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»Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen glaube.«

»Das ist gut. Ich hätte es auch nicht geglaubt.«

Sie hatten den obersten Absatz des Hangs und den Höhleneingang erreicht.

»Ist das die Höhle?«, fragte sie.

»Ja, das ist sie.«

»Dann nichts wie hinein. Ich bin äußerst gespannt.«

Patrick ärgerte sich, dass er nicht den Landrover genommen hatte. Jetzt musste er mit einem Wagen vorlieb nehmen, der so wenig PS hatte, dass er froh war, wenn es mal ein kurzes Stück bergab ging. An Überholen war gar nicht zu denken.

Wenigstens war es eine schöne Strecke, und er hatte es nicht sehr eilig. Eigentlich, so überlegte er, hatte er sogar alle Zeit der Welt. Häufig säumten Platanen mit ihren großen, hellen Blättern und den gefleckten Stämmen die Straße. Wie lange gab es diese Alleen wohl schon? Bei der Fahrt durch ein beschauliches Dorf entschloss er sich, seiner inneren Stimme zu gehorchen, machte spontan Halt und setzte sich in ein Café. Tische und Stühle standen draußen, im Halbschatten einiger Weiden. Bei einem warmen Croissant mit Butter lehnte er sich zurück und genoss die friedliche Ruhe. Aus dem Geäst der Bäume drang das beständige Zirpen der Zikaden, von jenseits eines kleinen Mäuerchens klang das Plätschern von Wasser herauf, ein kleiner Flusslauf, wie er zu Hunderten in dieser Gegend zu finden war. Wenige Meter entfernt, im staubigen Sand neben der Dorfstraße, stand ein halbes Dutzend älterer Männer und spielte Boules. Es ging leise, fast bedächtig vonstatten. Nur das leise, dumpfe Aufschlagen der Kugeln war zu hören, ab und zu begleitet von einem metallischen Klacken oder einem erstaunten Ausruf.

Es schien Patrick ein zeitloser Schnappschuss zu sein. Man hätte dieses Bild in jedes Jahrhundert transportieren können; so oder so ähnlich hatte es hier wohl immer ausgesehen. Diese Männer kümmerten sich nicht um irgendwelche Bürogebäude in Genf, um die Europäische Weltraumorganisation, um Palenque, Lissabon oder eine merkwürdige Sekte in Paris. Sie lebten in ihrer eigenen Welt, die vor eintausend Jahren die von Rittern und Burgen und vor zweitausend Jahren die von Römern und Kelten gewesen war. Doch auch davon schien niemand Notiz zu nehmen, geschweige denn vom wohl faszinierendsten Rätsel wenige Kilometer entfernt. Diese Menschen schienen ihre Vergangenheit nicht auszugraben und zu ehren, man mochte fast meinen, sie lebten auf einer eigenen, parallelen Zeitspur. Patrick stellte sich vor, was passieren würde, wenn ein Ritter in voller Rüstung plötzlich hier auftauchte. Wahrscheinlich würde er so gut ins Bild passen, dass weder die Dorfbewohner noch er selbst irritiert wären.

Schließlich machte er sich wieder auf den Weg nach Carcassonne. Im Auto dachte er über seine Pause nach. Er wunderte sich über sich selbst. Er war nie romantisch oder philosophisch veranlagt gewesen. Und trotzdem hatte ihn das Bedürfnis nach Ruhe überkommen. Oder vielleicht war Frieden das bessere Wort. Innerer Frieden. Er sah viele Dinge aus einer neuen Perspektive, in größerem Zusammenhang. Plötzlich schrumpften Zeitalter und Kontinente zusammen, das emsige Bestreben eines einzelnen Menschen schien demgegenüber bedeutungslos. War es so, dass man den Sinn des Lebens vielleicht niemals im Erreichen hehrer Ziele suchen sollte, sondern im eigenen Frieden mit der Welt?

Was für ein Schwachsinn!, fluchte Patrick innerlich. Als ob mir jemand ins Gehirn geschissen hat! Seit dem Vorfall in der Höhle hatte er bisweilen sehr merkwürdige Anwandlungen, fand er. Es wurde höchste Zeit, dass er das Sanatorium und den Schäfer fand, um zu verstehen, was da mit ihm vorging. Vielleicht war es ja nur der Anfang, und er wurde ebenfalls langsam verrückt.

Es war nicht leicht, das Sanatorium zu finden. Es lag außerhalb von Carcassonne, angeblich wenige Kilometer, dennoch brauchte er noch fast eine halbe Stunde, bis er es erreicht hatte. Der Weg war nicht ausgeschildert, und die meisten Passanten hatten noch nie davon gehört. Eine alte Bäuerin kannte es schließlich, doch der Weg, den sie ihm beschrieb, führte quer durch einen Weingarten über einen holprigen Feldweg, der bestenfalls für Traktoren geeignet war.

Endlich schälte sich das Gebäude aus einem Dickicht von Kiefern und Efeu heraus. Es stand auf einem Hügel und hatte wohl ehemals das umgebende Tal überblickt, doch die ungepflegten Gartenanlagen hatten inzwischen die Sicht so gut wie zugewuchert. Das Sanatorium war in einer alten, zweistöckigen Villa untergebracht, erbaut 1882, wie eine mit blaugrauen Flechten bewachsene Stuckarbeit über dem Eingang verriet. Wenn das Äußere auch verwahrlost aussah, so war es im Inneren doch überraschend sauber. Patrick betrat eine mit zweifarbigen Kacheln ausgelegte Halle, von der aus zwei Gänge abzweigten. Den Raum beherrschten ein Kronleuchter mit langen, dürren Armen, auf denen nackte Glühbirnen saßen, und eine steinerne Treppe. Auch sie war gekachelt und beiderseits mit einem schmucklosen Geländer aus Messing versehen. Ein Geruch nach scharfem, ammoniakhaltigem Putzmittel hing in der Luft. Direkt zu seiner Rechten bemerkte Patrick eine Art Pförtnerhäuschen oder Rezeption. Es war brusthoch mit dunklen Holzpaneelen verkleidet, dann ging es in eine Glasscheibe über, aus der eine halbrunde Öffnung als Durchreiche herausgearbeitet war. Dahinter saß ein ernst blickender Mann mit Hemd und Schlips und beugte sich interessiert vor, als er Patrick eintreten sah.

»Ich suche Mr. Jacques Henrot, ich bin ein Verwandter von ihm.«

Der Mann beugte sich über ein großes Heft, das vor ihm lag. Es enthielt nicht viele Einträge, aber er machte einen sehr gewissenhaften Eindruck, als er mit dem Finger einige Spalten nachfuhr, bis er den Namen gefunden hatte.

»Sie können nicht mit ihm sprechen, Monsieur.«

»Wie bitte?! Was soll das heißen, ich kann nicht mit ihm sprechen? Ich bin extra aus Paris angereist. Mein Privatsekretär hat meinen Besuch bereits vor ein paar Tagen angekündigt. Jetzt sagen Sie mir nicht, Sie wüssten nichts davon!«

Der Mann hinter der Scheibe ließ sich von Patrick nicht beeindrucken. »Sie können ihn natürlich besuchen, aber Sie können nicht mit ihm sprechen. Hat man Ihnen das nicht gesagt? Er spricht nicht. Vor zwei Wochen war auch schon jemand hier. Hat nur Gestammel aus ihm herausbekommen.«

»Es war jemand hier? Wer?«

»Ich hatte das Gesicht schon mal im Fernsehen gesehen. Irgendein Politiker, glaube ich.«

»Was wollte er? War er ein Verwandter?«

»Ich habe keine Ahnung, Monsieur. Und es geht mich auch nichts an.«

»Na gut. Wo finde ich Monsieur Henrot?«

»Zimmer siebenundzwanzig, im zweiten Stock, die Treppe hinauf und den rechten Gang entlang.«

Die Flure im oberen Stockwerk waren mit altertümlichen, gelblichen Mustern tapeziert, der Boden mit braunem Linoleum bedeckt, Wandlampen tauchten das Ganze in ein trübes, ungesundes Licht. Eine Frau mit weißer Schürze und einer weißen Haube trat aus einer Tür auf den Gang. Sie schien Patricks unsicheren Blick zu bemerken und kam auf ihn zu.

»Was suchen Sie, Monsieur?«

»Zimmer siebenundzwanzig, Jacques Henrot.«

»Folgen Sie mir. Sind Sie ein Verwandter? Sie werden vielleicht einen Schreck bekommen, wenn Sie ihn wiedersehen, er ist in bedauernswertem Zustand.« Sie öffnete eine Tür und ließ Patrick eintreten. Der Raum war ebenso düster wie es der Flur gewesen war. Der linke Teil war mit einem Vorhang abgetrennt, der an einem dünnen Gestänge befestigt war. An der Stirnseite des Zimmers befand sich ein kleines, vergittertes Fenster, durch das man direkt in die rostigen Schatten der Kiefern sah. An der rechten Wand standen ein hölzerner Beistelltisch und ein Bett. Darauf deutete die Frau.

»Da liegt er.« Sie sah auf ihre Uhr. »Ich denke, Sie haben nicht vor, lange zu bleiben? In einer halben Stunde muss er seine Medizin bekommen.«

»Ich bin aus Paris angereist, ich werde so lange bleiben, wie ich kann. Was für Medizin, sagen Sie?«

»Es sind nur ein paar Tabletten. Vielleicht können Sie auch dabeibleiben, wenn Sie möchten.« Sie verließ den Raum.