Patrick war allein. Allein in diesem verdammten Zimmer, umgeben von Verfall und Krankheit. Er fühlte sich unglaublich fehl am Platz. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, er müsse nur die Augen öffnen und würde irgendwo anders wieder aufwachen. Es war wie in einer fremden Welt. Eigentlich arbeitete er an einem wissenschaftlichen Projekt für die Vereinten Nationen, und nun stand er hier, in einem unbekannten, verwahrlosten Sanatorium, irgendwo auf dem Land, wo die Zeit stehen geblieben war, im Zimmer eines Schäfers, der den Verstand verloren hatte...
Patrick fiel ein, dass er sich nicht danach erkundigt hatte, wie sich der Zustand des Schäfers äußerte. War er noch immer wahnsinnig? War er aggressiv? War er gefährlich? Ein ungutes Gefühl kroch in ihm hoch und steckte bald wie eine warzige Kröte in seinem Hals. Zögerlich trat er an das Bett und warf einen Blick hinein.
Erschrocken wich er einen Schritt zurück.
Mit aufgerissenen Augen starrten ihn die verzerrten Züge eines irrsinnigen Mannes an. Er lag zusammengerollt auf der Seite, wirre, weiße Haare umgaben seinen Kopf wie nasses Stroh, die Wangen waren eingefallen, der Mund in einem Lächeln eingefroren, die Augäpfel schienen ein wenig herauszuquellen, so dass man den roten unteren Rand sehen konnte. So erschreckend der Anblick war, so wenig konnte sich Patrick ihm entziehen. Er bemerkte, dass ihn der Mann gar nicht ansah. Seine Augen bewegten sich zwar, aber der Schäfer schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Es war, als hätte man einem Schlafenden die Lider geöffnet.
»Monsieur Henrot?« Patrick kam sich dumm vor, den völlig abwesenden Mann anzusprechen. »Jacques? Können Sie mich verstehen?«
Der Schäfer zeigte keinerlei Reaktion. Patrick hatte Berichte von Menschen gelesen, die jahrelang im Koma gelegen und doch jedes Wort verstanden hatten, das gesprochen worden war. Bis irgendein Ereignis sie ganz plötzlich aufweckte. Vielleicht war es bei dem Schäfer ja auch so. Vielleicht konnte er alles verstehen, und man musste nur den Auslöser finden. Aber was sollte er ausprobieren? Sollte er jetzt allen Ernstes hier wie mit einer Wand sprechen? Andererseits, dieser Mann, oder das, was von ihm übrig war, stellte Patricks einzige Verbindung zum Inneren der Höhle dar. Nur dieser Mann konnte ihm weiterhelfen. Nun, da er eigens hierher gefahren war, sollte er wenigstens das Beste daraus machen und nichts unversucht lassen.
»Jacques, Sie müssen mir zuhören. Verstehen Sie mich? Geben Sie mir ein Zeichen, wenn Sie mich verstehen können!«
Noch immer rührte sich der Mann nicht, nur seine Augen glitten weiter durch das Nichts.
»Sie hatten einen Unfall, Jacques, erinnern Sie sich? Sie müssen sich erinnern! Sie haben eine Höhle entdeckt. Die Höhle, Jacques, erinnern Sie sich?«
Der Schäfer machte eine Bewegung, zuckte ein wenig und zog die Beine weiter an sich.
»Ja! Haben Sie das verstanden? Ist es das? Die Höhle?« Patrick ging dicht an das Bett. Der Mann glotzte geisterhaft aus seinen glasigen Augen, er schien völlig starr und gleichzeitig höchst angespannt, als könne er jederzeit ganz plötzlich schreiend aus dem Bett springen. Mit zitternden Fingern streckte Patrick seine Hand nach ihm aus. Er fühlte eine tiefe Abscheu, ihn zu berühren, aber ebenso das überwältigende Bedürfnis, ihn wachzurütteln. »Sie haben eine Höhle entdeckt, Jacques, wissen Sie es noch?« Patricks Finger trennten nur noch wenige Zentimeter von der Schulter des Mannes. Mit leiserer aber eindringlicher Stimme redete er weiter auf den Mann ein. »Eine Höhle... mit Malereien... Schriften...« Sanft legte er eine Hand auf das Laken.
»Das hat keinen Zweck!«
Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Patrick zusammen und riss seine Hand zurück. Ein lautes Rasseln hinter ihm ertönte, als der Vorhang beiseite gezogen wurde. Dahinter war ein weiteres Bett zu sehen, in dem sich ein alter Mann aufgesetzt hatte. Er hatte keine Haare mehr, eine faltige, ledrige Haut und kaum noch Zähne. Er sah mit einem schiefen Grinsen zu Patrick hinüber. »Der hört Ihnen nicht zu.«
Patrick rang einen Augenblick nach Fassung. »Das... woher wissen Sie das so genau?«
»Junger Mann! Wollen Sie sagen, ich weiß nicht Bescheid! Ich weiß Bescheid, natürlich weiß ich es. Der hört Ihnen nicht zu. Hat keinen Platz im Schädel zum Zuhören.«
»Was meinen Sie damit?«
»Den werden Sie hier nicht finden. Ich weiß Bescheid. Ist immer so. Die sind auf der Suche, so ist es. Sieht aus, als ob sie leer sind, aber sie sind voll, das ist es.« Der Alte stand auf und kam im Schlafanzug herübergehumpelt.
Patrick wurde es unbehaglich. Er dachte daran, dass die Krankenschwester, oder wer immer es gewesen war, möglichst bald kommen sollte. Aber die halbe Stunde war noch nicht um. »Wen meinen Sie? Sind hier noch mehr Leute wie er?«
»So wie er, nein. Aber ja. Schon so wie er. Aber jeder ist anders. Junger Mann. Das verstehen Sie doch, oder? Ich weiß Bescheid, so lange bin ich schon hier.«
»Und alle haben eine Höhle entdeckt?«
»Höhle. Nein, keine Höhle. Vielleicht aber auch eine Höhle. Wenn Sie Höhlen wollen. Jeder hat eine eigene Höhle. Etwas füllt sie, wirft sie raus. So ist das. Sie sind nicht mehr im Schädel, weil er voll ist. Sie finden die nicht in ihren Schädeln. Sie sind weg, suchen, das ist es, was sie tun.«
»Sie suchen? Was meinen Sie damit?«
»Na, suchen, junger Mann. Schon mal verlaufen? So ist das, ich weiß Bescheid. Die suchen. Sich selbst. Und dann, wenn sie wollen, einen Weg zurück. Aber wer will das schon? Ich sage, hat keinen Zweck zu reden. Ist nicht da drin.«
Patrick kam sich merkwürdig vor, mit einem schwachsinnigen Alten zu diskutieren, aber er hatte seinen Ehrgeiz geweckt. »Er hat mich aber gehört! Eben hat er sich bewegt, als ich ›Höhle‹ gesagt habe.«
Der Alte schlurfte zum Fenster, krallte sich an den Gitterstäben fest und drückte sein Gesicht in eine Lücke. »Ja, bewegt sich nicht viel, aber manchmal. Das ist gut, vielleicht auch nicht. Ist auf dem Weg zurück, vielleicht auch nicht. So ist das immer. Vielleicht, vielleicht. Vielleicht ist es besser zurückzukommen, vielleicht nicht. Vielleicht bin ich hier, vielleicht nicht?«
»Natürlich sind Sie hier.«
Der Mann drehte sich um und entblößte seine Zahnstümpfe. »Vielleicht träumen Sie mich? Ich weiß Bescheid, aber wissen Sie Bescheid? Vielleicht träume ich Sie.« Er gab ein kleines irrsinniges Lachen von sich, das augenblicklich in ein trockenes Husten überging.
Patrick wandte sich ab. Der Alte beunruhigte ihn zutiefst. Obwohl es nur leeres Gefasel war, traf es auf merkwürdige Weise einen Nerv. Er betrachtete den Schäfer. Wenn er nur sprechen könnte!
»Jaja, das tut er.«
Patrick zuckte zusammen. Der Alte stand plötzlich dicht neben ihm und sah dem Schäfer ins Gesicht. »Spricht viel. Sagt aber nichts.«
»Er spricht? Was sagt er denn?«
»Sagt nichts, sagt gar nichts. Das ist so.«
»Na schön, welche Worte gibt er denn von sich?«
»Ich weiß Bescheid.«
»Ja, Sie wissen Bescheid! Also sagen Sie mir doch, was Sie für Worte gehört haben!«
»Vielleicht auch nicht.«
»Was?!? Haben Sie nun etwas gehört, oder nicht?«
»Worte, warte! Confisus, Konfuzius! Welchen Sinn haben Worte? Wer weiß Bescheid? Ist es so, oder nicht?«
Patrick wollte den Greis am liebsten schütteln. »Mein Gott, Mann, reißen Sie sich mal zusammen, das ist wichtig! Was hat er gesagt?!?«
Der Alte hatte sein Grinsen plötzlich eingestellt. Wieder ging er zum Fenster und drückte sein Gesicht gegen das Gitter. »Ich weiß Bescheid, ich weiß Bescheid. Vielleicht, vielleicht ...«
»Mist«, fluchte Patrick. Aus dem Schwachkopf war nichts herauszubekommen. Aber immerhin gab es ihm Hoffnung zu hören, dass der Schäfer dann und wann vor sich hin brabbelte. Er musste ihn wieder zum Reden bringen.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und die Frau mit der Schürze kam herein. Als sie den Alten am Fenster sah, ging sie schnell auf ihn zu. »Hugo! Wachen Sie auf!«