Quälend langsam gelang ihnen der Abstieg. Peter ging voran, so dass er den anderen abfangen konnte, wenn dieser den Halt verlieren sollte. Aber der Franzose hielt sich eisern am Sicherungsseil fest und schien jeden Fuß mit äußerster Sorgfalt aufzusetzen. Er musste sich arg zusammenreißen, um gegen die immer wieder aufkommende Übelkeit und den dröhnenden Kopfschmerz anzukämpfen. So war es weniger Behutsamkeit, als einfach seine Unfähigkeit, sich überhaupt schneller fortzubewegen.
Peter fuhr sie ins Hotel. Als der Arzt kam, den Peter bestellt hatte, war Patrick bereits wieder tief eingeschlafen. Peter schilderte Patricks Symptome so gut er konnte, angeblich ohne den genauen Auslöser des Anfalls zu kennen. Doch Puls und Blutdruck waren in Ordnung, Fieber war nicht feststellbar. Der Arzt riet Peter, den Kranken, der sich offensichtlich in einem schweren Erschöpfungszustand befand, zunächst schlafen zu lassen. Da es keine physische Einwirkung gegeben hatte, deuteten die Kopfschmerzen auf eine psychische Störung hin, einen Migräne- oder Epilepsieanfall. Um etwas Schwerwiegendes wie einen Schlaganfall oder gar einen Hirntumor auszuschließen, wollte der Arzt am nächsten Tag wiederkommen, um den Zustand des Kranken zu überprüfen und gegebenenfalls eine Verlegung nach Montpellier zu veranlassen.
Kapitel 7
30. April, Herrenbaus bei Morges, Schweiz
Neben dem Tintenfass aus Messing lag eine mit einer goldenen Spitze bestückte Gänsefeder auf einer kleinen hölzernen Ablage. Neben der ledernen Schreibunterlage ruhte der Arm eines Mannes in einem dunklen Jackett. Den weißen Hemdsärmel zierte ein kostbarer Manschettenknopf, auf dem Mittelfinger steckte ein schwerer rotgoldener Siegelring. Der Schreibtisch war krude aber mächtig, eine Antiquität, die vor einigen Jahrhunderten in einem Schloss gestanden haben mochte. Davor standen ein Mann und eine Frau, beide deutlich jünger als der Beringte.
»Wie schätzt ihr es ein, meine Freunde?«, fragte der Herr hinter dem Schreibtisch.
»Es ist die beste Gelegenheit seit langer Zeit. Ihr solltet weniger misstrauisch sein, Steffen«, antwortete die Frau.
»Ich denke ebenso wie Johanna«, warf der jüngere Mann ein. »Wir sollten nicht frühzeitig abbrechen.«
»Es ist in der Tat noch sehr früh«, stimmte der Herr zu, stand auf und strich sich über seinen weißen Bart, während er auf den Genfer See blickte. »Es sind mehr Menschen involviert als jemals zuvor. Die Gefahr ist somit auch größer als jemals zuvor.«
»Es sind aber auch gelehrtere Leute als jemals zuvor«, sagte Johanna.
»Sicher, sie werden immer gelehrter, aber sind sie auch intelligenter, weiser geworden?«
»Wenn wir sie auf den richtigen Weg bringen, können wir es herausfinden«, sagte der jüngere Mann. »Und uns bleibt noch genügend Zeit, abzubrechen.«
»Die ersten Schritte waren nicht sehr ermutigend. Und ihr wisst, wie es ist: Mit fortschreitender Zeit wird es immer schwieriger, alles ungeschehen zu machen. Ich hoffe, du behältst Recht, Joseph.« Steffen trat vom Fenster zurück. »Aber einverstanden. Damit ist die Entscheidung klar. Vielleicht bringen schon die nächsten Tage Gewissheit.«
2. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois
»Es freut mich zu sehen, dass Ihr Appetit keinen Schaden genommen hat.« Peter war mit seinem Fisch bereits fertig, aber Patrick hatte sich eine zweite Hauptspeise bestellt und trank dazu auch bereits die zweite Flasche Rotwein. Einen schweren Domaine de Villemajou, der, wie er erklärte, angeblich wunderbar zu seinem deftigen Braten passte.
»Hat denn sonst etwas Schaden genommen?«, fragte er belustigt.
»Das müssen Sie mir sagen, es sieht jedenfalls nicht danach aus.«
»Abgesehen vom Hunger fühle ich mich wirklich gut erholt. Ist aber auch kein Wunder, wenn Sie mich zwei Tage am Stück schlafen lassen.«
»Sie hatten es tatsächlich nötig. Der Arzt konnte nichts weiter feststellen außer einer hochgradigen körperlichen und geistigen Erschöpfung.«
»Ich kann mir immer noch nicht erklären, wie Sie mich geweckt haben. Sie haben einen Akupressurpunkt benutzt?!? Wenn ich schon nicht an solchen Hokuspokus glaube, wie kommen Sie denn dazu?«
»Ein Versuch, aus der Not geboren. Ich hatte keine andere Wahl.«
»Wahrscheinlich hat es einfach nur verdammt wehgetan. Vielleicht bin ich deswegen aufgewacht.«
»Seien Sie nicht so undankbar, immerhin hat es funktioniert, und es stand nicht gut um Sie. Können Sie mir erklären, was Ihnen passiert ist?«
»Nein, wirklich nicht. Was den Unfall angeht, ist in meinem Schädel noch ein einziges Chaos.«
»Haben Sie denn irgendeine Erinnerung an den Vorfall? Was haben Sie gespürt?«
»Ich kann es nicht sagen, beim besten Willen. Wenn ich versuche, darüber nachzudenken, schweifen meine Gedanken ab, ich werde verwirrt und bekomme Kopfschmerzen. Ich hoffe, dass sich das in den nächsten Tagen legt. Sicher ist jedenfalls, dass wir diesen schwarzen Fleck meiden müssen!«
»Der Entdecker der Höhle ist ja angeblich noch immer umnachtet.«
»Das kann ich mir gut vorstellen. Ich würde gerne mal mit ihm sprechen und herausbekommen, was ihm genau passiert ist.« Er nahm einen Schluck Wein. »Wie haben Sie denn Ihre Zeit verbracht? Ist etwas passiert? Sind Sie vorangekommen?«
»Ich bin noch zweimal in der Höhle gewesen und habe die Inschriften studiert. Sie überdecken einander stellenweise, sind also nacheinander angebracht worden, vielleicht mit vielen Jahren Abstand. Mit einer präziseren Analyse könnte man vielleicht feststellen, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Inschriften liegt.«
»Konnten Sie die Texte entziffern?«
»Ein paar lateinische Zeilen, ja. Sie scheinen aber in keinem sinnvollen Zusammenhang miteinander zu stehen.« Peter holte ein Notizbuch hervor, das er sich zugelegt hatte, um spontane Ideen, Fragen oder Erkenntnisse festzuhalten. »›Memento, homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris‹«, las er vor.
»Aha«, meinte Patrick.
»›Erinnere dich, Mensch, dass du aus Staub bist, und dich in Staub zurückwandeln wirst.‹ Ist christlichen Ursprungs, die Worte Gottes zu Adam nach dem Sündenfall. Dann habe ich noch gefunden: ›Indocti discant et ament meminisse periti‹, was so viel heißt wie ›Die Ungelehrten sollen es studieren, und die Gelehrten sollen es lieben, sich zu erinnern.‹ Das hatte jemand in die Wand gekratzt.«
»Das Letzte bezieht sich vielleicht auf die anderen Inschriften in der Höhle?«, sagte Patrick.
»Ja, das könnte sein. Möchten Sie noch einen Nachtisch?«
»Nein, danke. Nur noch eine rauchen und dann einen Kaffee.« Er legte seine Serviette auf den Tisch, lehnte sich zurück und zündete sich eine Zigarette an. Peter nahm die Gelegenheit wahr, um seinerseits eine Pfeife zu stopfen.
»Ich bin dafür, dass wir uns aus Genf einen Sprachwissenschaftler bestellen, dann kommen wir hier wesentlich besser voran.«
»Wollen Sie sagen, Sie sind mit Ihrem Latein am Ende?« Patrick lachte über seinen eigenen Witz, aber Peter ließ sich nicht davon ablenken.
»Ich habe noch etwas anderes gefunden«, fuhr der Engländer fort. »Eine Zeichnung.« Er schob Patrick das Notizbuch über den Tisch und deutete auf eine Bleistiftzeichnung.
»Eine Blume? Und was bedeutet die Inschrift?«
»›Hoc sit exemplum discipulis‹ heißt ›Dies ist ein Beispiel den Lehrlingen‹, oder ›meinen Lehrlingen‹. Die Buchstaben C.R.C. sind vielleicht die Initialen des Verfassers.«
»Der Verfasser ist der Meinung, etwas – vielleicht die Höhle – sei ein gutes Vorbild, für seine Lehrlinge?!«
»Vielleicht...« Peter hatte seine Pfeife nun entzündet und hob lächelnd eine Augenbraue. »Wir werden es ja herausfinden. Die Blume ist nämlich eine Rose. Eine ganz besondere Rose, und ich weiß auch, wer sie gezeichnet hat.«