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Mit einem Mal flackerten die Flammen der behelfsmäßigen Fackel und erloschen. Der Schäfer stand in völliger Dunkelheit. Ärgerlich kramte er nach seinem Feuerzeug, als er einen bläulichen Schein wahrnahm. Zunächst wunderte er sich, woher denn jetzt schon Mondlicht kommen könne, da es doch gerade erst zu dämmern begonnen hatte und der Himmel zudem noch wolkenverhangen sein müsste. Doch dann wurde ihm bewusst, dass der Schein nicht vom Höhleneingang, sondern aus dem Inneren kam. Und während sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, machte er mehr Einzelheiten aus. Der Gang weitete sich und führte um eine Ecke, hinter der der Schein am stärksten war.

Die Neugier siegte über seine Bedenken, und der Schäfer wagte sich tiefer in die Höhle hinein, wie magisch angezogen vom schimmernden blauen Licht.

Die Festlichkeiten im Palais de Molière erreichten ihren Höhepunkt, als das Büfett eröffnet wurde. Die anwesenden Gäste vergaßen für wenige Augenblicke ihre gute Erziehung und häuften sich mit spitzen Fingern ihre Teller voll. Obwohl sie sich bemühten, sich dem Anlass und ihrer eigenen eleganten Kleidung gemäß zu verhalten, gelang es nur den wenigsten, sich halbwegs würdevoll aus der Affäre zu ziehen. Die einen bekleckerten sich mit Sauce, anderen fiel eine Gabel oder ein Messer zu Boden, wieder andere gaben ihre Teller zurück, als hätte darauf ein unappetitliches Gemetzel stattgefunden. Nicht so die drei Gestalten am Fenster. Reglos standen sie da und blickten hinaus in die Gärten, mit einem eigenartigen Leuchten in den Augen. Die Spekulationen der Gäste über die sonderbaren Fremden waren nun jedoch ihrem Interesse an Krabbensalat und Kaviarhäppchen gewichen.

Niemand außer seinen Begleitern hörte deshalb auch, wie der Graf mit ungewohnt erregter Stimme sagte: »Es ist so weit.«

Ein gellender Schrei hallte durch die Höhle. Augenblicke später hetzte der Schäfer ins Freie. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Hände umklammerten seinen Kopf, rasend raufte er sich die Haare, zerkratzte sich die Kopfhaut mit den Fingernägeln, so dass ihm Blut die Schläfe hinablief. Und dann stürzte er den steilen Geröllhang hinab, versuchte, sich an den Steinen und Felsen festzuhalten, erwischte hin und wieder mal einen Felsbrocken, der seinen Sturz für kurze Zeit bremste, sich dann jedoch löste und mit dem Schäfer weiter in die Tiefe polterte, bis er in einer Lawine aus Matsch, Steinen und Blut schließlich flacheres Gelände erreichte. Seine Kleidung war zerschunden, er blutete aus zahlreichen Wunden, ein Arm war gebrochen, Rippensplitter bohrten sich in seine Lunge, aus einer Platzwunde am Kopf strömte Blut über sein Gesicht. Doch er blieb keinen Augenblick liegen. Heulend und schreiend richtete er sich auf, wankte einen Moment und stolperte dann in manischer Umnachtung in den Wald.

Kapitel 2

21. April, Museum für Völkerkunde, Hamburg

Peter Lavell saß in seinem Arbeitszimmer und korrigierte die Aufstellung der Exponate, die für die kommende Sonderausstellung »5000 Jahre Schrift« ausgewählt worden waren. Der Professor ergänzte gerade eine Vitrinenszene um einige ägyptische Tafeln, die er mit Sicherheit im Fundus wusste und die die Besonderheiten der Hieroglyphen deutlich machten, wenn sie aus Gründen der Optik und der Symmetrie zum Teil seitenverkehrt oder in ungewöhnlicher Reihenfolge angebracht wurden. Die Katalognummern kannte er natürlich nicht, aber er kritzelte einen Vermerk und eine kleine, ziemlich präzise Skizze auf das Blatt, als es an der Tür klopfte.

Carsten Thommas trat ein, ein Mann Anfang dreißig, der erst seit zwei Jahren in Hamburg war, aber die Aufsätze und Vorlesungen Professor Lavells seit seiner Studienzeit verfolgte. Nach dem Studium in Marburg und einigen Jahren Feldforschung in Äthiopien und der Türkei war er an die Universität Hamburg gekommen, um dem Professor möglichst nahe zu sein. Aus demselben Grund hatte er sich auch um eine Stelle im wissenschaftlichen Beirat des Museums beworben. Er bewunderte Professor Lavell um sein Gesamtwissen, den Überblick, seinen Sinn für Zusammenhänge, die die Spezialisten der einzelnen Fachrichtungen selten aufzeigen konnten, und hatte sich mit dessen etwas zurückhaltender aber bisweilen zynischer Art abgefunden, die auch in den Vorlesungen und noch viel häufiger in Diskussionen – öffentlich wie privat – hervorkam. Ein Wesenszug, der Lavell nicht überall beliebt machte und der die Kritik der wissenschaftlichen Kollegen an seinen oftmals gewagten Thesen geradezu herausforderte. Aber der aufstrebende Historiker und Anthropologe hatte schon oft erlebt, dass der gebürtige Engländer Lavell, den auch die schärfste Kritik nicht aus der Ruhe zu bringen vermochte, am Ende Recht behalten sollte. Wenn auch einige Vermutungen zunächst kühn oder bestenfalls unwahrscheinlich schienen, waren die Zusammenhänge zum Teil, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, doch so offenbar, dass ihre Anfeindung allein aus dem Rechtfertigungsdrang derer resultierte, die dieselben Schlüsse nicht schon früher gezogen hatten.

Professor Lavell war ein hoch gewachsener Mann Ende fünfzig, stets tadellos gekleidet, rasiert und manikürt. Seine Bewegungen wirkten bedächtig, doch wer ihn genauer betrachtete, stellte fest, dass seine Gesichtszüge von einem scharfen Verstand zeugten. Seine Augen schienen ständig zu beobachten, fast glaubte man, das leise Surren einer Fotolinse zu hören, die sich immer wieder auf neue Entfernungen und Lichtverhältnisse einstellte. In seinen Augenwinkeln bildeten sich dann feine Fältchen, und eine gehobene Augenbraue oder ein leichtes Schmunzeln zeigten, dass Lavells Geist wach und an der Arbeit war.

»Guten Morgen, Carsten. Wie war London?«

Carsten trat mit einem Stapel Papier, einigen Akten und ungeöffneten Briefen näher und setzte sich auf den alten, mit orangefarbenem Stoff bezogenen Holzstuhl. Er stand immer bereit für Gäste und war nie mit Papieren oder Ordnern bedeckt wie in anderen Büros des Museums. Aber Peter Lavells Büro setzte ohnehin Maßstäbe an Ordnung. Lediglich der alte Besucherstuhl des Professors wirkte deplatziert und hatte wundersamerweise noch immer nicht seinen Weg zum Sperrmüll gefunden. Doch selbst wenn er manchmal bedrohlich knarrte, schien er noch recht stabil zu sein, und irgendwie passte er mit seinem Retro-Charme zu seinem Eigentümer, dem technische Neuerungen vor allem suspekt waren.

»Morgen, Peter. London war ganz in Ordnung. Wichtige Leute, Schnittchen, das Übliche. Die Vorlesung von Dr. Arnherst war sehr interessant. Ich habe die Unterlagen mitgebracht.«

»Arnherst, das war doch die Geologin aus Mexiko.« Peter lehnte sich zurück und setzte seine goldrandige Lesebrille ab. »Ich bin wirklich gespannt, wie sie den lieben Kollegen das tatsächliche Alter der Fundamente im Tlacolula-Tal beigebracht hat.« Er lächelte beim Gedanken daran, dass gewisse Herren mit ihren viel zu hastig veröffentlichten National-Geographic-Artikeln ziemlich dumm dagestanden haben mussten.