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»Warum zitiert dann jemand die Weltliteratur?« Patrick tastete wieder nach seiner Zigarettenschachtel, zögerte, legte sie dann aber lediglich vor sich auf den Tisch.

»Vielleicht um auf etwas hinzuweisen?« Peter überlegte laut. »Etwas, das alle Texte gemeinsam haben, oder etwas, das sie alle unterscheidet?«

»Dass es einen tiefer liegenden Sinn geben muss«, warf Stefanie ein, »darauf scheint ja auch der Spruch unter der Rose hinzuweisen: ›Dies sei ein Beispiel, denen, die mir folgen.‹ Es gibt wohl irgendetwas aus den Texten zu lernen.«

»Schön und gut. Die ›Urtexte‹ sind also Schöpfungsgeschichten. Und was haben die anderen, die ›Graffiti-Sprüche‹ gemeinsam?« Patrick fand die Bezeichnung äußerst seltsam und betonte sie dementsprechend. »Etwa, dass es keine Schöpfungsgeschichten sind?«

»Seien Sie doch nicht so biestig«, sagte Peter. »Wir sind doch auch erst am Anfang.«

»Sie können sich gerne eine anstecken, wenn es Sie beruhigt«, sagte Stefanie. »Aber machen Sie zumindest so lange ein Fenster auf.«

»Na also.« Patrick stand auf, öffnete eines der Fenster und setzte sich rauchend auf die breite Fensterbank.

Stefanie fuhr derweil fort: »Während die Urtexte ordentlich sind und religiös oder geschichtlich bedeutsam erscheinen, haben die Graffiti-Texte allesamt einen anderen Tenor. Sie scheinen zwar zum Teil dahingeschmiert, aber sie sind nicht weniger weise.« Stefanie schob einige Blätter vor und deutete auf die Zeilen:

»Das ist hebräisch«, erklärte sie, »sieht religiös aus, klingt auch wie ein Pijut, ist es aber nicht.«

»Was wäre denn ein Pijut?«, fragte Patrick vom Fenstersims.

»Ein Pijut ist eine jüdische Dichtung, wie man sie in der Synagoge verwendet.

Nitsavti lefanaw ke navi lifne ha bar,

namassti lefanaw ketippa bajam, ilem anochi lefanau›.

Das heißt übersetzt:

Ich trat vor ihn wie ein Prophet vor den Berg,

ich ging in ihm auf wie ein Tropfen im Meer,

ein Stummer bin ich vor ihm.‹«

»Ein biblisches Zitat ist es nicht«, überlegte Peter.

»Richtig«, sagte Stefanie. »Aber es ist gebildet. Andere Graffiti-Texte stammen sogar aus der Bibel, wie zum Beispiel das ›memento, homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris‹, das Sie gefunden haben; ›erinnere dich, Mensch, dass du aus Staub bist, und dich zu Staub zurückwandeln wirst‹.« Stefanie deutete auf weitere Abschriften aus der Höhle. »Hier ist noch ein gutes Beispiel. Da findet sich zunächst als Urtext eine Passage aus Platons Timaios, ein Teil, der die Schöpfung der Welt betrachtet. Ein echter Klassiker sozusagen, allerdings auf Latein, statt auf Altgriechisch:

Haec igitur aeterni dei prospicientia iuxta nativum et umquam futurum deum levem eum et aequiremum indeclivemque et a medietate undique versum aequalem exque perfectis universisque totum perfectumque progenuit.

So geht es noch ein paar Absätze weiter. Aus dem Stegreif übersetzt lautet das in etwa:

Dieser ganze Gedanke des ewig seienden Gottes, über den zukünftig seienden Gott gedacht, ließ ihn zu einem glatten und ebenmäßigen, überallhin von der Mitte aus gleichen und ganzen und vollendeten Körper aus vollendeten Körpern werden.

Eine Seele aber in seine Mitte setzend durch das Ganze spannte er, und auch von außen den Körper umhüllte er mit ihr.

Und einen im Kreis einen Kreis drehenden Himmel, den einen einzigen, einsamen stellte er hin, durch Tugend in sich selbst vermögend, sich zu befruchten, und keines anderen bedürftig, bekannt und befreundet zur Genüge mit sich selbst; durch alles dieses glückselig als einen Gott zeugte er ihn.‹

Ein berühmter Text, etwa zweieinhalbtausend Jahre alt. Die Kugel als vollendeter Körper, dem die Erde und die Planetenlaufbahnen entsprechen.«

»Knapp tausend Jahre später wurde man für solche ketzerischen Gedanken auf dem Scheiterhaufen verbrannt«, sagte Peter.

»Ja«, sagte Stefanie. »Sehr eindrucksvoll. Und mit Liebe zum Detail an die Höhlenwand aufgebracht. Und dann kommt einer daher und schmiert einen Graffiti-Text darüber, der nicht weniger intelligent ist. Einer der längsten Graffiti-Texte:

Ex quo omnia mihi contemplanti praeclara cetera et mirabilia videbantur.

Erant autem eae stellae, quas numquam ex hoc loco vidimus

et eae magnitudines omnium, quas esse numquam suspicati

sumus, ex quibus erat ea minima quae ultima a caelo citima

terris luce lucebat aliena; stellarum autem globi terrae magnitudinem facile vincebant.

lam vero ipsa terra ita mihi parva visa est, ut me imperii

nostri, quo quasi puntum eius attingimus, paeniterent.

Das ist ein Teil aus Ciceros De re publica, wenn ich mich richtig erinnere, aus dem Traum Sicipios, etwa fünfhundert Jahre später:

Von dort aus schien mir, wie ich es betrachtete, alles Übrige herrlich und wunderbar.

Es gab dort aber Sterne, die wir niemals von diesem Ort aus gesehen haben, und Größenverhältnisse bei ihnen allen, von denen wir keine Ahnung gehabt haben, von ihnen war der kleinste, der als Letzter vom Himmel als Nächster der Erde in fremdem Licht leuchtete; die Kugeln der Sterne aber übertrafen die Größe der Erde mit Leichtigkeit.

Ja, die Erde selbst erschien mir so klein, dass es mich unseres Reiches, mit dem wir nur gleichsam einen Punkt von ihr berühren, schämte.‹«

»Was ist denn nun Ihre Theorie?«, wollte Patrick wissen. »Dass die Graffiti-Schreiber Intellektuelle waren?«

»Ja, das kann man jedenfalls schon mal annehmen. Die Graffiti-Texte wurden später angebracht, zum Teil scheinen sie wie Antworten auf die Urtexte. Sie sind gebildet, aber sie vermitteln alle eine besondere Art Ehrfurcht. Ehrfurcht vor der Winzigkeit des Menschen im kosmischen Gefüge, Ehrfurcht vor Wissen und den großen Geheimnissen der Welt.«

»Wir wissen noch nicht, wer diese ganzen Texte anbrachte«, sagte Peter, »nur scheint es, als hätten die Verfasser der Graffiti-Texte andere Beweggründe gehabt.«

»Ja, besonders deutlich macht es dieser hier:

»Arcana publicata vilescunt; et gratiam prophanata amittunt. Ergo: ne margaritas obijce porcis, seu asino substerne rosas.

Ich weiß nicht, ob das ein historisches Zitat ist, es heißt:

Veröffentlichte Geheimnisse werden billig; und das Entheiligte verliert alle Anmut. Also: Wirf nicht Perlen vor die Säue, noch streue dem Esel Rosen.

Das stand übrigens neben der Zeichnung mit der Rose, allerdings in einer etwas altertümlichen Schrift, so dass wir es erst heute entziffert haben.«

»Ich kenne es...«, überlegte Peter. »Ich komme nur gerade nicht darauf, woher...«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, als redeten hier alle um den heißen Brei herum«, sagte Patrick, schloss das Fenster und setzte sich wieder zu den anderen an den Tisch. »Als ob man zu spät in ein Gespräch platzt und als Einziger nicht weiß, worum es geht. Oder wenn alle lachen, und man hat den Witz nicht gehört.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Peter.

»Ich schon«, warf Stefanie ein. »Ich weiß, was Sie meinen: Man bekommt das Gefühl, dass es irgendein unbekanntes Thema gibt, aus dessen Anlass all diese Texte und Kommentare verfasst wurden. Die Schreiber hatten alle dasselbe im Hinterkopf. Nur, was war dieses Thema, dieses geheime Wissen? Hier ist ein Text, der in ebendiese Kerbe schlägt.« Sie zeigte den Forschern ein weiteres Papier.