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Der Alte sah die Frau an, und sein Gesicht verzog sich zu einem elendig aussehenden Lächeln. Widerstandslos ließ er sich von ihr zu seinem Bett führen. Sie setzte sich auf seine Bettkante und zog die Gardine vor, während er sich hinlegte. Wenige Augenblicke später kam sie wieder hinter dem Vorhang hervor.

»Ich hoffe, er hat Sie nicht belästigt. Er schläft jetzt wieder.«

»Nein, ist schon in Ordnung. Was haben Sie mit ihm gemacht? Haben Sie ihm auch Tabletten gegeben?«

»Ja, die beiden brauchen sie in regelmäßigen Abständen, weil sie immer wieder zu sich kommen. So, und nun ist Jacques dran.« Sie schüttete zwei Kapseln aus einem braunen Fläschchen auf ihre Hand.

»Darf ich sie ihm geben?«, fragte Patrick.

»Wie bitte?«

»Ich möchte sie ihm gerne geben, ist das in Ordnung?«

»Nun... ja, wenn Sie unbedingt möchten...« Unsicher reichte ihm die Frau die Tabletten.

»Vielen Dank. Wissen Sie, es ist das Einzige, was ich für ihn tun kann. Wir haben uns sehr nahe gestanden...« Patrick nahm die Kapseln entgegen und tat so, als lege er sie dem Schäfer in den Mund. Dabei ließ er sie unauffällig in seiner Handfläche verschwinden, so ähnlich, wie er es machte, wenn er seinen Zigarettentrick vorführte.

Die Frau beobachtete den Vorgang, schien jedoch nichts zu bemerken. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen verließ sie den Raum.

Wieder war Patrick allein. Allein mit einem schwachsinnigen Greis und dem offensichtlich nicht gesünderen Schäfer. Ob er tatsächlich zu sich kommen würde, jetzt, wo er keine Tabletten bekommen hatte?

»Jacques, hören Sie mich? Sie müssen aufwachen!«

Der Schäfer zuckte nur wieder, wie er es zuvor auch getan hatte. Es war aber nicht deutlich, ob es eine Reaktion auf Patricks Stimme war. Er blieb auf der Seite liegen, zusammengerollt wie ein Embryo.

»Monsieur Henrot. Hören Sie, Sie müssen von der Höhle erzählen. Was haben Sie entdeckt? Jacques, die Höhle.«

Keine Reaktion.

»Gut. Vielleicht hat der Alte Recht. Vielleicht sind Sie nicht da drin. Vielleicht können Sie mich aber trotzdem hören, wo auch immer Sie sind. Wir haben Ihre Höhle auch gefunden. Eine wunderbare Höhle, voller Schriften und Malereien. Erinnern Sie sich daran? Wir erforschen sie gerade. Wir haben einige der Inschriften schon entziffert. Haben Sie die auch gelesen? Haben Sie vielleicht die Rose gesehen? Vielleicht erinnern Sie sich ja daran. Mit einem lateinischen Spruch. Hoc sit exemplum irgendwas.«

»Ne sis confisus...« Die krächzende Stimme ließ Patrick förmlich zusammenfahren.

»Was?!? Was war das? Haben Sie etwas gesagt? Jacques!«

»Ne sis confisus... illis...« Die Worte kamen nur undeutlich hervor. Der Schäfer bewegte plötzlich den Kopf von einer Seite auf die andere, als ob seine Augen den Raum durchsuchten.

»Was sagen Sie da? Jacques? Nesis confises? Was heißt das?« Patrick tastete hektisch seine Taschen ab, ob er etwas zum Schreiben bei sich trug. »Nesis confises idis?« Während er noch nach einem Stift suchte, versuchte er, sich die Worte einzuprägen. »Sagen Sie es noch mal! Nesis...?«

Die dürren Hände des Kranken krallten sich plötzlich um Patricks Jacke und zogen ihn zum Bett herab. Die irren Augen fixierten ihn in einer bedrohlichen und zornigen Weise.

»Ne... sis... confisus...« Die Worte kamen eindringlich und stoßweise. Patrick wiederholte sie halblaut, während der Schäfer weitersprach: »illis..., qui te... adiuvare student!« Die Stimme des Schäfers wurde fester und lauter. »Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student!!« Der Schäfer kreischte nun laut. »NE SIS CONFISUS...« Patrick riss sich los und taumelte zurück. Er musste sofort etwas zum Schreiben finden. Er stürmte aus dem Zimmer und hetzte den Gang zurück, die Treppe hinab, entriss dem Mann im Empfangshäuschen seinen Stift und griff nach ein paar losen Blättern, die dieser vor sich liegen hatte. Mit dem Protest des Mannes im Ohr rannte er den Weg wieder zurück und hoffte darauf, dass niemand das Geschrei des Schäfers gemerkt und ihn inzwischen mit irgendwelchen Drogen ruhig gestellt hatte. Als er das Zimmer betrat, war dort alles wieder ruhig. Patrick rang nach Atem und schrieb auf, was er noch in Erinnerung hatte. Was waren das für Worte? Sie klangen ein wenig wie altertümliches Französisch, was aber wohl eher an der Aussprache des Schäfers lag. Ansonsten ergeben sie überhaupt keinen Sinn. Vielleicht waren es ja erfundene Worte. Aber der Mann wiederholte sie so präzise, als ob sie etwas bedeuteten. Jetzt lag er wieder in seinem seltsam eingefrorenen Zustand da, die Augen aufgerissen, die Beine angewinkelt. Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student... Er hatte begonnen zu sprechen, als er ihn auf die Rose und die Inschrift angesprochen hatte, hoc sit exemplum... Latein! Konnte es sein, dass der Schäfer Latein sprach? Es war völlig absurd. Wie konnte ein umnachteter Schäfer von einem Tag auf den anderen lateinisch sprechen? Es war wohl ausgeschlossen, dass er das beim Schafehüten gelernt hatte. Und doch...

Patrick ärgerte sich, dass er kein Latein verstand. Trotz seiner Arbeit hatte er es nicht ein einziges Mal vermisst, und nun benötigte er es ausgerechnet für ein Gespräch mit einem Schäfer! Wie konnte er ihn nur wieder zum Sprechen bringen? Im Geiste ging er seine Literaturkenntnisse und sein Studium durch. Welche Lateinbrocken kannte er? Veni, vidi, vici, ich kam, sah und siegte, oder alea iacta est, der Würfel ist gefallen...? Damit ließ sich ausgesprochen schlecht ein Gespräch führen...

Ach, zum Henker, es hört mich ja keiner, dachte Patrick und setzte sich wieder auf die Bettkante des Mannes.

»Ave«, sagte er und musste in Gedanken über diese seltsame Ironie den Kopf schütteln. Den Gruß hatte er zuletzt im Zusammenhang mit Julius Cäsar gehört, der vor zweitausend Jahren unter anderem ganz Frankreich erobert und besetzt hatte.

Der Schäfer schien daran jedoch keinen Anstoß zu nehmen und bewegte sich wieder. Seine Augen durchsuchten den Raum, obwohl Patrick direkt vor ihm saß. »Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student!«, betonte er noch mal, und Patrick verglich die Worte mit seiner Aufzeichnung. »Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student«, las er vor, und der Schäfer wiederholte die Worte.

»Ja, ja, das weiß ich jetzt. Können Sie auch etwas anderes sagen? Hoc sit exemplum! Wenn ich nur wüsste, wie es weiterging... Hören Sie? Hoc sit exemplum... veni, vidi, vici..."

Die Augen des Schäfers hatten Patrick gefunden und hefteten sich wieder auf ihn. Seine Stimme war jedoch nicht mehr so fest wie zuvor, als er sprach: »Ne intraveris...«

Patrick notierte sich, was er hörte, und wiederholte es. Aber der Schäfer sprach immer leiser, und Patrick musste sein Ohr dichter an dessen Mund halten. »Ne intra... eris... et cogno... sce... scientiam.«

»Lauter, sprechen Sie lauter!« Hastig kritzelte Patrick seine Notizen.

»Ne intra... eris... cogno... scientia...« Die Worte waren schon kaum noch verständlich.

»Ne intraveris cogno scientiam? Jacques! Noch einmal! Veni, vidi, vici, hören Sie?« Die Augen des Schäfers ließen von ihm ab und starrten wieder ins Leere.

Verflucht! Patrick kämpfte gegen den Drang an, den Unglücklichen wachzuschütteln. Jetzt war er wieder weg. Ganz so, als sei er plötzlich erschöpft, oder als hätte er das Wichtigste gesagt. Nun, vielleicht hatte er es ja. Patrick hoffte, dass Peter ihm beim Entschlüsseln der Worte helfen konnte. Einmal wollte er es noch versuchen.

»Ave. Jacques! Ave!«

Der Mann bewegte sich ein wenig, wie ein Schläfer, der nicht geweckt werden wollte. Patrick fasste ihn an der Schulter und rüttelte ihn sanft. »Ave, Jacques... sind Sie noch da? Hören Sie mich noch? Wo sind Sie? Quo vadis?« Der Gedanke war Patrick plötzlich gekommen. Quo vadis, wohin gehst du. »Quo vadis?!«, wiederholte er eindringlich und sprach es noch ein drittes Mal ganz nah und direkt in das Ohr des Schäfers.