Der Wind hatte nun deutlich aufgefrischt. In kalten Böen fegte er heran, brachte immer dickere Regentropfen mit sich und den Geruch nach nasser Erde. Es drohte ein schweres Gewitter zu werden. Mit immer größerer Eile trieb der Schäfer seine nervös blökenden Tiere zusammen. Ein Blick zum Himmel verriet ihm, dass nicht mehr viel Zeit blieb. Hinter der Gebirgskuppe war es nun vollständig dunkel geworden. Ein tiefes Donnergrollen drang herüber.
»Mist!«, fluchte der Schäfer, als ihm klar wurde, dass das Unwetter mit einer solchen Geschwindigkeit über die Berge fegte, dass er ihm unmöglich entrinnen konnte. »Schnell, kommt schnell!« Er trieb die Schafe an, darauf bedacht, sie zumindest gesammelt als Herde zurück auf den Pfad zu bringen, den sie kannten und dem sie alleine folgen konnten.
Als stünde der Weltuntergang bevor, wurde aus den vereinzelten Tropfen, die der Wind vor sich her trieb, innerhalb weniger Augenblicke ein heftiger Platzregen. Im selben Maße, wie der Regen die Sicht in einem grauen Schleier verschwimmen ließ, schienen jetzt die Gewitterwolken die letzten Reste des Lichts zu nehmen.
Gerade wollte der Schäfer zu einem erneuten Fluch ansetzen, als ihn ein Blitz jäh zusammenzucken ließ, unmittelbar gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donner direkt über ihm. Die Schafe blökten verängstigt, einige sprangen panisch übereinander, andere drängten sich gegenseitig beiseite. Eine Hand voll rannte den Hang hinauf, und der Schäfer setzte ihnen ohne zu zögern nach.
Es war kein Leichtes, die wild gewordenen Tiere im strömenden Regen nicht aus den Augen zu verlieren. Er folgte ihnen über den immer steiniger werdenden Boden, an Ginsterbüschen und Gräsern vorbei. Der sintflutartige Regen verwandelte den Boden schnell in eine glitschige Rutschbahn. Mehr als einmal stürzte er und musste sich zwischen Schlamm und scharfkantigem Geröll abfangen. Der Untergrund wurde zunehmend uneben und stieg immer steiler bergan. Wie Gämsen mussten die verstörten Schafe hier entlanggehetzt sein. Eines der Tiere sah er vor sich am Berghang hinter einem Felsen verschwinden, vielleicht waren die anderen schon längst den Hang hinabgestürzt.
Verbissen kletterte der Schäfer hinterher. Er dachte nicht daran, dass er den Rest der Herde zurückgelassen hatte oder dass er selbst abstürzen könnte. Für ihn zählten nur die ausgerissenen Tiere, denen er mit ebenso viel Sorge wie Wut folgte. Bald musste er auf allen vieren seinen Weg finden, um den stetig steiler werdenden Felshang überhaupt bezwingen zu können. Zwischen den Gesteinsbrocken, von denen er hoffte, dass sie sein Gewicht halten würden, rannen ganze Bäche Regenwasser hinab.
Seine Hände waren aufgedunsen, rot und eiskalt, als er sich mit letzter Kraft einen Sims hochzog. Erschöpft verweilte er einen Augenblick, schnaubte einmal durch die Nase und fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht, wie um den ständigen Regen fortzuwischen. Er blickte zurück und erschrak, als er sah, welche Höhe er erklommen und wie weit er die Weiden und die Baumgrenze hinter sich gelassen hatte. Er hatte eine Passage überwunden, für die schon unter normalen Umständen ein Seil nötig gewesen wäre – und das bei diesem Regen. Welcher Teufel hatte ihn nur geritten? Doch nun saß er hier, zitternd, bis auf die Haut durchnässt und erschöpft. Wahrscheinlich würde er sich eine Lungenentzündung zuziehen, und niemand konnte ihm sagen, wann das Gewitter vorbei sein würde, noch, wie um alles auf der Welt er den Weg wieder zurückklettern könnte.
Ein Blöken ließ ihn herumfahren, und da entdeckte er es. Nur wenige Meter von ihm entfernt befand sich ein geräumiger Höhleneingang. Die guten Tiere! Sie waren ihrem Instinkt gefolgt, hatten diesen Unterschlupf gefunden und mussten hineingeflüchtet sein. Mit neuer Kraft raffte er sich auf, kletterte das letzte Stück und betrat den Eingang der Höhle.
»Verzeihung, was sagten Sie?«
»Ich fragte, ob Sie meine Rede während des EU-Gipfels im Fernsehen verfolgt haben.«
»Ich bitte um Entschuldigung, Monsieur le Président, ich war für einen Augenblick abgelenkt. Wenn man in Ihre wundervollen Gärten blickt, sieht man so vieles...«
Der Präsident sah nun auch hinaus. Der Regen lief von außen in golden glitzernden Streifen an den Fensterscheiben hinab. In ihnen spiegelten sich die Lüster und Kerzenflammen der Säle, während die dahinter liegenden Gartenanlagen nun im Dunkel lagen.
»... aber ja, ich habe Ihre Rede verfolgt«, fuhr der Weißbärtige fort. »Ich bewundere Ihre Offenheit. Sagen Sie mir, wie sie von den anderen aufgenommen wurde.«
»Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich habe den Eindruck, dass Sie mit den Gedanken woanders sind. Wir können uns gern zu einem späteren Zeitpunkt unterhalten, Monsieur le Comte.«
»In der Tat, das bin ich. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Tatsächlich würde ich mich gerne etwas später zu Ihnen gesellen, wenn es Ihnen recht ist.«
»Selbstverständlich, ich werde mich unterdessen um die anderen Gäste kümmern. Scheuen Sie sich nicht, zum rechten Augenblick einfach auf sich aufmerksam zu machen.«
»Das werde ich. Nochmals vielen Dank, Monsieur le Président.«
Kaum hatte der Präsident sich von ihm entfernt, erschienen die beiden Begleiter wieder, und die drei traten wie in stillem Einverständnis vor die Fenster und sahen in den regnerischen Abend hinaus.
Der Schäfer entzündete sein Feuerzeug und suchte den Boden des Höhleneingangs nach Brennbarem ab. Schließlich gelang es ihm, ein Bündel dürrer Zweige als notdürftige Fackel in Brand zu setzen. Im Schein der Flammen entdeckte er eines seiner Tiere. Es kauerte in einer Nische der Wand und blickte verängstigt in das Licht. Mit besänftigenden Worten ging er auf das Schaf zu und streckte seine Hand aus. Es scheute vor ihm zurück, doch der Schäfer hatte reichlich Erfahrung und wusste, wie er das Tier beruhigen konnte. Langsam trat er auf die Nische zu und sprach dabei weiter auf das Tier ein. Mit vorsichtigen Bewegungen holte er aus seiner Jackentasche ein Bündel aufgeweichter Kräuter hervor. Die Pflanzen linderten bei den Schafen Magenverstimmungen und verbesserten die Verdauung; sie fraßen sie gierig, wo immer sie sie fanden, doch da es hier oben auf den Weiden diese Heilkräuter nicht gab, hatte er immer welche dabei. Wie erwartet, begann das Schaf interessiert zu schnuppern, und der Schäfer konnte sich ihm weiter nähern. Bald hatte er das Tier erreicht, so dass es die Kräuter fressen und an seiner Hand riechen konnte. Eine ganze Weile stand er so da und ließ den Blick neugierig umherschweifen. Die Höhle war hier wenig mehr als mannshoch, doch dem Hall der Geräusche nach zu urteilen musste sie sich noch ein gutes Stück in den Berg hineinziehen. Vielleicht wurde sie dort auch geräumiger. Er hatte wenig Interesse, sie auszukundschaften. Sicher, es gab hier keine wilden Tiere, Bären oder Wölfe, die er zu fürchten hätte, doch allein mit einer Fackel ausgerüstet überkam ihn bei der Vorstellung einer Expedition in die Tiefe der Dunkelheit ein unbehagliches Gefühl.
Der Boden der Höhle war sehr eben, nur ein wenig Geröll, das sich im Laufe von Hunderten, vielleicht Tausenden von Jahren von der Decke gelöst hatte, lag umher. Der Schäfer beugte sich hinunter: Es sah aus, als sei der Untergrund einst absichtlich geglättet und gereinigt worden. Auch die Wände: Sie waren viel zu glatt, um natürlichen Ursprungs zu sein. Als er die Wand musterte, schrak er plötzlich zurück. Keine Armlänge entfernt war der Fels mit allerlei Malereien bedeckt! Er war also tatsächlich nicht der erste Mensch, der diesen Unterschlupf gefunden hatte. Ob es Zeichnungen der Urmenschen waren, wie man sie ja schon an anderen Stellen in Frankreich gefunden hatte, Lascaux oder Chauvet? Er hatte einige Male davon in der Zeitung gelesen, und es hatte ihn besonders interessiert, weil er sich immer gewünscht hatte, er würde auch einmal so eine Entdeckung machen und berühmt werden. Nicht weit von hier, irgendwo bei Perpignan, soweit er sich erinnerte, hatten sie sogar mal einen Mann aus der Steinzeit gefunden. Er machte einen Schritt zur Seite und erhellte ein weiteres Stück der Wand. Wie die Felszeichnungen von Lascaux sah das jedenfalls nicht aus. Es waren keine Bilder von Pferden oder Hirschen, und es gab auch keine Abdrücke von Händen oder Punktmuster. Das waren Schriftzeichen! Allerdings waren es Symbole und Buchstaben einer Sprache, die er nicht kannte. Nein, das sind keine alten Malereien, überlegte er enttäuscht. Vielleicht hatten sich mal ein paar Touristen hierher verirrt und die Wände angemalt? Auch andere Stellen waren verziert. Er schritt die Höhlenwand entlang und staunte, wie viel Mühe man sich hier gemacht hatte. Je weiter er ging, umso dichter wurden die Zeichnungen, die Höhle war von oben bis unten davon übersät! Es gab aufwendig verzierte Schriftzüge, kurze Wortbilder, zum Teil waren aber auch lange Texte dabei. Es musste eine ganze Reisegruppe hier gewesen sein, nicht nur, weil es so unsagbar viele Malereien waren, sondern auch, weil es sehr unterschiedliche Schriftzeichen waren, so als hätten die Touristen verschiedene Sprachen gesprochen.