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Die Antwort kam in langsamen Stücken und leise wie aus weiter Ferne: »In... me... ma... nebo... dum... me... reppe... rero...«

Die Tür des Raums flog auf. Dort standen der Mann vom Empfang und zwei massiv gebaute Krankenschwestern, von denen es jede Einzelne leicht mit Patrick hätte aufnehmen können.

»Monsieur, wir müssen Sie bitten, Ihren Besuch unverzüglich zu beenden.«

Widerwillig folgte Patrick der Aufforderung. Aus dem Schäfer hätte er wohl sowieso nichts mehr herausbekommen. Als er durch die Tür und am Pförtner vorbeiging, streckte dieser seine Hand aus: »Meinen Stift, wenn ich bitten darf.«

Da er am Nachmittag nicht zur Höhle fahren wollte, beschäftigte sich Patrick mit den Computern ihres Büros im Hotel und traf Peter erst zum Abendessen. Der Professor saß mit einer blonden Frau an einem Tisch.

»Patrick Nevreux, das ist Stefanie Krüger«, stellte der Professor vor. »Sie ist uns von Genf als Sprachwissenschaftlerin zugeteilt worden.«

Patrick wechselte einen flüchtigen Blick mit Peter, aber dieser reagierte nicht auf die stumme Frage. Also begrüßte er die Frau nur kurz, setzte sich und bestellte dann. Er beobachtete sie unauffällig und versuchte sie einzuschätzen. Dem Aussehen nach zu urteilen war sie keine harte körperliche Arbeit gewohnt und würde sich auch nicht dreckig machen wollen. Sie sah verdammt gut aus. In seiner ganz persönlichen Erfahrung war solches Aussehen häufig gepaart mit einem dümmlichen Verstand oder Hochnäsigkeit. Doch im Laufe des folgenden Gesprächs bestätigte sich keines seiner Vorurteile. Aber wie sagte man: Was zu gut war, um wahr zu sein, war meistens auch nicht wahr. Vermutlich hatte sie etwas zu verbergen.

Sie redeten über dies und das, ihre Arbeit am British Museum und Patricks Expedition nach Mittelamerika. Erst nachdem die erste Flasche Corbière auf dem Tisch stand, lockerte sich die Stimmung allmählich, und Peter brachte die Sprache auf das Projekt.

»Durch Stefanie haben wir gute Fortschritte gemacht. Wir konnten ein paar mehr Texte entziffern und haben noch etwas anderes Interessantes herausgefunden. Sie müssen sich unbedingt gleich die Aufzeichnungen ansehen.«

»Gibt's denn auch etwas Neues über den Durchgang?«

»Leider noch nicht«, antwortete Stefanie, »aber ich habe schon eine Ahnung. Sie ist noch vage, aber ich will gleich nach dem Essen mit der Recherche anfangen.«

»Und wie war der Besuch im Sanatorium?«, fragte Peter. »Haben Sie den Schäfer gefunden?«

»Ja, habe ich.« Patrick goss sich erneut Wein ein. »Es war nicht angenehm, das kann ich Ihnen sagen. Sah aus wie ein Zombie und war völlig abwesend. Wenn man den Typ als Warnschild vor dem Eingang der Höhle aufbauen würde, brauchte man weder zwei Dutzend Ranger noch Stahltore.«

»War es denn so schlimm?«, meinte Stefanie.

»Schlimm war, dass er noch lebte.«

»Ich bitte Sie!«

»Nein, es ist mein voller Ernst. Sie sind nicht dabei gewesen, sonst würden Sie dasselbe sagen. Er war kaum mehr als eine zerschundene, ausgedörrte Hülle, und sein Geist war nicht in besserem Zustand.«

»War er denn richtiggehend umnachtet?«, fragte Peter.

»Er hat ein paar Brocken gefaselt, die Notizen habe ich oben. Ich weiß nicht, ob es stimmt, ich hatte das Gefühl, es war Latein. Aber das war nicht nur umnachtet, das war hochgradig irrsinnig. Das Resultat elektrischer Zuckungen im Hirn oder so. Mir hat es jedenfalls gereicht!«

»Wie furchtbar«, sagte Stefanie mit sarkastischem Unterton. »Gut, dass Sie kein Krankenpfleger geworden sind, was?«

»Sie sind wohl eine ganz Harte!« Patricks Augenbrauen zogen sich zusammen. »Ich habe den Kopf da reingesteckt, und irgendein Mist ist mir dabei auch passiert. Ich habe keine Lust, so zu enden wie der Typ!«

»Es tut mir leid, Patrick, daran hatte ich nicht gedacht. Peter hat mir davon erzählt.«

Patrick antwortete nicht und studierte mit mürrischem Blick die Speisekarte.

»Okay, Patrick?« Stefanie fasste ihn am Arm, doch dieser ignorierte die Geste und rief stattdessen einen Ober herbei.

»Vergessen Sie's. Bestellen wir noch einen Nachtisch, und dann an die Arbeit.«

»Was für eine Ausrüstung!«, staunte Stefanie, als sie zum ersten Mal die Bürosuite betrat. »Haben wir mit diesen Rechnern auch einen Online-Zugang?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Peter. »Haben wir?«

»Eine Internet-Anbindung? Wir haben es noch nicht ausprobiert«, erklärte Patrick. »Aber gehen Sie mal davon aus.«

»Gut. Das wird mir bei den Recherchen sehr nützlich sein.« Sie setzte sich an den Konferenztisch und breitete ihre Notizzettcl aus. Sie enthielten Abschriften der Texte aus der Höhle, Skizzen und Symbole. Ihre beiden Kollegen setzten sich dazu. Patrick zündete eine Zigarette an und lehnte sich zurück.

»Ja, es würde mich tatsächlich stören, wenn Sie rauchen«, sagte Stefanie. »Danke, dass Sie gefragt haben.«

Patrick setzte zu einer Antwort an, doch als er Peters eindringlichem Blick begegnete, verzog er den Mund und drückte seine Zigarette mürrisch aus.

»Die Menge der Texte in der Höhle ist ja schier überwältigend«, fing Stefanie an, »ich habe mir heute nur die Texte angesehen und abgeschrieben, deren Sprachen ich selbst einigermaßen zügig übersetzen kann. Dabei ist uns aber schon etwas aufgefallen. Wie Sie beide ja schon festgestellt hatten, gibt es zwei verschiedene Arten von Texten. Die einen sind akribisch ausgeführt und passen sich zum Teil sogar kunstvoll den Formen des Untergrundes an, und sie scheinen sich an keiner Stelle zu überschneiden. Vielleicht wurden sie alle zur selben Zeit angebracht. Hierbei handelt es sich in der Regel um längere Texte. Wir haben diese die ›Urtexte‹ genannt. Die anderen Inschriften sind häufig fast unleserlich, wirken dahingeschmiert, wie eine Art mittelalterliches Graffiti. Mit einigen Ausnahmen sind das meiste kurze Texte, wenige Zeilen, nur ein paar Sätze oder Wörter. Diese Texte sind zu einem späteren Zeitpunkt angebracht worden, was auch daran zu sehen ist, dass sie die Urtexte häufig überdecken.«

»Die Zeichnung der Rose«, überlegte Patrick, »mit dem Spruch darunter...«

»...ist ein Graffiti-Text«, ergänzte Stefanie.

»Und was schließen Sie daraus? Dass irgendein Dilettant ein paar hundert Jahre später die Höhle gefunden und sie voll gekritzelt hat?«

»Wer weiß? Nach einem Tag können wir natürlich nicht sicher sein, ob diese Klassifizierung in zwei Text-Kategorien wirklich für alle Inschriften gültig ist. Und was das bedeutet, steht sowieso auf einem anderen Blatt, aber es ist zumindest ein Anhaltspunkt.«

»Stefanie hat beim ersten Entziffern möglicherweise weitere Hinweise gefunden, die die Texte voneinander unterscheiden«, sagte Peter. »Anscheinend wurde ein ganzer Teil nicht nur später und unsauberer angebracht, der inhaltliche Zusammenhang ist auch ein anderer.«

Patrick spielte mit seinem Feuerzeug. »Dann schießen Sie mal los.«

»Also«, begann Stefanie erneut, »bei den Urtexten handelt es sich, soweit ich das bisher sagen kann, um klassische Texte, also Teile bekannter Werke. Da sind eine Menge Passagen der Bibel zu finden, aber auch Ausschnitte aus klassischen lateinischen oder griechischen Werken. Bei den hebräischen Texten handelt es sich um Teile der Thora, den Büchern Moses. Wenn meine Theorie stimmt, werden wir feststellen, dass die Texte in Keilschrift aus dem sumerischen Gilgamesch-Epos stammen.«

»Was genau besagt denn Ihre Theorie?«

»Die Texte sind nicht alle direkt religiöser Natur, aber aus irgendeinem Grund haben sie alle Schöpfungsgeschichten oder Fragen nach dem Ursprung oder der Vergangenheit der Menschen zum Thema. Wer auch immer die Inschriften hinterlassen hat, konnte oder wollte keine eigenen Texte formulieren, sondern nahm bewusst Bezug auf bereits vorhandene Quellen.«

»Das könnte ein Zeichen für mangelnde Kreativität oder Analphabetismus sein«, meinte Patrick.

»Sie meinen, jemand hat einfach irgendwas abgeschrieben?«, fragte Peter.

»Das halte ich für unwahrscheinlich«, entgegnete Stefanie. »Wer auch immer die Höhle ausgemalt hat, war sich sehr wohl der Inhalte der Texte bewusst. Die Umbrüche und Gruppierungen sind durchweg logisch und korrekt. Es war sicherlich kein Akt blinden Abschreibens.«