sie?«, fragte er.
»André Guillaume, Monsieur.«
»Guten Morgen, André. Mein Name ist Patrick. Wieso holen Sie sich nicht erst mal in Ruhe einen Kaffee und sagen mir, wo wir Sie finden können, wenn wir die Papiere durchgelesen haben.«
Der Ranger wirkte einen Augenblick verwirrt und deutete dann auf eine der Container-Hütten. »Sie finden mich dort drüben.«
Peter lehnte am Wagen und studierte den Lieferschein. Dann reichte er ihn an Patrick weiter. »Die Hälfte dieser Dinge sagen mir nichts. Sehr technisch. Können Sie etwas damit anfangen?«
»Hm... nicht mit allem... hier sind ein paar Rechner, ein SatCom-Koffer, ein transportables Elektronenmikroskop...«
»Was ist das denn?«
»Ein Elektronenmikroskop?«
»Nein, davor, der Koffer.«
»Oh, der SatCom-Koffer. Das ist so etwas wie ein überdimensionales Funkgerät. Damit können Sie Daten per Satellit empfangen und versenden. Haben Sie bestimmt schon mal bei James Bond gesehen.« Patrick grinste.
»Aha, gut, dass wir das haben«, meinte Peter trocken. »Was ist noch dabei?«
»Ein Echolot, ein paar Weißnichtwas und ein... meine Güte! Die haben doch nicht wirklich einen Pioneer II geschickt! Das Basismodul mit Erweiterungen!«
»Wenn Sie mir verraten, was das ist...«
»Das ist eine Robotersonde.«
»So etwas, was Sie in Palenque verwendet haben?«
»Etwa hundertmal so teuer. Es ist eine Weiterentwicklung des Pioneer-Roboters, der für die Untersuchung der hochverseuchten Bereiche von Tschernobyl eingesetzt wurde. Überträgt Bilder in Stereovision, gewährleistet also dreidimensionales Sehen, und kartographiert seine Umgebung. Wurde zuerst von der NASA für die Pathfinder-Mission auf dem Mars entwickelt.«
»Geld spielt bei diesem Projekt keine Rolle! Für eine ebensolche Überheblichkeit wurde der Turmbau zu Babel bestraft.«
»Peter! Ist das aus Ihren Vorlesungen? Aberglaube im Laufe der Jahrtausende?«
»Nein, aus der Bibel.«
»Ach.« Patrick machte ein überraschtes Gesicht. »Sollte ich noch mal nachlesen. Die Stelle mit den Robotersonden hatte ich übersehen.«
»Bevor wir uns in hochqualifizierten theologischen Diskussionen verstricken, schlage ich vor, dass wir dem eifrigen Mann von vorhin den Gefallen tun und uns entscheiden, was wir von dem Kram gebrauchen können.«
Patrick grinste. »Einverstanden. Gehen wir die Liste noch mal durch. Übrigens, der Mann heißt André.«
Sie betraten die Höhle allein. Aus den Geräten hatten sie zunächst keine sinnvolle Auswahl treffen können und daher angewiesen, das meiste ungeöffnet zu verstauen. Sie hatten sich einen Koffer mit Kleinigkeiten zusammengesucht, Skalpelle, Pinsel, Vergrößerungsgläser, Maßbänder, Taschenlampen, Kameras und Notizblöcke. Schließlich hatten sie sich doch noch für das Echolot entschieden. Da sie alles allein transportieren konnten, wurden sie nicht von Rangern begleitet.
Es war ein sonniger Tag, der Boden war wieder befahrbar, und so kamen sie mit dem Wagen fast bis zum Steilhang. Die letzte Wegstrecke hatten sie bald darauf ebenfalls gemeistert, und endlich konnten sie die Stahltür öffnen. Patrick startete einen Generator und schaltete das Licht an.
Trotz aller Skepsis staunten sie angesichts der unzähligen alten Inschriften, die in blassen Farben aber voller Sorgfalt erstellt waren, erneut. Peter fragte sich, wie viele Menschen dieses Werk vollbracht haben mochten. Wie lange sie wohl daran gearbeitet hatten? Selbst die Decke war verziert, es gab kaum ein Fleckchen, das nicht gefüllt war mit wunderbaren Zeichen, Buchstaben oder Mustern. Selbst wenn all dies eine Fälschung war, so war es doch ein großartiges Kunstwerk, gestand er sich ein, ein Kunstwerk, das jeden Museums-Kurator um den Verstand gebracht hätte. Egal, wann diese Malereien entstanden waren, sie repräsentierten doch alle Zeitalter der menschlichen Geschichte, die Vielfalt ihrer Kulturen über die Jahrtausende hinweg. Vor diesem Hintergrund wurde man sich der Geringfügigkeit eines einzelnen Menschenlebens gewahr, vielleicht sogar der ganzen Kultur, der man selbst angehörte. Es war bedrückend und erhebend zugleich.
»Ich werde den Durchgang untersuchen. Schauen Sie sich die Schriften an?«
Peter nickte, aber Patrick sah schon gar nicht mehr hin. Der Franzose verlegte gerade ein langes Kabel durch die Höhle und wollte sich offensichtlich am Echolot zu schaffen machen. Also untersuchte Peter die Wände. Dabei fiel ihm auf, dass es nicht nur unterschiedliche Schriften gab, sondern dass die Maler auch unterschiedlich sorgfältig gewesen waren. Einige Inschriften waren fast unleserlich und verwackelt, andere mit äußerster Akribie angebracht worden. Es gab neben Schwarz nur zwei andere Farben, einen dunkelbraunen und einen rötlichen Ton, manchmal blass, manchmal intensiver. Es schienen natürliche Farben, Erdfarben und Kohle zu sein, wie sie Höhlenmenschen auch benutzt hatten. Nur, dass Höhlenmenschen weder lateinisch noch hebräisch geschrieben hatten. Peter begann, die Höhle und die Wände zu kartographieren. In regelmäßigen Abständen schlug er kleine Heringe in den Boden nahe der Wand und spannte dann eine Schnur. Die so unterteilten Abschnitte begann er systematisch abzufotografieren, und zugleich machte er sich Notizen in seinem Buch.
Er stockte, als er auf die Zeichnung einer stilisierten Rose stieß. Sie war mit schwarzen Linien vorgezeichnet und mit roter Farbe ausgemalt worden. Einem äußeren Kranz aus acht Blütenblättern folgte ein innerer aus fünf kleineren Blättern. Im Zentrum der Blüte befand sich ein Herz, und in dessen Mitte ein lateinisches Kreuz. Unter der Zeichnung stand eine Zeile in lateinischer Schrift und Sprache. Die Art und Weise, wie sie mittig unter der Zeichnung angebracht war, schien darauf hinzudeuten, dass beides zusammengehörte.
Peter trat näher an die Zeichnung heran und untersuchte die Überschneidung eines Buchstabens mit einem Strich, der zu einer anderen Inschrift gehörte, als er Patrick aus dem hinteren Teil der Höhle fluchen hörte. Er ging zu ihm hinüber. Patrick kniete vor dem Echolot und verglich irgendwelche Einstellungen mit einem Heftchen, das aufgeschlagen vor ihm auf dem Boden lag.