»Tempel?«
»Die große Halle unserer Loge, in der die Begrüßung stattfand.«
»Ach so, ja, ich erinnere mich.«
»Ihnen werden zwei Säulen aufgefallen sein. Sie stehen dort in Anlehnung an die beiden Säulen, die nach der Sintflut gefunden wurden. Sie enthielten die Geheimnisse des Wissens, die schließlich über Noah verbreitet wurden, der nach Westen, nach Ägypten, zog und dessen semitische Nachkommenschaft das Wissen auch im Osten, in Sumer und dem späteren Babylonien verbreitete.«
Sie wandte sich Peter zu, der gerade auffällig die Augen verdreht und Luft eingesaugt hatte. »Monsieur le Professeur, Sie werden keinen historischen Bericht hierüber kennen, denn dieses ist Wissen, das in unserer Tradition seit Jahrtausenden gehütet wird. Die eine Säule verkörpert den ägyptischen Gott Thot, den Herrn der Schrift, der Sprachen und des geheimen Wissens. Die andere Säule ehrt Henoch, den Prophet Elohims, der vor der Großen Flut lebte. Auch er lehrte den Umgang mit der Feder und verbreitete das Wissen. Es sind zwei Aspekte derselben Macht, die hinter den Worten der Thora verborgen liegt.«
»Womit wir bei der Thora wären«, sagte Patrick. »Haben Sie schon geheimes Wissen darin gefunden?«
»Seit Jahrtausenden wird die Heilige Schrift gelesen, und es wäre ein großer Zufall, wenn es in meiner Lebenszeit geschehen würde, dass sich der Menschheit ihre gesamte Weisheit offenbarte. Möglicherweise, nein, höchstwahrscheinlich können Menschen niemals die Gänze der Wahren Thora überblicken, denn das würde bedeuten, dass wir uns Gottes Weisheit genähert hätten, was uns in diesem körperlichen Leben aber nicht zugestanden ist. Aber kleine Wunder geschehen jeden Tag, und jeder, der die Thora liest, findet seine eigene Wahrheit.«
»Peter, Sie sagen gar nichts«, sagte Patrick, »was halten Sie von der ganzen Sache?«
»Ich denke darüber nach«, antwortete der Professor, der scheinbar lediglich die Architektur bewunderte und nur wie beiläufig zuhörte, »wie oft ich solche Plattitüden schon gehört habe, und ich warte ab, ob wir noch etwas weniger nebulöse Antworten bekommen werden.«
»Zugegeben, Madame«, sagte Patrick, »mir scheint es auch, als würden Sie sich ein wenig herausreden.«
»Das ist nicht der Fall, und ich habe keineswegs das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen.« Sie war vor der Absperrung stehen geblieben und betrachtete den Chor. Als sich mehrere Touristen davor versammelten, ging sie einige Schritte weiter und senkte ihre Stimme. »Es tut mir leid, wenn es Ihnen so vorkommen mag. Aber sehen Sie, die Kabbala ist mehr als bloße Worte und Erklärungen. Sie ist auch mehr als Gematria oder Temurah, die Suche nach der Wahren Thora. Es geht hier um eine Lebensweise.« Sie öffnete ihre Ledermappe und brachte einige Papiere hervor sowie ein dünnes Büchlein. »Ich habe Ihnen dies mitgebracht, damit Sie sich ein wenig intensiver mit dem Freimaurertum und der Kabbala beschäftigen können.«
Patrick nahm die Unterlagen verwundert entgegen.
»Lesen Sie es, und wenn Sie tiefer eingedrungen sind, möchte ich mich gerne ausführlich und etwas intimer mit Ihnen unterhalten. Rufen Sie mich jederzeit an.« Sie überreichte ihnen eine Visitenkarte mit der Aufschrift Claire Renée Colladon und einer Telefonnummer.
»Das ist ja alles furchtbar nett«, lenkte Patrick ein, »aber uns liegt wesentlich mehr daran, etwas über den Ursprung der Zeichnung zu erfahren und deren Zusammenhang mit Ihrer Loge, wie hieß sie noch, die Brüder von Rose und Kreuz?«
»Der Name unserer Loge ist: Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose. Und soweit ich mich entsinne, wies ich das letzte Mal bereits darauf hin, dass ich Ihnen diesbezüglich erst weiterhelfen kann, wenn Sie mir mitteilen, wo Sie die Zeichnung gefunden haben!«
Nun meldete sich Peter zu Wort. »Madame Colladon, bei allem Respekt, aber wir haben nicht den weiten Weg nach Paris gemacht, um uns heute einen Vortrag über das Freimaurertum und die Arche Noah anzuhören. Das wissen Sie so gut wie wir. Ich möchte gerne behaupten, dass alleine dieser Besuch in Notre Dame den Aufwand rechtfertigt, aber noch lieber würde ich mit einigen Ergebnissen aus diesem Treffen gehen.«
»Professor, ich sehe, Ihr Ruf als hartnäckiger Investigateur bestätigt sich, auch wenn Sie die Wahrheit niemals vollständig erhellen konnten.« Ihr Tonfall klang verärgert. »Aber ich weiß tatsächlich nicht, wie ich Ihnen weiterhelfen kann.«
»Ihnen ist die Rose wichtig, ist es nicht so?«
»Ich habe das nie behauptet...«
»Und es ist Ihnen wichtig, woher die Rose kommt, ist es nicht so?«
»Monsieur...«
»Und am allerwichtigsten ist Ihnen das mögliche Umfeld, in dem wir die Rose fanden. Wie, wer, wann, wo – ist es nicht so?«
Renée Colladon schwieg für einen Augenblick, während ihr steinerner Gesichtsausdruck keinen Aufschluss darüber zuließ, was in ihr vorging. »Also gut, Messieurs«, sagte sie schließlich, »offensichtlich haben Sie eine vorgefasste Meinung von mir und der Loge, und es schmerzt mich wirklich, denn ich sehe dies als echten Verlust. Ich hätte Ihnen gerne geholfen, aber ich beabsichtige nicht, mich auf diesem Niveau mit Ihnen und Ihren Dogmen auseinander zu setzen.«
Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal um. »Viel Erfolg, Monsieur le Professeur, und auch Ihnen, Monsieur Nevreux. Ich hoffe für Sie, dass Sie das Licht finden.«
Peter versuchte nicht, sie aufzuhalten, sondern sah ihr nach, bis sie hinter Säulen und anderen Touristen verschwunden war.
»Ob das so schlau war, Peter?«
»Sie glauben gar nicht, wie sehr mir diese Person auf die Nerven geht!«
Patrick grinste. »Eine Frau ganz ohne missionarischen Eifer... Es ist nicht lange her, da waren Sie noch der Meinung, dass sie uns alles erzählen würde, was wir wissen wollen.«
»Ich weiß, dass sie uns etwas verheimlicht. Aber lieber ginge ich vierzig Jahre in die Wüste, als es aus ihr herauszuquetschen. Soll sie sich doch ihre heiligen Säulen sonst wohin stecken.«
»Peter, ich bin entsetzt!« Patrick lachte. »So kenne ich Sie gar nicht. Ich vermute, wir sollten jetzt erst mal etwas trinken gehen!«
»Entschuldigen Sie meinen Ausfall vorhin«, sagte Peter, nachdem er seinen Tee abgesetzt hatte. »Ich hoffe, dass ich unsere Nachforschungen auf diesem Gebiet jetzt nicht nachhaltig unterbrochen habe.«
»Sagen wir es mal so: Eine Brücke haben Sie meisterlich abgerissen, die Trompeten von Jericho hätten es nicht besser gekonnt.«
Peter musste grinsen. »Die haben außerdem keine Brücken, sondern Stadtmauern zum Einsturz gebracht.«
»Ist doch egal. Worauf es ankommt, ist, dass wir noch etwa zweitausend andere Inschriften haben.«
»Ja, darauf baue ich auch. Und darauf, was Stefanie über die Inschrift vor dem Durchgang herausbekommt.«
»Und dann wären da noch Samuel zu Weimar und seine Mission des Lichts. Wollen wir die Gelegenheit nutzen, jetzt wo wir schon hier oben sind, oder haben Sie für heute genug?«
»Daran habe ich auch schon gedacht. In der Tat ist mein Bedarf an pseudo-historischem, esoterischem Geschwafel einigermaßen gedeckt. Andererseits möchte ich auch nicht jeden zweiten Tag nach Paris fliegen...«
»Dann sind wir uns also einig?«
»Na gut, meinetwegen. Auf zu Samuel. Aber lassen Sie mich zumindest den Tee austrinken.«
Sie waren nicht darauf gefasst, an der genannten Adresse ein modernes Bürogebäude mit verspiegelten Fenstern und Designersesseln im Foyer zu finden. Etwas unbehaglich erkundigte sich Peter nach dem Mann, den sie zu treffen hofften, und erwartete fast schon ein lächelndes Abwinken. Doch der Rezeptionist fragte lediglich, wen er melden solle, führte ein kurzes Telefongespräch und erläuterte dann den Weg, während er den Summer für das Drehkreuz betätigte.
Sie erreichten schließlich die Geschäftsräume von Helix BioTech International im vierten Stock. Sie wollten sich gerade bei der Empfangsdame melden, als ein Herr in Anzug und Krawatte zielstrebig auf sie zukam. Er sah wie ein souveräner Geschäftsmann aus, tadellos und smart. Sein Lächeln mochte nicht echt sein, aber es wirkte professionell. Hat einen teuren Zahnarzt und hält sich gerne in der Sonne auf, dachte Peter. Außerdem nicht verheiratet oder möchte nicht, dass man es sieht.