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»Nein.« Der Graf sah in die Flammen. »Wir haben alles durchgemacht. Religion, Philosophie, Politik, Soziologie, und es sind Ideologien geblieben. Nur das Geld und dessen Wirtschaft haben sich immer wieder als endgültig wirksam erwiesen.«

»Die Banque Parisienne hat ihre Verträge mit der Partei gekündigt«, fuhr der Präsident nun fort. »Gleichzeitig hat die Banque Atlantique Direct, die seit Jahren um eine Zusammenarbeit mit der Partei buhlt, ihr Interesse eingestellt. Dann gibt es ENF, den zweitgrößten Stromanbieter im Land. Er wendet sich plötzlich von unseren Staatsanleihen ab und hat mich buchstäblich von der Veranstaltung nächste Woche ausgeladen. Dasselbe ist passiert mit der Ferrofranc-Gruppe, ein Konglomerat der drei größten erzverarbeitenden Konzerne dieses Landes, mit TVF Média und mit Télédigit International. Das alles in nur vier Tagen.«

»Das ist bemerkenswert.«

Nun schenkte sich auch der Präsident ein weiteres Glas ein, blieb aber stehen. »Ich wäre weniger verunsichert, wenn es nicht aus heiterem Himmel käme. Einer dieser offensichtlichen Unstimmigkeiten auf den Grund zu gehen, würde schon einiges an Recherche, Arbeit und vor allen Dingen Zeit kosten. Doch in dieser Fülle!«

»Sind bereits Schritte unternommen worden?«

»Ich habe alle Informationen über die jetzigen und geplanten Aktivitäten der Firmen analysieren lassen. Der Geheimdienst wurde noch nicht eingebunden, wir haben uns zunächst der öffentlichen Quellen bedient. Allzu viel können die Aktiengesellschaften durch das allgemeine Augenmerk der Medien und der Investoren nicht geheim halten. Wir haben auch unsere Insiderkontakte genutzt, um alles über Pläne bevorstehender Fusionen oder Geschäfte ähnlicher Tragweite zu erfahren. So etwas könnte zumindest das Verhalten erklären.«

»Und?«

»Nichts.«

»Was schließen Sie daraus?«

»Entweder es gibt keine zugrunde liegenden Pläne oder Entscheidungen, oder sie kommen von höchster Stelle.«

»An was für eine Stelle denken Sie dabei?«

Der Präsident zögerte einen Augenblick. »Vielleicht gibt es etwas Geheimes innerhalb der Firmen, das weder die Investoren noch die Medien noch unsere Kontakte erfahren haben. So geheim, dass sogar das Vorhandensein des Geheimnisses unbekannt geblieben ist. Wenn man es genau bedenkt, ist das aber mehr als unwahrscheinlich, nein, wahrscheinlich sogar ausgeschlossen. Dann kann es sich nur um plötzliche und durchschlagende Entscheidungen handeln...«, Präsident Michaut trank einen Schluck und beendete den Satz halblaut, »wie sie vielleicht durch einen mächtigen Gesellschafter erzwungen werden könnten.«

Der Graf nickte kaum merklich. »Welche Konsequenzen erwarten Sie?«

»Für das Land oder die Partei?«

»Oder für sich selbst.«

»Das Land kann und wird keine Einnahmen verlieren, notfalls wird es auf Steuern umgelegt. Das Land hat auch schon viele Parteien überlebt. Eine nationale Katastrophe wird es wohl kaum geben. Der Partei allerdings wird es weniger gut bekommen, wenn sie unerfreuliche Konsequenzen aus dem Verlust der Zusammenarbeit mit der Industrie ziehen muss.«

»Könnte man Sie verantwortlich machen? Würde man Sie wiederwählen?«

»Nun, die Opposition wird es zwar an meiner Person festmachen und dies den Medien und der Bevölkerung auch so darstellen. Eine Wiederwahl wird so natürlich etwas schwieriger. Aber unmöglich ist sie damit noch lange nicht.«

»Das ist beruhigend. Überlegen Sie, was passieren könnte, würden Ihnen weitere Industrieunternehmen dieserart den Rücken kehren.«

Präsident Michaut antwortete nicht gleich. Dann setzte er sich in den Sessel und betrachtete den Grafen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Wissen Sie was, mein verehrter Monsieur le Comte? Ohne es zu ahnen, haben Sie mir heute Abend eine unschätzbare Hilfe erwiesen.«

Nun lächelte auch der Graf. »Ist das so?«

»Ich weiß nun, was ich tun werde. Ich bin froh, dass Sie heute meiner Einladung gefolgt sind. Ich hoffe, dass ich Ihnen eines Tages einen ebensolchen Dienst erweisen kann.«

»Die Freude ist ganz meinerseits, Monsieur le Président. Allerdings möchte ich ausdrücklich und dringend darauf hinweisen, dass ich keine Vorstellung davon habe, wofür und wie Sie mir danken möchten.«

»Wie Sie meinen, dann lassen Sie mich wenigstens auf Sie anstoßen. Auf Ihr Wohl!«

»Auf das Ihrige. Non nobis, Domine, sed nomini Tuo da gloriam.«

Kapitel 10

7. Mai, Flug Béziers – Paris

Was halten Sie von ihr, Patrick?« Die Stewardess hatte gerade Getränke verteilt und bemühte sich nun, in der kurzen verbleibenden Zeit, bis die Anschnallzeichen für den Landeanflug wieder aufleuchten würden, mit gewollter Ruhe und Freundlichkeit ein Maximum an Service zu bieten, leider ohne ihre tatsächliche Hektik völlig verbergen zu können.

»Von der Stewardess?« Patrick grinste.

»Nein, von Stefanie. Mir scheint, dass Sie nicht begeistert von ihrer Mitarbeit sind. Sie waren ja fast erleichtert, als sie unbedingt im Hotel an den Rechnern bleiben wollte.«

»Ihre Arbeit ist gut. Ich habe nichts gegen sie.«

»Hören Sie auf, Patrick. Ist es Neid?«

Patrick winkte ab. »Unsinn, nein! Sie arbeitet gut. Manchmal ist sie mir etwas zu herablassend, wissen Sie? Eine Klugscheißerin.« Er sah aus dem Fenster.

Peter schwenkte seinen Plastikbecher mit langsamen Bewegungen und ließ so die Eiswürfel im Kreis taumeln. »Ich frage mich gerade«, sagte er und betrachtete Patrick von der Seite, »wie viel Kälte so ein kleiner Eiswürfel abgeben kann, um den ganzen Becher zu kühlen...«

»Der Eiswürfel gibt gar keine Kälte ab.«

»Ach nein?« Peter lächelte.

»Der Eiswürfel schmilzt, da seine Umgebung wärmer als null Grad ist. Für diese Zustandsänderung benötigt er aber Energie. Deswegen holt er sich die Wärmeenergie seiner Umgebung. Es ist nicht das Eis, das Kälte abgibt, sondern die Flüssigkeit, die Wärme abgibt.«

»Na sehen Sie, Herr Ingenieur, das Klugscheißen macht Ihnen doch selber Spaß. Na los, sagen Sie schon, was Sie an Stefanie stört.«

»Nichts, wenn ich es doch sage! Ich muss ihr ja nicht gleich um den Hals fallen. Ehrlich gesagt, mache ich mir im Augenblick über ganz andere Dinge Gedanken.«

»Die Loge?«

»Ja. Ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee ist, sich noch mal mit diesen Leuten zu treffen, sie sind mir wirklich unheimlich.« Patrick sah zum Professor hinüber. »Sie scheint das nicht weiter zu berühren. Was wissen Sie noch alles über die Freimaurer?«

»Ich habe es Ihnen schon gesagt, ich hatte Sebastian während meiner Recherchen vor einigen Jahren kennen gelernt. Die haben ihre Rituale und Zeremonien, das muss einen nicht bekümmern.«

»Und diese Kabbala? Was hat es damit auf sich?«

»Die Kabbala entstammt dem jüdischen Mystizismus. Es geht darum, die wahre, ursprüngliche Thora wiederzufinden, die Wahrheiten und Weisheiten Gottes.«

»Eine Geheimlehre?«

»Fast die gesamte Magie des Mittelalters, oder das, was man so nannte, war von kabbalistischem Gedankengut durchzogen. Inzwischen gibt es so viele Bücher darüber, hauptsächlich aus der esoterischen Ecke, dass man es schwerlich eine Geheimlehre nennen kann.«

»Wie kommt es, dass Sie sich so gut damit auskennen? Sie scheinen auch mehr zu wissen, als es den Anschein hat, Herr Professor.«

»Der Siegeszug der Vernunft – Aberglaube und Rationalität im Wandel der Jahrtausende, erinnern Sie sich? Meine Vorlesungsreihe.«

»Also gut, erzählen Sie mehr davon. Was ist die Thora, und wie will man die Weisheiten Gottes darin wiederfinden?«

»›Thora‹ ist das hebräische Wort für ›Lehre‹, damit ist der Pentateuch gemeint, die fünf Bücher Moses. Der gesamte Text ist auf eine Rolle geschrieben, in hebräischen Buchstaben. Die religiösen hebräischen Texte werden und wurden stets buchstabengetreu kopiert, so dass zum Beispiel alle hebräischen Bibeln weltweit, egal wie alt, immer absolut identisch sind. Nun gibt es verschiedene kabbalistische Methoden, die Thora zu lesen, sozusagen zu entschlüsseln, um geheime, dahinter liegende Botschaften zu finden.«