»Das ist Altgriechisch«, erklärte Stefanie, »den Ursprung konnte ich spontan nicht ermitteln. Es scheint auch nicht ganz fehlerfrei zu sein, aber ich habe es grob übersetzen können:
›Wenn Gleichheit Gerechtigkeit ist, und Wissen Macht,
dann ist die Welt gut, wenn die Gänze allen Wissens für alle zugänglich ist.
jeder darin ist mächtig, und alle sind gleich.
Der Mächtigste aber ist der, der Wissen findet.
Er muss weise sein, so dass er es mit anderen teilen kann.‹«
»Klingt erstaunlich modern. Nach Wissensmanagement«, sagte Peter.
Stefanie nickte. »Noch interessanter ist, was jemand als Ergänzung an den letzten Satz angefügt hat:
›...und er muss weise genug sein, es zu verheimlichen.‹«
»Na fein«, sagte Patrick und schüttelte den Kopf, »jetzt haben wir eine ganze Menge Hebräisch und Latein und Griechisch gehört, und mir brummt der Schädel. Ich kann in dem Ganzen noch keinen roten Faden sehen.«
»Vielleicht ist es einfach noch zu früh«, gab Peter zu. »Aber immerhin identifizieren wir jetzt die Puzzleteile. Wenn wir sie auch noch nicht zusammensetzen können.«
»Mindestens genauso bemerkenswert wie die alten Inschriften«, sagte Patrick, »finde ich das Interesse der Leute, die heute leben. Das Verhalten der Großmeisterin und dann dieses merkwürdige Fax, das...« Er stockte, als sein Blick am Fax-Gerät hängen blieb. Weiteres Papier war inzwischen aus dem Gerät gekommen und lag im Auffangkorb. »Was ist das?« Er stand auf, griff die Papiere und überflog sie. »Das gibt's doch nicht!«
»Was ist es?«
Patrick brachte die zwei Faxe zum Tisch und legte sie nebeneinander. »Wo wir gerade von Frau Groß-Guru sprachen: Ihre Voraussage hat sich gerade bestätigt, Peter. Sie schreibt, dass sie sich tatsächlich noch mal mit uns treffen will.« Dann deutete er auf das andere Papier. »Und nun sehen Sie sich dieses hier an:
»Sehr geehrte Herren,
uns ist zur Kenntnis gelangt, dass Sie Nachforschungen in einer Angelegenheit betreiben, in der wir Ihnen notwendige Informationen geben möchten. Möglicherweise haben Sie diese bereits berücksichtigt, doch würden Sie in diesem Fall sicherlich erfreut sein, den Stand Ihrer Forschung bestätigt zu wissen.
Daher möchten wir Sie zu einem informativen Treffen einladen. Der verschwiegenen Natur Ihrer Angelegenheit kommen wir gerne entgegen, seien Sie sich unserer Diskretion versichert«
Mit freundlichen Grüßen und so weiter, Samuel zu Weimar. Da ist auch gleich eine Anfahrtsskizze dabei.
»Samuel zu Weimar?« Peter schmunzelte. »Klingt wie ein schlechtes Pseudonym, nicht wahr?«
»Stimmt«, sagte Stefanie. »Soll wohl Deutsch wirken. Wer ist das, und woher kennt dieser Mensch unsere Fax-Nummer?«
»Ich vermute, dass Ihr Bekannter in Paris nicht ganz so vertrauenswürdig war, wie Sie gehofft haben, was, Peter?«
»In der Tat, so sieht es aus.«
»Sehen Sie sich den Briefkopf an!«, staunte Stefanie und wies auf eine Vignette. Sie stellte eine Rose dar, in deren Zentrum ein Kreuz sowie die Buchstaben M. L. zu erkennen waren. Über der Rose züngelten drei Flammen. Darunter stand ein Schriftzug. »Mission des Lichts – In nomine Patris et Filii et Spiritus Sankti‹«, las sie vor, »Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes.«.
»Amen.«
»Sie sind ein Lästermaul, Patrick.«
Er grinste und ging wieder zum Fenster, um eine weitere Zigarette zu rauchen. »Fassen wir mal zusammen«, sagte er nach dem ersten Zug. »Einerseits erforschen wir eine Höhle. Technisch kommen wir im Augenblick nicht weiter, aber wir sind immerhin dabei, die alten Texte zu entziffern. Leider geben sie uns bisher keinen Hinweis auf den Sinn und Zweck des Ganzen. Gleichzeitig haben verschiedene Leute inzwischen Wind von unseren Recherchen bekommen. Da gibt es die Großmeisterin eines Freimaurerordens. Sie scheint die Zeichnung der Rose mit irgendetwas in Verbindung zu bringen, wollte uns aber erst nichts sagen. Jetzt möchte sie sich wieder mit uns treffen. Dann haben wir ein Fax von einem mysteriösen St. G., der uns irgendwie vor den Auswirkungen unserer Forschungen warnen will, und wir haben ein Fax von einem Samuel von Weimar, der behauptet, dass er Infos für uns hat. Habe ich etwas vergessen?«
»Neben den Texten in der Höhle«, warf Stefanie ein, »sollten wir auch weiter Recherchen über die Symbole am Durchgang selbst betreiben. Das scheint fast noch wichtiger.«
»Das stimmt«, sagte Peter. »Über die Symbole, die Kreise und den Durchgang wissen wir noch gar nichts. Zunächst hatten wir ja gedacht, dass uns die Texte im vorderen Teil der Höhle helfen würden, aber so sieht es im Augenblick nicht aus. Stefanie, Sie hatten eine Idee, sagten Sie...?«
»Wirklich nur sehr vage. Aber ich werde mich jetzt darauf konzentrieren. Einen oder zwei Tage an diesen Rechnern und Internetzugang brauche ich. Dann kann ich mehr darüber sagen.«
»Und Patrick, Sie sollten nun tatsächlich versuchen, die Absender der Faxe herauszufinden«
»Ja, das habe ich auch vor.«
»Und eines noch«, sagte Stefanie.
»Ja?«
»Sie wollten uns Ihre Notizen vom Besuch im Sanatorium zeigen.«
Patrick zögerte. »Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass man damit etwas anfangen kann.«
»Vielleicht ja schon«, sagte Peter. »Zeigen Sie sie.«
Patrick holte ein paar zusammengefaltete Zettel hervor. »Ich habe das so aufgeschrieben, wie ich es verstanden habe. Ist vielleicht völliger Unsinn:
›Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student
ne introverts cogno scientiam
in me ma nebo dum me reppe rero.‹«
Stefanie zog die Augenbrauen hoch. »Das ist Latein! Den Anfang kann man gut verstehen: ›Vertraue nicht denen, die dir helfen wollen.‹ Können Sie den Teil in der Mitte noch mal wiederholen?«
Patrick las die Zeile erneut vor.
»Der Anfang heißt ›tritt nicht ein‹, dann müsste es aber in der Folge ›cognosce scientiam‹ heißen. Kann das sein? Hat er vielleicht ›cognosce‹ gesagt?«
»Kann schon sein, es war immerhin nur dahingenuschelt.«
»Dann hieße es ›erkenne das Wissen‹. Wenn es aber so undeutlich war, könnte er dann auch ›et cognosce scientiam‹ gesagt haben?«
»Ich denke schon. Ist das wichtig?«
»Nun, es würde das Gegenteil bedeuten. Entweder er wollte ausdrücken, man solle nicht eintreten und stattdessen das Wissen erfahren, oder er wollte sagen, man solle nicht eintreten und somit nicht das Wissen erfahren.«
»Es stellt sich auch die Frage, wo rein man nicht eintreten soll«, sagte Peter.
»Na prima«, sagte Patrick. »Das erinnert mich an den anderen Bekloppten im Sanatorium. Vielleicht ist es so, vielleicht nicht, hat der immer gesagt.«
»Wahrscheinlich meinte er die Höhle«, überlegte Peter.
»Vielleicht«, sagte Stefanie. »Schließlich ist es irgendwie eine Höhle des Wissens... wie war der letzte Satz noch?«
»Ich habe nur Bruchstücke verstanden: ›ln me ma nebo dum me reppe rero.‹ Ergibt das Sinn?«
»Ja, sehr deutlich sogar. ›In me manebo dum me repperero‹ heißt es und bedeutet: Ach bleibe in mir, bis ich mich wiedergefunden haben werde.‹ Ganz schön philosophisch, Ihr Schäfer.«