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»Kommen Sie mit dem Gerät nicht zurecht?«

»Schlagen Sie mir bloß nicht vor, den Kundendienst anzurufen!«, entfuhr es Patrick schlecht gelaunt.

»Was ist denn los?«

»Bei der ganzen Kohle, die man in Genf springen lässt, hätte man wenigstens darauf achten sollen, Geräte zu schicken, die auch funktionieren. Sehen Sie diese Anzeige?« Patrick deutete auf eine Zeile rot leuchtender Ziffern an dem Kasten, der vor ihm stand. »Es zeigt die Entfernung an, in der die Strahlen reflektiert werden. Sehen Sie her.« Er richtete ein kleines Handgerät, das entfernt an ein Mikrofon erinnerte, auf die Wand.

»Eins Punkt fünf?«, las Peter. »Meter?«

»Ja, das ist die Entfernung in Metern, bis auf halbe Meter genau.«

»Sie meinen, das müsste präziser sein?«

»Nein, mit diesem Echolot kann man Tiefen oder Entfernungen von mehreren Kilometern messen. Eine Genauigkeit von fünfzig Zentimetern ist dabei verdammt gut. Aber sehen Sie mal, was passiert, wenn ich es auf den Durchgang richte.« Die Anzeige änderte sich in: E 99999.0.

»Sieht nicht gut aus«, gab Peter zu. »Der Gang ist wohl kaum einhundert Kilometer tief, nicht wahr?«

»Nein, wohl kaum. Das E steht außerdem für Error, und das heißt, dass das Ding eine Fehlfunktion hat.«

»Wenn Sie es sagen. Andererseits... meinem bescheidenen Verständnis von Technik nach basiert dieses Gerät doch auf dem Empfang von reflektierten Strahlen. Wenn diese Schwärze nun Strahlen verschluckt, wie es in den Papieren stand, dann wäre natürlich klar, weshalb es kein Echo empfängt.«

»Strahlen verschluckt? Glauben Sie das etwa?«

»Ich bin kein Physiker. Ich kann weder beweisen, dass es das gibt, noch, dass es das nicht gibt.«

»Ich bin auch kein Physiker, Peter, aber wenn es ein derart effizientes strahlenabsorbierendes Medium gäbe, dann wäre es der absolute Durchbruch für die Stealth-Technologie.«

»Sie meinen die Flugzeuge.«

»Zum Beispiel, ja. Die Amerikaner setzen zwar strahlenschluckende Verkleidungen ein, aber dass die Dinger auf dem Radar unsichtbar sind, liegt auch daran, dass sie keine Rundungen sondern ausschließlich Kanten und glatte Flächen haben.«

»Damit Radarstrahlen in möglichst wenige Richtungen reflektiert werden?«

»Peter! Sie erstaunen mich!« Patrick lachte.

»Ich hab's mir zusammengereimt. Zufällig richtig.«

»Jedenfalls ist dieser Kasten nicht zu gebrauchen.« Patrick ging an die Schwelle heran und streckte seinen Arm in die Schwarze.

»Was machen Sie da?!« Peter tat einen hastigen Schritt nach vorn und ergriff Patrick an der Schulter.

»Ich will mal gucken«, gab der zurück und beugte sich ruckartig nach vorne, so dass sein Kopf im Dunklen verschwand.

»Nicht!« Peter riss den Franzosen augenblicklich zurück. Der stolperte rückwärts, brach zusammen und landete hart mit dem Gesäß auf dem Boden. Peter kniete sich neben ihn und lehnte ihn mit dem Rücken an die Wand. Patricks Blick war starr, sein Atem ging in heftigen, kurzen Stößen. Er schien keine Kontrolle über seinen Körper zu haben.

»Patrick! Kommen Sie zu sich!« Er rüttelte den Mann an der Schulter. »Was ist mit Ihnen?!« Peter wurde sich bewusst, dass er im Notfall von hier aus niemanden benachrichtigen konnte, er hatte kein Funkgerät, kein Handy. Und dies schien ein Notfall zu sein.

Ein blendender Blitz zuckte durch seinen Kopf, glasklar und schneidend. Es war mehr als Licht, es bestand in Wirklichkeit aus Tausenden, Millionen und Milliarden von Bildern und Szenen. Er sah Menschen, Städte, Wälder, Berge, Wüsten, Meere, in rasender Abfolge, so vielfarbig und schillernd, dass es nur noch hell und gleißend war. Und es war auch kein Blitz, denn es war zwar schnell, so schnell, dass es alles in einem einzigen Augenblick komprimierte, aber dennoch schien eine Ewigkeit zu vergehen.

Den Blitz begleitete ein ohrenbetäubender Lärm, ein Donnern, ein Brausen, wie von hundert Orchestern gleichzeitig. Es waren alle Geräusche eines Jahres zugleich, vom Weinen eines Säuglings, über den Todesschrei eines Kämpfers, das Heulen des Windes, das Tosen der Brandung bis zum Schrei eines Adlers und dem Lied einer Nachtigall.

Zeichenfolgen, Symbole, Buchstaben und Zahlen rasten vorbei, auf vielerlei Untergründen, in Büchern, auf Pergamenten, auf goldenen Wänden und tönernen Tafeln, alles viel zu schnell, um erfasst zu werden, und doch so eindringlich, dass es seinen Schädel zu sprengen drohte.

Und plötzlich war es vorbei. Die abrupte Stille legte sich um ihn wie ein dickes, schwarzes Federkissen. Eingehüllt in Taubheit und absolute Dunkelheit begann er zu schweben. Orientierungslos und unfähig, sich zu rühren, hing er im Nichts. Die Schwärze umgab ihn wie zähflüssiger Teer, und langsam gab er sich der Schwere hin und schlief ein.

Patrick sackte in sich zusammen, seine Augen fielen zu, sein Atem beruhigte sich. Peter ergriff seine Hand und versuchte, den Puls zu finden. Der Franzose machte plötzlich den Eindruck totaler, ja bedrohlicher Entspannung. Peter konnte nicht einschätzen, ob er ins Koma gefallen oder lediglich bewusstlos geworden war. Vielleicht war es auch ein Herzanfall, aber er hatte weder die medizinischen Kenntnisse geschweige denn die Geräte, um es festzustellen. Er fand keine Alternative: Er konnte Patrick nicht einfach hier lassen. Er musste ihn wecken, entweder um ihn mit zum Wagen zu nehmen oder um ihm mitzuteilen, dass er Hilfe holen würde. Er wünschte sich einen Eimer kalten Gebirgswassers, verwarf den Gedanken aber sofort. Abgesehen von der zweifelhaften Unternehmung, hier oben Wasser zu finden, war es zu riskant, Patrick einem solchen Schock auszusetzen. So griff er nach Patricks linker Hand, spreizte dessen kleinen Finger ab und drückte eine Stelle knapp unterhalb des Nagelbettes mit seinem eigenen Fingernagel ein: eine Hand voll Akupressurpunkte hatte er sich während seiner Chinastudien merken können. Dieser sollte Bewusstlose aus ihrer Ohnmacht erwecken. Ausprobiert hatte er es aber noch nicht.

Tatsächlich begann Patrick, sich zu bewegen. Erstaunt hob Peter eine Augenbraue, offensichtlich funktionierte diese Methode sogar, wenn man selber nicht dran glaubte. Patrick schlug die Lider auf, schwer und zittrig.

»Patrick! Ich bin es, Peter. Wie geht es Ihnen? Können Sie sprechen?«

»Was... ist passiert?« Patrick hatte Mühe, die Worte zu artikulieren.

»Sie haben einen Schock. Sie sitzen in einer Höhle in Frankreich auf dem Boden.«

»Das weiß ich doch. Was ist mir passiert?« Langsam kehrten ein paar Lebensgeister in Patrick zurück. Er griff sich an den Kopf und umfasste ihn mit beiden Händen.

»Sie haben Ihren Kopf in den Durchgang gesteckt. Ich habe Sie zurückgerissen. Haben Sie Schmerzen? Können Sie aufstehen?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich bir einigermaßen okay.«

»Stehen Sie langsam auf. Wir sollten draußen ein wenig Luft schnappen. Wenn es geht, sollten Sie versuchen, mit meiner Hilfe den Abstieg zu schaffen. Sie müssen in ärztliche Behandlung.«

Patrick stand langsam auf und ging mit wackeligen Schritten zum Höhleneingang, wo er sich an die Felswand lehnte. Seine zittrigen Finger holten die Zigarettenpackung aus seiner hinteren Hosentasche und pulten schließlich am Papier der zerknautschten Öffnung.

»Ich halte das für keine gute Idee«, wandte Peter ein.

»Ich schon.« Patrick zündete die Filterlose an, doch er hatte kaum einen Zug getan, als es ihm jäh die Kehle zuschnürte. Er hustete und würgte und spuckte dabei die Zigarette auf den Boden. Speichel lief ihm im Mund zusammen, sein Magen verkrampfte sich zu einem Klumpen. Bebend suchte er Halt an der Felswand, beugte sich zur Seite und erbrach sich mit schmerzhafter Heftigkeit auf den Boden und über seine Schuhe.

»Scheiße«, brummte er nach einer Weile. Und als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er: »Also, bringen Sie mich runter.«