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»Was ist mit dem Altertum?«

»Ich erforsche die Entwicklungsgeschichte der Sprache und der Schrift. Dazu gehört das Entziffern und Analysieren der Strukturen. Bei einigen Schriften muss man die Sprache selbst auch kennen, wie zum Beispiel, wenn man Hieroglyphen entziffern möchte. Andere Schriften sind so strukturiert, dass man sie in ein vereinbartes Äquivalent in lateinischer Schrift übertragen kann, ohne es selbst lesen zu können. Die Übersetzung nimmt dann jemand anderes vor.«

»Welche Sprachen des Altertums können Sie denn selber übersetzen?«

»Leider nur Latein, Altgriechisch, Hebräisch und Ägyptisch. Ein bisschen Etruskisch, so weit es geht, ebenfalls. Nur die Klassiker eben.«

»Nur die Klassiker?!«, entfuhr es Peter.

»Ich habe allerdings Quellen, um die meisten anderen Sprachen ebenfalls übersetzen zu lassen«, setzte Stefanie schnell hinzu.

»Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin überaus beeindruckt! Sie scheinen ein Sprachgenie zu sein.«

»Sehen Sie, ich vergleiche es immer mit Musik. Wenn Sie wirklich musikalisch sind, und Musik Ihr Beruf, Ihr Leben ist, dann verstehen Sie die Sprache der Noten, dann können Sie gleichermaßen Jazz wie Pop verstehen und spielen. Es ist alles dieselbe Welt. Die Muster und Strukturen wiederholen sich.«

»Was bedeutet ›hoc sit exemplum discipulis‹?«

»›Hoc‹ heißt ›dies‹, ›sit‹ ist Konjunktiv, ›hoc sit‹, ›dies sei‹, ›exemplum‹, ›ein Beispiel‹, ›discipulis‹ bedeutet ›Lehrling‹, im biblischen Sinne auch ›Jünger‹: ›Dies sei ein Beispiel für meine Jünger.‹ Warum fragen Sie das, soll es ein Test sein?«

»Ja«, sagte Peter und lächelte. »Ich muss wissen, ob Sie tatsächlich eine Wissenschaftlerin sind – oder eine Journalistin. Im ersten Fall heiße ich Sie herzlich willkommen an Bord. Im zweiten Fall müsste ich Sie leider erschießen.«

»Dann hoffe ich, dass ich Sie überzeugen konnte. Wo ist denn Ihr Kollege, Monsieur Nevreux?«

»Patrick ist in der Nähe von Carcassonne. Sie werden ihn heute Abend kennen lernen. Hat man Ihnen schon Ihr Zimmer gezeigt?«

»Ja.« Sie deutete auf das Notebook neben sich. »Ich habe nur den Rechner mit runtergenommen, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich wusste ja nicht, wie lange ich auf Sie warten würde.«

»Dann begleiten Sie mich doch an unseren und Ihren neuen Arbeitsplatz. Ich werde Ihnen unterwegs alles erzählen.«

»Sehr gerne, klingt wie ein guter Auftakt. Umso mehr, als Sie offensichtlich nicht mehr vorhaben, mich zu erschießen.« Sie lachte Peter an und steckte sich die Haare wieder hinter das Ohr.

»In der Tat.« Peter stand auf und zog ihren Stuhl beiseite, als sie sich erhob. »Es wäre ja auch eine Schande gewesen.«

»Es geht um diese Höhle«, erklärte Peter, als sie im Landrover auf dem Weg ins Camp waren. »Ein Schäfer hat sie gefunden und ist irgendwie verrückt geworden, er liegt jetzt in einem Sanatorium. Ihn besucht Patrick heute. Die Höhle ist über und über mit Schriftzeichen und ganzen Texten übersät. Das Interessante ist, dass es sich dabei um ein unwahrscheinliches Potpourri handelt; Latein, Sumerisch, Griechisch, Ägyptisch, sogar Maya-Glyphen und völlig unbekannte Sprachen. Deswegen heißt das Projekt Babylon.«

»Die Sprachverwirrung.«

»Ja. Wir haben die Malereien analysiert. Sie sind etwa aus dem dreizehnten Jahrhundert. Mittelalter, eine Zeit also, in der man von Sumerisch nichts wusste, geschweige denn von den Maya. Die Welt war damals immerhin noch eine Scheibe, von der man kurz hinter Afrika hinunterfiel.«

»Aber das ist doch völlig unmöglich!«

»Natürlich. Heute wissen wir, dass die Schwerkraft dies verhindert.«

»Ich bezog mich auf das Alter der Malereien.«

»War bloß ein Witz. In der Tat, das Alter der Malereien ist höchst zweifelhaft. Aber wir vernachlässigen diesen Aspekt zunächst, weil wir uns aus der Entzifferung der Texte eine Aufklärung über die Höhle als solche erhoffen. Ein paar Malereien sind im Laufe der Jahre auch nachträglich angebracht worden, meistens aber sehr schlampig oder sogar unleserlich. Und diese ganzen unbekannten Schriften. Es gibt eine Menge zu tun.«

»Was macht das Ganze denn so unsagbar geheim?«

»Der UN geht es eigentlich gar nicht um die Schriften, auch wenn sie uns noch so spannend vorkommen. Es geht um einen tiefer gelegenen Teil der Höhle. Dort befindet sich ein Gang mit sehr merkwürdigen, vielleicht elektromagnetischen Eigenschaften. Wir wissen es noch nicht genau. Deswegen ist Patrick im Projekt. Er ist ein sehr guter Feldforscher und Techniker.«

»Diese elektromagnetischen Eigenschaften – was bewirken...?« Sie hielt inne, als sie die Männer bemerkte, die in dem Camp herumliefen.

»Diese Männer hier arbeiten für die UN und sichern für uns das Gelände«, sagte Peter, als sie gerade das Tor passiert hatten und durch das Camp fuhren. »Sind Sie eigentlich auch unter dem Deckmantel der Tollwutseuche hier?«

»Ja«, sie schmunzelte, »angeblich bin ich eine Verhaltensforscherin. Das haben die sich wohl ausgedacht, weil ich ganz gut in Biologie bin.«

»In Biologie... das ist interessant.«

»Na ja, ich hatte immer ein Faible dafür. Auf der Uni habe ich es nebenher studiert, weil ich irgendwie immer dachte, dass es vielleicht mal nützlich für meine Pferdezucht sein könnte.«

»Sie haben eine Pferdezucht?«

»Nein, aber man kann ja nie wissen, oder?«

»Ihre Kenntnisse könnten jetzt vielleicht trotzdem äußerst nützlich sein, wissen Sie das? Der Bürgermeister hat uns nämlich gerade einen Adlatus ans Bein gebunden, ein Biologe, der mit uns fachsimpeln möchte, wie es denn mit unserer Untersuchung zur Tollwut vorangeht.«

»Na, ich hoffe, er lässt sich eine Weile mit heißer Luft abspeisen, ein Fachmann bin ich ja auch nicht. Aber Sie wollten gerade etwas über den Gang in der Höhle erzählen.«

»Richtig, der Durchgang – so nennen wir ihn. Es ist wirklich merkwürdig: In der Dunkelheit scheint es ein normaler Gang zu sein. Nun, normal ist übertrieben; auf irgendeine unerklärliche Weise leuchtet die Luft dort bläulich. Doch immerhin scheint es ein passierbarer Gang zu sein. Sobald man aber den Gang mit Scheinwerfern erleuchtet, wird er pechschwarz. Nicht das Gestein, sondern die Luft selbst wird schwarz und undurchdringbar. Es ist, als ob er keine Form von Strahlung oder Energie hindurchließe. Wenn man hineinguckt, sieht man eine absolute Schwärze. Man kann sie nicht ausleuchten, auch mit dem Echolot lässt sich keine Tiefe orten. Es ist, als ob keine Reflexion von Licht oder anderen Wellen aus dem Gang zurückkommt. Wir haben mit einem Pioneer-Roboter experimentiert, der an einem Stromkabel hindurchgeführt wurde. Sobald er über die Schwelle war, reagierte er nicht mehr und verbrauchte auch keinen Strom mehr. Wir mussten ihn am Kabel wieder rausziehen.«

»Und sind Sie mal hineingegangen?«

»Nein, das ist das größte Problem. Den Berichten zufolge ist der Schäfer wohl deswegen wahnsinnig geworden, weil er es tat. Patrick hat es leichtsinnigerweise getestet und selber den Kopf hineingesteckt. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, ich habe ihn zurückgerissen. Aber er hat einen Schock bekommen, ich dachte, es wäre ein Schlaganfall. Er war danach völlig erledigt, hat zwei Tage am Stück geschlafen und die Erinnerung an den Vorfall verloren. Deswegen sucht er gerade den Schäfer im Sanatorium auf. Er hofft, irgendetwas bei ihm herauszufinden.«

»Der Arme. Das tut mir leid. Reingehen sollte man also nicht.«

»Nein, auf keinen Fall. Hier steigen wir aus.« Peter führte Stefanie das letzte Wegstück den Hang hinauf und bis zur Höhle. »Bisher hören Sie sich das alles einfach an, als sei es völlig selbstverständlich, was ich erzähle.«