Renée beugte sich weiter vor, den Blick noch immer auf Patrick geheftet. »Ich sehe, dass Sie nicht im Mindesten mit unserer Geschichte vertraut sind.«
»Nein, ich habe mich noch nie für die Freimaurerei interessiert. Und ich habe auch noch nie so ein Schürzchen getragen.«
»Wir Freimaurer sind auf der Suche und im ständigen Bestreben, uns selbst sittlich zu veredeln, wie wir auch einen rohen Stein bearbeiten, um aus ihm ein prunkvolles Gebäude zu Ehren des Allmächtigen zu errichten. Die Maurer waren seit altersher die ungesalbten Eingeweihten. Wir haben Dome und Kathedralen errichtet, die Pyramiden der Pharaonen und den Tempel zu Jerusalem. Unser größtes Bauwerk Ihm zu Ehren jedoch erzürnte Ihn, und er strafte die Menschheit dafür. Sie wissen, wovon ich spreche?«
Patrick schüttelte den Kopf.
»Es war der Turmbau zu Babel«, fuhr die Frau fort. »Und Gott verwirrte die Menschen, und keiner verstand mehr die Sprache des anderen. Es war die babylonische Sprachverwirrung.«
»Und deswegen sprecht ihr jetzt Hebräisch?«
»Hebräisch ist die Sprache Gottes, und in ihr liegt die Kraft, Dinge zu erschaffen. Indem Adam in der Sprache Gottes den Dingen Namen gab, wurden sie wahr. In den wahren Namen der Dinge wohnt somit ihre ureigene schöpferische Kraft. Mit Hilfe der Kabbala gelingt es uns, dieser Wahrheit der Dinge auf die Spur zu kommen, und wir können unsere Gespräche mit Gott in der Ursprache wieder aufnehmen. Natürlich bleibt es ein ständiges Ringen nach unerreichbarer Vollkommenheit.«
»Was ist die Kabbala?«, fragte Patrick.
»Lassen Sie uns jetzt nicht zu sehr in Details gehen«, mischte sich Peter ein. »Tatsächlich haben wir andere Fragen.«
Renée lachte kurz auf. »Ihre Zielstrebigkeit ist bekannt, Professor Lavell. Gerne würde ich die Diskussion mit Ihnen vertiefen, Monsieur Nevreux, aber ich spüre, dass ich Sie zu einem anderen Zeitpunkt wiedersehen werde, wenn Sie Ihre wahren Fragen stellen. Der Professor hat Recht, heute sind Sie aus einem anderen Grund hier. Sie haben eine Zeichnung entdeckt, und diese verlangt nach einer Antwort.«
»In der Tat.« Peter reichte die Kopie über den Tisch. »Von wem stammt diese Zeichnung, und was bedeutet sie?«
Renée nahm das Blatt entgegen und betrachtete es eingehend. Durch ihre Kapuze war es nicht möglich, ihren Gesichtsausdruck zu erkennen, aber für einen Moment herrschte angespanntes Schweigen.
»Es ist eine Rose«, sagte der Großmeister schließlich.
»Ja«, sagte Peter.
»Haben Sie die Zeichnung aus einem Buch?«
»Nein, wie kommen Sie darauf?«
»Der lateinische Spruch bezieht sich auf etwas, womöglich auf einen Text oder ein Buch, aus dem er stammt. Woher ist die Zeichnung?«
»Ich darf es nicht sagen. Wir müssen zunächst ihre Bedeutung ermessen. Es handelt sich um ein geheimes Forschungsprojekt, wie ich Monsieur Hoquet bereits mitteilte.«
»Was für eine tiefere Bedeutung sollte in einer Rose liegen?«
»Vielleicht dieselbe Bedeutung, die im Emblem Ihrer Loge liegt. Ist es nicht auch eine mit Kreuz und Herz versehene Rose? Wenn ich mich recht erinnere, stimmt sogar die Anzahl der Blütenblätter mit der Ihren überein...«
Renée lehnte sich zurück und schob das Blatt scheinbar desinteressiert über den Tisch zurück. »Die Ähnlichkeit mag verblüffend sein, aber vielleicht ist sie rein zufällig? Ich wüsste nicht, welche Beziehung es geben sollte.« Sie machte eine Handbewegung. »Vielleicht, wenn ich wüsste, woher diese Rose stammt, aber so...«
»›Dies ist ein Beispiel meinen Lehrlingen‹... Was sagen Ihnen die Buchstaben C.R.C. am Ende des Spruchs?«, fragte Peter.
»Ich maße mir nicht an, darüber zu spekulieren, Herr Professor.«
»Interessanterweise war Bruder Sebastian hier«, Patrick deutete auf den vermummten Bankier, »der Meinung, dass wir uns ganz dringend deswegen mit Ihnen treffen sollten.«
Die Frau reagierte nicht, bis auf eine Bewegung, die vielleicht ein Schulterzucken andeutete.
»Ich glaube, wir haben alles erfahren, was es zu wissen gibt«, lenkte Peter ein. »Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, wir bedanken uns vielmals für dieses außerordentliche Treffen, doch unser Flug geht sehr früh. Wir sollten uns nun zurück ins Hotel begeben.«
»Die Freude war ganz meinerseits, Messieurs, und es tut mir außerordentlich leid, Ihnen nicht helfen zu können. Wir sollten natürlich in Verbindung bleiben, für den Fall, dass Sie sich in der Lage sehen, Näheres über den Fundort erzählen zu dürfen.«
»Das sehe ich auch so«, verabschiedete sich Peter und deutete Patrick an, dass sie nun ohne weitere Fragen gehen sollten. »Vielleicht fällt Ihnen ja auch noch etwas ein.«
»Bruder Sebastian wird Sie hinausführen«, sagte der Großmeister. »Ich wünsche Ihnen eine gute Rückfahrt.«
Sie wechselten kaum ein Wort, während Sebastian sie durch die dunklen Vororte fuhr, durch finstere Alleen und vorbei an gespenstischen alten Häusern sowie spärlich beleuchteten Wohnblocks, die ihnen auf der Herfahrt weit weniger trostlos vorgekommen waren.
»Sie müssen entschuldigen«, sagte Sebastian, als er sie am Hotel absetzte, »dass der Abend nicht so erfolgreich verlaufen ist.«
»Ich bitte Sie!«, erwiderte Peter. »Für mich war es äußerst aufschlussreich. Vielen Dank, dass Sie es möglich gemacht haben.«
Als sie allein waren, gingen sie in die Bar des Hotels und setzten sich abseits von anderen Gästen in eine Sitzecke. Peter stopfte sich seine Pfeife.
»Was halten Sie von der Frau, Patrick?«
»Sie redet verworrenes Zeug, aber sie weiß etwas.«
»Ja, das denke ich auch. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Aber es hatte überhaupt keinen Zweck, länger dazubleiben. Sie wird sich noch mal bei uns melden, aus diesem Grund habe ich Sebastian unsere Faxnummer gegeben.«
»Was macht Sie so sicher? Meiner Meinung nach hatte die Frau eindeutig einen leichten Schaden. Und was soll Kabbala sein?«
»Was mich so sicher macht... nun, ich kenne Sebastian sehr gut, er hat sich verraten. Die Zeichnung ist auf alle Fälle von äußerster Bedeutung für die Bruderschaft. Das kann er beurteilen, da er als Großmeister jahrelang die wichtigsten Angelegenheiten der Loge betreut und geleitet hat. Nun kann er sich nicht über den neuen Großmeister hinwegsetzen, deswegen darf er nicht selber sprechen. Aber allein die Tatsache, dass man uns in den Tempel gelassen hat, zeigt die Wichtigkeit, die uns der Großmeister beimisst. Und das nur aufgrund der Erzählung Sebastians. Nun möchte sie um Informationen feilschen. Ich vermute, das Geheimnis betrifft den Kern der Loge selbst, daher das große Interesse und ihre Verstocktheit.«
»Und jetzt wollen Sie warten, dass ihr doch noch etwas ›einfällt‹?«
»Ja. Wenn sie recherchiert, wird unsere Faxnummer sie nach Genf führen, da uns ja alles von dort weitergeleitet wird. Aber dort wird sie auf Granit stoßen, da können wir uns auf Elaine verlassen. Es wird ihr also gar nichts anderes übrig bleiben, als sich noch mal zu melden.«
»Ob es etwas mit der Sprachverwirrung zu tun hat, von der sie erzählt hat?«
»Wie meinen Sie das?« Peter blies den Pfeifenrauch gemächlich zur Decke und sah Patrick von der Seite an.
»Na ja, einerseits finden wir eine merkwürdige multilinguale Höhle, und das Projekt heißt sogar ›Babylon Projekt‹. Andererseits faselt die geheimnisvolle Hebräerin ebenfalls etwas von Sprachverwirrung. Wir zeigen ihr eine Zeichnung aus der Höhle, und plötzlich wird sie ganz nervös. Sind die Sprachen der Zusammenhang?«
»Also, die Höhle hat mit Sicherheit nichts mit der babylonischen Sprachverwirrung zu tun, wenn es das ist, was Sie meinen. Die Sage um den Turmbau zu Babel, worauf sich ja auch Renée in der Abstammung ihrer Freimaurerloge beruft, ist eine Legende, die wahrscheinlich die alten Zikkurats der sumerischen Stadt Ur zum Vorbild hat. Das Reich der Sumerer ging schließlich unter, und das Gebiet wurde in den folgenden Jahrhunderten Schmelztiegel von Wüstenvölkern, Kriegern und Nomaden, alle mit völlig unterschiedlichen Sprachen. Das alles in dem Zeitraum zwei- bis dreitausend vor Christus. Das Vorhandensein von Latein in der Höhle spricht aber dafür, dass diese mindestens zweitausend Jahre jünger ist. Einen direkten Zusammenhang kann es also nicht geben.«