»Renée Großmeister war ja auch der Meinung, dass Hebräisch die Sprache Gottes sei.«
»Ja, die Suche nach der vollkommenen Sprache, die im Spätmittelalter und der Renaissance wahre Paradiesblüten getrieben hat, und die Kabbala hängen zusammen.«
»Und? Hat man schon versteckte Botschaften in der Thora gefunden?« Patrick war hellhörig geworden.
»Die Kabbalisten sind der festen Überzeugung, dass ja.«
»Haben Sie eine Ahnung, was das für Methoden sind, mit denen da gearbeitet wird?«
»Es gibt verschiedene Systeme, mit denen Buchstaben umgestellt und Anagramme gebildet werden. Zudem hat jeder Buchstabe einen Zahlenwert. So kann man aus Wörtern Summen bilden. Diese Zahlen vergleicht und verrechnet man dann mit den Zahlenwerten anderer Wörter. Ach, es gibt unzählige Arten und Kombinationen. Besorgen Sie sich doch mal ein Buch, wenn es Sie so interessiert.«
Ein Gong tönte durch das Flugzeug, gefolgt von einer Durchsage, dass man sich in Vorbereitung auf den Landeanflug anschnallen, die Tische hochklappen und die Rückenlehnen senkrecht stellen möge.
»Oder warum fragen Sie Renée Colladon nicht selbst?«
Patrick lachte. »Das sollte ich wirklich tun. Meinen Sie, sie wird uns etwas darüber erzählen?«
»Ich glaube, sie wird uns noch etwas ganz anderes erzählen. Sie hat uns schließlich eingeladen, um uns entgegenzukommen, ist es nicht so?«
»Ich bin gespannt, Peter, ich bin wirklich gespannt.«
»Renée scheint einen Hang fürs Theatralische zu haben.« Patrick betrachtete das mittlere Portal der Kathedrale, auf dem eine dramatische Darstellung des Jüngsten Gerichts prangte, in der Jesus als Weltenrichter die Seelen wahlweise zur Seligkeit oder zu Höllenqualen verdammte, beides für die Ewigkeit. Hier wird also die Spreu vom Weizen getrennt, überlegte er. »Das war's, Feierabend, ihr habt eure Chance gehabt, ihr Verlierer.« Kein »Hey, wisst ihr was, Jungs, ich hab's mir überlegt, ich vergebe euch trotzdem«. Nach Jahrtausenden noch nachtragend, der Alte Herr.
»Haben Sie eine Vorstellung davon, wie oft ich schon in Paris gewesen bin«, sagte Peter, »und nun müssen wir erst zu einem geheimen Treffen eingeladen werden, um einmal nach Notre Dame zu kommen.«
»Na, dann lohnt sich der Besuch für Sie ja auf alle Fälle.«
Sie waren nicht zu früh. Neben einer der gewaltigen Säulen im Eingangsbereich stand eine Frau und kam mit ausgestreckter Hand auf die beiden zu, als sie sie erblickten.
»Monsieur Nevreux, Professor Lavell, ich bin Renée Colladon.« Die Frau schien mittleren Alters zu sein. Sie trug eine dunkelrote Kombination aus Rock, Bluse und Jackett und wirkte sehr geschäftsmäßig. Unter dem Arm hielt sie eine schwarze Ledermappe.
»Sehr erfreut, Sie wiederzutreffen«, begrüßte Peter sie.
»Ihre Stimme kommt mir in der Tat bekannt vor«, sagte Patrick. »Heute ganz ohne Kapuze?«
Die Frau lächelte. »Vielleicht schaffe ich es noch, dass Sie sich etwas weniger lustig machen.«
»Ich hoffe, Sie nehmen es nicht übel«, warf Peter ein, aber Patrick ließ sich nicht beirren.
»Beeindrucken Sie mich«, forderte er die Frau heraus.
»Das werde ich nicht tun, Monsieur Nevreux. Und wissen Sie auch, warum? Weil ich nicht den missionarischen Eifer habe, Ihnen die Augen zu öffnen, solange Sie sie verschließen.« Sie wandte sich langsam zum Gehen, und während sie wie beiläufig durch den seitlichen Gang des Mittelschiffes schlenderten, fuhr sie fort: »Aber Sie suchen, und ich werde Ihnen Antworten geben. Deswegen treffen Sie mich heute ohne Verhüllung. Ich möchte Ihnen meine Aufrichtigkeit demonstrieren, und mein Vertrauen in Sie. Sehen Sie dieses Fenster? Was für prachtvolle Details die Sonne enthüllt? Fiat lux, es werde Licht! Wie kann ich Ihnen helfen, Messieurs?«
»Sie haben die Zeichnung gesehen«, sagte Peter. »Was können Sie uns über die Rose sagen?«
»Monsieur le Professeur, Sie verschwenden wirklich kein überflüssiges Wort. Aber lassen Sie uns noch nicht über die Rose sprechen. Am Ende werde ich es sein, die nach der Rose fragt, daher nutzen Sie die Chance, die Fragen zu stellen, die Ihnen wirklich am Herzen liegen. Monsieur Nevreux, Sie schienen mir bei unserem letzten Treffen ebenso unverblümt wie unbedarft...«
»Gut, wenn Sie wollen, dann erzählen Sie mir mehr über den Mumpitz in der Loge, die Kleidung, den Saal, den Gefangenen. Und haben Sie schon göttliche Weisheiten in der Thora gefunden?«
»Patrick, ich bitte Sie!«
»Es ist schon gut, Professor, ich habe diese Fragen erwartet, und ich bin bereit, sie zu beantworten; zumindest so gut ich sie einem Außenstehenden in wenigen Worten beantworten kann. Professor, sagen Sie uns, welches dem heutigen Stand der Wissenschaft nach die Wiege der Menschheit ist. Ist es nicht Afrika?«
»In gewissem Sinne und mit Einschränkungen, ja.«
»Ihre Zurückhaltung ist nicht vonnöten, Monsieur le Professeur, Sie sprechen nicht vor einem Anwalt.« Renée lachte. »Aber es ist nur richtig, dass Sie mir zustimmen. Nicht nur die Wiege der Menschheit liegt hier. Hier nahm alle Schöpfung und alle Vernunft ihren Anfang. Hier war das Paradies. Hier wurde noch die Sprache Gottes gesprochen, und hier taten wir auch die ersten baumeisterlichen Schritte. Die Ägypter bauten die Pyramiden, und Noah konnte sich und sein Gefolge retten, als Gott ihn warnte und die große Flut alles verschlang.«
»Die Sintflut fand also in Nordostafrika statt?« Patrick versuchte, seinen Tonfall nicht allzu sarkastisch klingen zu lassen.
»Monsieur Nevreux, ich bitte Sie!« Renée Colladon schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Die Sintflut war weder ein globales Ereignis, noch fand sie in Ägypten statt. Die moderne Forschung bestätigt dies auch. Inzwischen ist nachgewiesen, dass der Wasserstand des Schwarzen Meeres ehemals hundert Meter tiefer lag, und dass es das Land zwischen Euphrat und Tigris war, das vollständig überschwemmt wurde.« Sie blickte zu Peter, wie um sich die historischen Daten bestätigen zu lassen, doch dieser hielt sich für die Dauer des Vortrags zurück. Sie fuhr fort: »Die Sintflut fand im Nahen Osten statt; bis hier war auch die Zivilisation vorgedrungen, und von hier stammen die Berichte über die Sintflut.«
Sie hatten inzwischen das Querschiff erreicht und erlangten hier erstmals einen guten Eindruck von der gewaltigen Höhe der Kathedrale. Um zu verhindern, dass andere Touristen ihrem Gespräch folgten, setzten sie ihren gemächlichen Gang bald fort.
»Noahs Sohn, Sem, entstammten die semitischen Stämme, darunter auch die Akkader, die das Zweistromland eroberten und die Sprache und Schrift der Sumerer bereicherten. So gebar die sumerische Stadt Ur schließlich den Stammvater Israels: Abraham.«
»Warum erzählen Sie uns das alles?«, fragte Patrick.
»Um Ihnen die Verbindungen aufzuzeigen. Es waren stets die von der Sprache Gottes durchdrungenen Semiten, die die Geschicke der Welt bestimmten. Babylon nannten die Griechen später die sumerische Stadt Bab-Ilum, wo die Semiten den Turm der Türme bauten, um Gott näher zu kommen.« Sie machte eine Pause. »Sie wurden furchtbar dafür bestraft... Wie Sie wissen, bauten die aus Abraham geborenen Israeliten den Tempel von Jerusalem – und wie oft bauten sie ihn erneut auf!«
»Sie wollen darauf hinaus, dass es eine Beziehung zwischen der Sprache Gottes gibt und den großen Bauten des Altertums?« Es war eher eine Feststellung als eine Frage, die Patrick halblaut äußerte.
»Richtig!« Renée Colladon wandte sich ihm lächelnd zu. »Wirklich, Monsieur, darauf wollte ich hinaus. Dies ist der heilige Ursprung der Tradition der Freimaurer. Wenn Sie sich an den Besuch im Tempel erinnern mögen?«