Der Biologe hob fragend die Augenbrauen und wechselte einen Blick mit dem Bürgermeister. Doch dieser zuckte mit den Schultern und lächelte Patrick anerkennend dümmlich zu. Fernand Levasseurs Miene nahm daraufhin wieder den alten, nichts sagenden Ausdruck an.
»Patrick«, mischte sich Peter nun ein, angesteckt durch dessen Fabulieren und im Bestreben, den Termin zu einem schnellen Ende zu bringen, »wir müssen los. Unser Termin.«
»Oh, tatsächlich«, nahm Patrick den Ball auf, »unsere Konferenzschaltung um halb zehn... Es tut mir furchtbar leid, aber wir müssen uns beeilen. Monsieur le Maire, Monsieur Levasseur, es war mir eine Freude. Und nochmals vielen Dank für Ihre Unterstützung!«
»Ich würde mich gerne im Laufe der Woche mit Ihnen treffen«, sagte der Biologe, »und mir Ihre Untersuchungsergebnisse genauer ansehen.«
»Natürlich.« Patrick zögerte. »Lassen Sie uns dann einfach rechtzeitig einen Termin vereinbaren.«
»Mir passt es jederzeit. Wie wäre es Freitag?«
»Freitag? Ja, Freitag... warum nicht. Um neun Uhr in unserem Hotel?«
»Einverstanden.«
»Verdammt«, sagte Patrick, als sie auf dem Rückweg ins Hotel waren. »Jetzt haben wir diesen Typ am Hals.«
»Ich bin beeindruckt, wie Sie den Bürgermeister abgefertigt haben. Aber wie wollen wir uns auf Freitag vorbereiten?«
»Ich weiß es nicht, ich hoffe, mir fällt noch etwas Gutes ein. Ich habe ja während der Autofahrt Zeit nachzudenken.«
»Sind Sie sicher, dass Sie heute in das Sanatorium fahren wollen?«
»Je schneller, je besser. Carcassonne ist nicht weit, und vielleicht finde ich etwas heraus, das uns weiterbringt. Ich habe auch immer noch ein ziemlich mieses Gefühl im Schädel, wissen Sie. Seit dem Vorfall habe ich nicht mehr richtig geschlafen. Das ist also reines Eigeninteresse.«
»Ja, sicher, ich verstehe. Hoffentlich kommen Sie weiter.«
»Ist Ihnen heute Morgen, kurz bevor wir losgingen, aufgefallen, dass wir ein Fax bekommen haben?« Patrick holte ein gefaltetes Papier hervor.
»Ein Fax? Nein. Von wem könnte das auch sein? Niemand kennt unseren Aufenthaltsort. Oder ist es etwa aus Genf?«
»Ich weiß es auch nicht. Ein wenig merkwürdig ist es schon. Hören Sie:
›Sehr geehrte Herren,
Sie stießen auf einen Kreis, und es kann Kreise ziehen, was Sie erforschen, doch achten Sie darauf. Das Zentrum für Mann und Frau betritt der Kreis, nicht die Rose. Achten Sie darauf, dass Ihre Forschung keine Kreise zieht, bis nicht der Kreis auf Sie stößt.
Ehrerbietig, St. G.‹«
Peter überlegte. »Seltsam. Steht eine Absendernummer auf dem Fax?«
»Natürlich. Ich werde herausbekommen, von wo es geschickt wurde, der Vorwahl nach zu schließen aus der Schweiz. Aber nach Elaine klingt es nicht.«
»Nein, in der Tat. Vielleicht gibt es einen Maulwurf bei der UN?«
»Gut möglich. Aber der Absender scheint zu wissen, dass wir Nachforschungen über die Rose betrieben haben. Vielleicht bezieht er sich sogar auf unseren Besuch in Paris. Elaine weiß davon aber gar nichts. Vielleicht kommt das Fax direkt aus den Händen dieser Freimaurer. Oder Sebastian hat die Nummer weitergegeben...«
»Es hat einen merkwürdigen, konstruierten, künstlichen Klang, wie ein Gedicht... oder ein Rätsel... Ich möchte mir den Text gerne genauer ansehen. Lassen Sie mir das Papier hier?«
»Natürlich.« Patrick reichte Peter das Fax. Sie bogen in die Hoteleinfahrt ein und parkten direkt neben dem Eingang. »Fahren Sie gleich wieder zur Höhle, oder kommen Sie noch mit hoch?«, fragte Patrick beim Aussteigen.
»Ich komme noch mal mit hoch«, sagte Peter, »vielleicht fahre ich erst nach dem Mittagessen ins Camp. Wenn Sie wollen, können Sie auch gerne den Landrover mitnehmen, dann bleibe ich den ganzen Tag hier.«
»Danke, aber vielleicht brauchen Sie den Geländewagen heute doch noch. Ich nehme mir einen Leihwagen vom Hotel.«
Im Foyer trat ein Bediensteter auf sie zu. »Messieurs, gerade ist eine Dame eingetroffen, die Sie suchte. Sie frühstückt im Salon Vert und wartet auf Sie. Soll ich Sie zu ihr führen?«
Peter sah Patrick erstaunt an. »Ob Elaine uns einen Überraschungsbesuch abstattet?«
»Zuzutrauen wäre es ihr. Was, wenn es Frau Großguru ist, die mit der Loge?«
»Renée Colladon? Nein, das glaube ich nicht. Sie kann nicht wissen, wo wir sind, und wenn doch, so hätte sie sich angemeldet.«
»Nach dem Fax wäre ich nicht mehr so sicher, dass keiner weiß, wo wir sind.«
Der Bedienstete stand noch immer vor ihnen und sah mit einem so unbeteiligten Gesichtsausdruck an ihnen vorbei, dass man ihm förmlich die Anstrengung ansah, so zu tun, als würde er nicht zuhören.
»Wollen Sie noch schnell mitkommen, gucken, wer es ist?«, fragte Peter.
»Um ehrlich zu sein, nein. Wenn Sie einverstanden sind, verziehe ich mich jetzt unauffällig.«
»Gut. Fahren Sie vorsichtig und viel Erfolg.« Anschließend wandte sich der Professor an den Hoteldiener: »Führen Sie mich bitte zu ihr.«
Der Salon Vert hatte seinen Namen durch die vollständig verglaste Front, die den Blick auf das üppige Grün des Gartens freigab. Die Morgensonne schien durch die Bäume und einen großen Bambusstrauch, der neben einem Teich gepflanzt worden war. Das Licht fiel in warmen, zitternden Streifen in den Raum, der in gelben und grünen Pastelltönen gehalten war. Rattanmöbel und Sets aus Bast strahlten einen fast britischen Stil aus. Ein wenig zwanziger Jahre, ein wenig subtropisch.
Um diese Uhrzeit waren nur noch wenige Gäste mit dem Frühstück beschäftigt. Zwei einzelne Herren lasen Zeitung, ein älteres Ehepaar aß noch, und an einem Tisch neben der zur Hälfte geöffneten Verandatür saß eine junge Frau bei einer Tasse Kaffee.
»Das ist die Dame, Monsieur le Professeur.« Der Angestellte zog sich zurück.
Die Frau sah auf, als Peter auf sie zutrat. »Peter Lavell, guten Morgen«, stellte er sich vor. »Man sagte mir, Sie suchten mich.«
»Sie und Ihren Kollegen Patrick Nevreux, ja.« Sie reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Stefanie Krüger. Bitte, setzen Sie sich doch.«
Peter nahm Platz und betrachtete die Frau eingehend. Sie mochte Anfang dreißig sein, war ausgesprochen gut aussehend, sportlich-leger gekleidet und hatte ihr offenes blondes Haar auf einer Seite hinter die Ohren geklemmt. Um zu verhindern, dass ihr die Haare auf der anderen Seite ins Gesicht fielen, hielt sie den Kopf ein wenig schief. Für einen Augenblick hätte man sie für eine Touristin halten können, aber ihre Augen strahlten eine Konzentration aus, wie man sie bei einem Geschäftsmann vermutet hätte. Neben ihr auf dem Stuhl lagen eine Notebook-Tasche und ein Handy. Eine Reporterin!, schoss es Peter durch den Kopf.
»Ich bin froh, dass ich Sie heute Morgen noch treffe.« Sie holte eine Mappe hervor, die Peter bekannt vorkam. Sie trug den schwarzen Schriftzug Projekt Babylon. »Mehr als der Name dieses Hotels ist diesen kryptischen Papieren natürlich nicht zu entnehmen gewesen. Aber früher oder später musste ich Sie hier antreffen. Zur Not hätte ich den ganzen Tag auf Sie gewartet.«
Sie machte eine Pause, doch Peter erwiderte nichts.
»Ach so«, sagte sie, »vielleicht hat man mich nicht angekündigt. Ich stelle mich also am besten erst mal vor. Meinen Namen kennen Sie ja. Ich arbeite als freie Wissenschaftlerin, zuletzt für das British Museum in London. Ich bin Linguistin mit dem Spezialgebiet Klassik und Altertum. Ich bin von Elaine de Rosney im Namen der UN nach Genf eingeladen worden, mit dem Angebot, an diesem Projekt mitzuarbeiten.«
Peter hob eine Augenbraue. Hatte Elaine tatsächlich so schnell eine Sprachwissenschaftlerin gefunden?
»Das war vor zwei Tagen, und nun bin ich hier. Das Ganze ist ja sehr geheimnisvoll. Ich bin gespannt, um was es geht.«
Peter zögerte. »Mit welchen Sprachen sind Sie vertraut?«
»Ich bin im Ausland aufgewachsen und an internationalen Schulen gewesen. Ich spreche verhandlungssicher Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Außerdem Italienisch, Portugiesisch – die romanischen Sprachen ähneln sich ja alle. Griechisch und Türkisch ebenfalls.«