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»Sie machen Scherze!«

»Beileibe nicht.«

»Und? Von wem ist sie?«

»Lassen Sie sich überraschen, ich habe bereits telefonisch ein Treffen organisiert. Wir müssen nach Paris fliegen. Fühlen Sie sich dazu in der Lage?«

»Sicher.« Patrick klopfte sich auf den Bauch. »Für mein Wohlbefinden ist erst mal gesorgt. Wann geht's los?«

»Wir fahren heute Nachmittag nach Béziers und nehmen von dort aus einen Flieger. Das Treffen ist bereits heute Abend. Rückreise ist morgen früh.«

»Sie haben schon alles organisiert, Peter?«

»Die Genfer ›Babylon Stiftung‹ macht's möglich«, scherzte Peter und erfreute sich am überraschten und anerkennenden Ausdruck auf Patricks Gesicht.

»Alle Achtung! Ich schlage vor, dass wir die Zeit nutzen, um ein Fax an Elaine aufzusetzen.«

»Welchen Inhalts?«

»Ich möchte von ihr den genauen Aufenthaltsort des Schäfers erfahren.«

»Einverstanden. Dann sollten wir bei der Gelegenheit gleich einen Linguisten oder besser einen Fachmann für Sprachen des Altertums bestellen.«

»Glauben Sie, Elaine kann jemand auftreiben, der Keilschrift, Hieroglyphen und Maya-Glyphen lesen kann? Vielleicht auch noch ein bisschen Hebräisch und Griechisch, wenn wir schon dabei sind?«

»Immerhin reichte ja auch eine Person, die weiß, wo sie die jeweiligen Übersetzungen auftreiben kann. Aber lassen Sie uns ruhig die Grenzen von Madame Kosten-spielen-keine-Rolle ausloten, nicht wahr?«

»Peter, Sie werden mir immer sympathischer.«

2. Mai, Brasserie La Tipia, rue de Rome, Paris

»Herr Professor Lavell! Es freut mich, Sie wiederzusehen!«

Ein Geschäftsmann Mitte fünfzig mit Krawatte und Anzug war an ihren Tisch getreten. Peter stand auf und reichte ihm die Hand.

»Darf ich vorstellen: Patrick Nevreux, Ingenieur und Archäologe, wir arbeiten zusammen. Dies ist Sebastian Hoquet, Bankier und erster Ansprechpartner für unser Anliegen.«

Sebastian setzte sich und bestellte mit einem Wink einen Kaffee. Dann wandte er sich Peter zu und lächelte ihn an.

»Wir haben uns so lange nicht gesehen, Herr Professor. Ich habe Ihre Veröffentlichungen mit Begeisterung verfolgt. Eine Schande, dass das Echo Ihnen und Ihren Forschungen nicht gerecht wird.«

»Ich schätze, es ist nur eine Sache des Zeitpunkts. Es geht ja nichts verloren.«

»Und nun arbeiten Sie schon wieder an etwas Neuem? Was ist der Grund für Ihre Eile?«

»Wir haben eine Zeichnung gefunden und möchten wissen, in welchem Zusammenhang sie mit der Loge steht.«

Sebastian lachte auf. »Sie wissen doch, dass ich im Zusammenhang mit unserer Loge an mein Schweigegelübde gebunden bin?«

»Das weiß ich wohl. Aber es ist doch einen Versuch wert, nicht wahr?«

»Ja, sicherlich. Um was für eine Zeichnung handelt es sich denn, und wo haben Sie sie gefunden?«

Peter überreichte dem Mann eine Kopie der Rose mitsamt der Inschrift. Der sah sich das Papier nur kurz an, da entglitt ihm für einen kurzen Moment die Kontrolle über seine Gesichtszüge. Es war nur ein flüchtiger Augenblick, dann hatte er seine Fassung wiedererlangt.

»Wo haben Sie das her, Herr Professor?«

»Es kommt Ihnen bekannt vor?«

»Sie müssen mir sagen, wo Sie diese Grafik kopiert haben!«

»Ich würde Ihnen gerne helfen, Monsieur Hoquet, aber ich fürchte, wir müssen uns in der Mitte des Weges treffen. Ich arbeite an einem Projekt mit höchster Geheimhaltung. Nichts darf nach außen dringen. Sagen Sie mir doch, was der Grund für Ihre Aufregung ist.«

Der Bankier schien sich etwas zu entspannen, hielt das Blatt aber weiter fest. »Ich bin seit vier Jahren nicht mehr Großmeister. Den jetzigen Kurs der Loge bestimmt nun Renée Colladon. Der Großmeister legt fest, was gesagt werden darf und was nicht. Er ist für das Bild in der Öffentlichkeit verantwortlich. Wir müssen ein Treffen mit Renée vereinbaren...« Er hielt einen Augenblick inne und dachte nach. Dann stand er plötzlich auf. »Ich muss ein paar Telefonate erledigen. Haben Sie heute Abend noch Zeit? Wäre es Ihnen recht, wenn ich Sie im Hotel anrufe und dort abhole?«

»Das ist kein Problem. Wir sind im Méridien. Hinterlassen Sie eine Nachricht für uns. Und bitte lassen Sie das Blatt hier.«

Als der Mann das Restaurant verlassen hatte, war es an Patrick, Fragen zu stellen.

»Der hatte es ja ganz schön eilig. Woher kennen Sie ihn, und von welcher Loge haben Sie gesprochen?«

»Ich habe ihn im Zuge früherer Recherchen kennen gelernt. Damals war er Großmeister der ›Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose‹, einer einflussreichen Freimaurerloge. Ihr Emblem ähnelt dem aus der Höhle auffallend. Er wird uns sagen können, wie es in die Höhle kommt und was die Inschrift bedeutet.«

»Was haben Sie mit solchen Sekten zu tun, Peter? Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut...«

»Keine Sekte. Es sind Freimaurer, oder sagen Sie meinetwegen eine Geheimgesellschaft, aber es ist keine religiöse Vereinigung. Sie verfolgen harmlose soziale Ziele wie Brüderlichkeit, Verständnis und so weiter. Eines ihrer zentralen Statuten schreibt sogar die Unterlassung von jeglichen Diskussionen über Religion oder Politik während ihrer Treffen vor.«

»Das heißt noch lange nicht, dass sie keine Sekte sind. Freimaurer sind doch die mit den Schürzen und Zylindern, die sich in dunklen Kellern beim Kerzenschein die Hände reichen.«

»Ihr profundes Halbwissen entzückt mich. Ich gebe zu, dass viele ihrer Symboliken, Riten und Traditionen religiös wirken. Tatsächlich hat das alles einen äußerst interessanten kulturhistorischen Ursprung, und zwar im 18. Jahrhundert.«

»Na gut, wenn Sie es sagen, Herr Professor. Solange Sie mir nicht mit New Age oder anderem Okkultismus anfangen!«

Peter seufzte. »Das eine hat zwar nichts mit dem anderen zu tun, aber ich weiß, was Sie meinen. Nein, keine Sorge. Okkultismus ist mit ziemlicher Sicherheit das Letzte, wofür ich empfänglich bin.«

Sebastian Hoquet holte sie um 23 Uhr am Hotel ab. Sie stiegen in seinen Wagen und fuhren über den Autobahnring hinaus in die Vororte von Paris.

»Es war nicht einfach, ein Treffen zu organisieren«, erklärte er. »Heute Abend ist eigentlich eine reguläre Zusammenkunft im Tempel. Aber der Großmeister ist zugegen. Leider ist es nicht möglich, einfach draußen zu warten. Wir werden also gemeinsam der Begrüßungszeremonie beiwohnen und uns dann mit ihm zusammen zurückziehen.«

»Wenn wir dort komische Sachen singen oder essen müssen«, warf Patrick ein, »dann wüsste ich das gerne vorher, um mich rechtzeitig auszuklinken.«

»Sie brauchen keine Bedenken zu haben, Monsieur.« Sebastian wies auf eine Schachtel auf dem Rücksitz. »Da drin finden Sie schwarze Kapuzen und Schürzen. Die werden wir alle tragen. Sie folgen mir und tun das, was ich mache oder was ich Ihnen sage. Ansonsten schweigen Sie einfach.«

»Schwarze Kapuzen und Schürzen! Ich habe es geahnt. Haben Sie das schon mal gemacht, Peter?«

»Ich habe davon gehört.«

»Ah. Sehr beruhigend...« Patrick klang nicht überzeugt. Er packte die Schürzen aus und begutachtete sie. Sie waren aus sehr dünnem weißem Lammleder gefertigt und wurden offenbar um die Hüfte gebunden, um den Schoß zu bedecken. Er schüttelte den Kopf.

Sie kamen in ein ruhiges Viertel. Hinter den Bäumen der Allee und den alten Mauern verbargen sich noble Villen. Sebastian hielt vor einem großen schmiedeeisernen Tor, direkt neben einem kleinen Pfosten mit Lautsprecher. Er ließ das Fenster herunter und sprach einige unverständliche Worte in die Anlage. Kurz darauf glitt das Tor beiseite, und der Wagen fuhr hinein. Die Auffahrt war breit, mit Kopfsteinpflaster ausgelegt und unbeleuchtet. Das gesamte Grundstück lag im Dunklen und wurde nur von den Autoscheinwerfern bruchstückhaft erhellt. Kurz hinter dem Tor lenkte Sebastian den Wagen in eine Art Parkbucht. Er zog zwei schwarze Tücher aus dem Handschuhfach, stieg aus und verhängte die Nummernschilder. Dann fuhren sie weiter. Die gewundene und mit hohen Rhododendronbüschen gesäumte Zufahrt führte sie hinter einer Biegung auf eine weite Fläche, die von einer imposanten Villa überragt wurde. Auf dem Platz davor parkten bereits rund zwei Dutzend Autos, alle mit verhüllten Nummernschildern.