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Patrick zündete sich eine Zigarette an. »Das ist mir schon klar. Die Höhle hat bestimmt nichts mit Babylon zu tun, aber die Loge vielleicht auch nicht. Was ich sagen will, ist: Vielleicht hat man die Babylon-Legende später hinzugedichtet, weil sie schön ins Bild passte, und in Wirklichkeit geht es um diese Höhle.« Patrick ereiferte sich zusehends. »Vielleicht war C.R.C. der Gründer der Loge und hat die Höhle seinerzeit selber bemalt. Vielleicht wollte er seinen Jüngern oder Lehrlingen oder wem auch immer ein besonderes Geheimnis hinterlassen, und die verschwörerische Renée hält sich für eine Nachfolgerin. Leider hat man vergessen, wo die Höhle lag, und so wurde aus der Höhle der Schriften der Turmbau zu Babel. Passt ja auch besser zu Maurern.«

»Ja, das klingt durchaus plausibel. Ich habe keine Scheu vor ungewöhnlichen Zusammenhängen, aber eine Abstammungsgeschichte, die sich auf eine fünftausend Jahre alte Legende beruft, sollte man mindestens für fragwürdig, wenn nicht wahnwitzig halten.« Er benutzte ein kleines Stahlutensil, um die Glut seiner Pfeife nachzustopfen. »Wenn wir wüssten, wie alt die Malereien sind, könnten wir Ihre Theorie besser abwägen.«

»Und wir müssten die Texte kennen«, fügte Patrick hinzu. »Wenn es um ein Geheimnis geht, steht das ja vielleicht in den Texten.«

»Ja, es wird immer wichtiger, dass wir jemand dazubekommen, der uns beim Übersetzen helfen kann.«

Kapitel 8

5. Mai, Büro des Bürgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois

Der Morgen war kühl, ein feiner Nebel hatte die Straßen über Nacht benetzt, draußen roch es nach Pinien und Erde, doch im Büro von Didier Fauvel hing trotz der geöffneten Fenster eine schwere Luft aus Bohnerwachs, staubigen Ledersesseln und Eichenholzmöbeln.

»Es freut mich, dass Sie meiner Einladung folgen konnten«, sagte der Bürgermeister. »Bitte, setzen Sie sich doch. Sie müssen sehr beschäftigt sein, ich möchte Sie deswegen auch nicht lange aufhalten. Aber vielleicht können Sie mir etwas über den Fortschritt Ihrer Untersuchungen sagen. Ich selbst bin natürlich kein Fachmann auf diesem Gebiet, deswegen habe ich Monsieur Fernand Levasseur eingeladen.« Er deutete auf einen grobschlächtigen Mann mit Vollbart, der ausdruckslos auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch saß. Unter seinen hochgekrempelten Hemdsärmeln kamen kräftige, behaarte Arme zum Vorschein, wie sie einem Holzfäller alle Ehre gemacht hätten. »Er ist studierter Biologe und unser Umweltbeauftragter der Region um St.-Pierre-Du-Bois. Ich habe ihn gebeten, sich in den nächsten Tagen und Wochen ein wenig Zeit zu nehmen, so dass er Ihnen mit seinen Ortskenntnissen zur Verfügung stehen kann.«

Peter und Patrick tauschten einen flüchtigen unsicheren Blick, bevor der Professor ein Lächeln über sein Gesicht huschen ließ und sich dem Mann zuwandte. »Professor Peter Lavell, sehr erfreut. Darf ich meinen Kollegen vorstellen, Ingenieur Patrick Nevreux,«

Der Biologe nickte.

»Wie geht es denn nun voran?«, drängte der Bürgermeister und ließ sich gemächlich in seinen Schreibtischsessel sinken.

»Nun, Monsieur le Maire«, hob Patrick an, »zunächst einmal müssen wir Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit nehmen, sich unsere sicherlich furchtbar trockenen Analysen ansehen zu wollen.«

Didier Fauvel grinste und winkte mit seinen speckigen Fingern ab.

Patrick öffnete eine Mappe mit Dokumenten; es war eine Auswahl aus der Sammlung von Papieren, die ihnen bereits zu Beginn des Projekts vorbereitet worden waren. Darunter befanden sich auch einige nichts sagende Fotografien von Waldabschnitten, Absperrungen und Markierungspfosten. »Wir möchten Sie ungern hiermit langweilen«, fuhr Patrick fort, blätterte flüchtig in den Unterlagen und klappte die Mappe danach wieder zu. »Um es auf den Punkt zu bringen: Wir kommen nur schleppend voran.«

»Wie bitte?!« Die Wangen des Bürgermeisters schimmerten rot, als er sich abrupt nach vorne beugte.

»So unangenehm es ist: Im Sinne eines professionellen Vorgehens müssen wir Sie jetzt schon darauf aufmerksam machen, dass der von uns zuvor anvisierte zeitliche Rahmen nicht zu halten sein wird.«

»Was wollen Sie damit sagen?« Fauvels Augen verengten sich und fixierten Patrick bedrohlich.

»Es ist besser, Sie frühzeitig zu informieren, jetzt, wo wir darauf noch reagieren können, bevor es zu spät ist...« Patrick machte eine Pause, und Peter fragte sich, was sein Kollege mit diesem Sermon beabsichtigte. Sie hatten im Vorfeld darüber gesprochen, wie sie dem leicht erregbaren Mann gegenübertreten wollten, und hatten sich darauf geeinigt, dass Patrick das Gespräch übernehmen sollte. Entgegen dem impertinenten Eindruck, den er manchmal machte, hatte er ganz offensichtlich eine beachtenswerte Übung dann, vertrackte Verhandlungsgespräche zu führen. Eine Fähigkeit, die Peter aufgrund seiner zurückhaltenden oder bestenfalls überheblichen Art nicht besaß. Peter ließ sich entweder Dinge erklären, oder er erklärte sie. Kompromisse, Schmeicheleien oder gar dreiste Lügen waren so wenig sein Gebiet, wie es Patrick lag, Anweisungen zu befolgen oder Autoritäten zu respektieren – wenn es ihm nicht von persönlichem Nutzen war.

»Wir wissen jetzt, dass wir das Problem leider nicht bis Ende dieser Woche lösen können«, sagte Patrick. »Wir tun unser Möglichstes, aber wir benötigen Ihre Hilfe.«

Ein süffisantes Lächeln zog sich über das Gesicht des Bürgermeisters. »Was kann ich für Sie tun, Messieurs?«

Ein gekonnter Schachzug, befand Peter. Natürlich hatte es nie eine Abmachung gegeben, die ein Ende des Projekts in dieser Woche vorgesehen hätte, aber auf diese Weise hatte Patrick aus der Tatsache, dass es eigentlich gar keine Ergebnisse zu präsentieren gab, sogar noch Gewinn geschlagen. Er hatte ihre Akzeptanz bei diesem Mann erhöht, der sich nun heimlich im Vorteil wähnte.

»Um die Herkunft und den Verlauf der Epidemie bewerten zu können, benötigen wir Wetterdaten dieser Region. Haben Sie Möglichkeiten, diese zu bekommen?«

»Selbstverständlich, das sollte kein Problem sein.«

»Wunderbar, Monsieur le Maire. Wir sind Ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet. Wir benötigen Daten über Niederschlagsmenge, Windrichtung und -geschwindigkeit, Temperaturen von Regen, Schatten und Sonne, Luftdruckverhältnisse und Stickstoff- sowie Ozonwerte, stundenweise über den Zeitraum der letzten sechs Monate aufgezeichnet. Ich habe Ihnen hier eine Aufstellung in Form eines tabellarischen Fragebogens vorbereitet. Sie glauben gar nicht, wie wertvoll das für uns sein wird, Vielen Dank, dass Sie sich darum kümmern!«

Peter lächelte in sich hinein. Der Mann würde wahrscheinlich Wochen damit zubringen, wutentbrannt irgendwelche entnervten Aushilfskräfte diverser Wetterstationen dazu anzutreiben, völlig sinnlose Daten zu extrahieren oder zu rekonstruieren, die es wahrscheinlich noch nicht einmal in dieser Genauigkeit gab.

»Darf ich fragen, wozu genau Sie diese Daten benötigen?«, meldete sich der bullige Fernand zu Wort. Peter zuckte innerlich zusammen. Vielleicht war Patrick etwas zu weit gegangen. Aber dieser zögerte keinen Augenblick, als er antwortete: »Selbstverständlich, Monsieur. Indem wir diese Daten analysieren, können wir ableitend Aussagen über die nahe Zukunft und die bestmögliche Vorgehensweise zur Eindämmung der Seuche treffen. Wir setzen dazu neueste Datamining-Software aus Kalifornien ein, die die chaotischen Werte der Wetterdaten, die präzisen geologischen Messwerte der Region sowie die statistischen Daten der Tierpopulationen in einem Artifical-Life-System berechnet. Es ist eine völlig neue Technologie, die wir hier in einem Pilotprojekt einsetzen und testen, um Preisverhandlungen führen zu können.« Patrick setzte eine verschwörerische Miene auf. »Eigentlich sind diese Informationen streng geheim, aber unter Kollegen durfte ich Ihnen sicherlich so viel sagen. Es geht dabei um Millionenbeträge zu Gunsten der WHO.«