»So viel steht allerdings noch in jedem Lexikon«, sagte Peter.
»Richtig. Was dort nicht steht, ist, dass diese ›mystischen Anwandlungen oder ›Einflüsse‹ heute gleichsam nur noch das schwache Glühen eines verlöschenden Funkens sind, verglichen mit dem okkulten Feuersturm, der ehemals die Figur Martin Luthers wie das Leuchtfeuer Alexandrias strahlen ließ.
Er war nicht nur beeinflusst, und er hatte auch keine Anwandlungen. Die Mystik erfüllte ihn und sein Leben bis ins Mark.«
»Ich darf behaupten, dass ich gespannt bin, wie Sie das jetzt belegen wollen«, sagte Peter.
»Überlegen Sie selbst. Das fünfzehnte Jahrhundert war intellektuell besonders interessant und anregend. Wissenschaft und Forscherdrang erreichten einen Höhepunkt. Die Mauren wurden endgültig aus Spanien und Portugal vertrieben, das byzantinische Reich kam zu einem Ende, nachdem Konstantinopel gefallen war. Die fremdländischen Gelehrten wurden durch Gruppen wie die Medici gefördert, das Wissen, das sie zugänglich machten, geradezu aufgesogen. In Italien entwickelte sich eine neue künstlerische Kultur, die Renaissance. Die Perspektive in der Malerei wurde erstmals mathematisch beschrieben, und Gutenberg erfand den Buchdruck. Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich fand ein Ende, eine Ruhepause der Besinnung, Neuorientierung und der Entdeckungen trat ein. Nennt man es nicht auch das Jahrhundert der Entdeckungen?« Während er sprach, ging er auf und ab und gestikulierte mit einer Inbrunst, als sei er selbst dabei gewesen. »Es war das Ende des Mittelalters und der Beginn einer neuen Zeit. Aber die Fortschritte waren nicht allesamt rein wissenschaftlich. Vieles wurde noch als teuflisch oder göttlich angesehen. Natürlich, das Schwarzpulver und die Waffen wurden verbessert, aber bedenken Sie, dass es Jeanne d'Arc war, die die Wende im Hundertjährigen Krieg herbeiführte. Durch ihre göttlichen Visionen geleitet, gefeiert und schließlich als Hexe verbrannt. In Spanien wurde gleichzeitig Tomas de Torquemada zum Großinquisitor berufen und sorgte dafür, dass die spanische Inquisition zum Inbegriff von Folter und Schrecken wurde.« Der Geschäftsmann schien kaum mehr zu bremsen zu sein. »Heinrich der Seefahrer öffnete seine Navigatorenschule in Sagres mit Regeln strengster Geheimhaltung. Wie wir heute wissen, war aber Navigator nicht nur im seemännischen Sinne zu verstehen, denn der Infante war Großmeister des Templerordens. Das Meer war Sinnbild der Unwissenheit und der menschlichen Beschränktheit, aber auch der grenzenlosen Zukunft. Die Navigatoren waren die Steuermänner im Chaos der Dunkelheit, Anführer und zugleich Pilgerer nach Wissen und Weisheit. Christobal Colón, besser bekannt als Christof Kolumbus, betrat die Neue Welt und nahm sie in Besitz im Namen der Könige von Spanien, aber auch im Namen des Templerordens, unter deren Flagge, dem roten Tatzenkreuz, seine Schiffe fuhren.«
»Der Templerorden war aber bis zum vierzehnten Jahrhundert recht nachhaltig verfolgt und vernichtet worden.«
»Ja, aber in Portugal und Spanien überlebte er unter dem Namen ›Christusorden‹.«
»Und was hat das Ganze mit Luther zu tun?«, fragte Patrick.
»Es geht darum: In dieser Zeit wurde mehr Wissen erarbeitet und zugänglich als in den Jahrhunderten zuvor. Gleichzeitig wurde Wissen auch gefährlich, wie die Inquisition und der ländliche Aberglaube und Hexenwahn zeigten. Wissen und Forschung gingen Hand in Hand mit Mystizismus, und keine Forschung wurde ohne ein höheres Ziel dieser Art betrieben. Heinrich der Seefahrer wollte seine Navigatoren die Welt erobern lassen – nicht des Geldes wegen, sondern der Erkenntnis und der Verbreitung seines Glaubens wegen. Gutenberg druckte die ersten Bücher – ebenfalls nicht des Geldes wegen; er druckte dreihundertmal in prachtvollster Manier das Wort Gottes, die Bibel. Und nun ist da Martin Luther. Er wächst Ende des Jahrhunderts auf, studiert und hat Zugang zu all diesem Wissen. Er liest heilige und unheilige Schriften und zieht seine Schlüsse. Fast wird er zum Ketzer, als er sich auf die Seite der zweihundert Jahre zuvor durch die Kirche ausgerotteten Katharer stellt. Er ist der Überzeugung, dass das Göttliche im Menschen liegt. Dass wir uns nicht durch Taten beweisen oder durch Sühne von Schulden freikaufen müssen oder können. Dass Jesus bereits für unsere Sünden gestorben ist, und dass der Glaube in Gott und dessen Gnade den höchsten Stellenwert hat.« Er nahm die Bibel vom Tisch. Während er sprach, blätterte er abwesend darin und stellte sie schließlich wieder zurück. »Luther ging den Dingen auf den Grund. Er studierte die heiligen Texte nicht nur, er analysierte sie auch. Und er stellte fest, dass es noch mehr gab als die Bibel. Er ging bis zum Ursprung, und hinter den Büchern des Neuen Testamentes fand er die Bücher Moses, und in ihrem hebräischen Original den Weg zu einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge.«
»Die Wahre Thora?«
»Oder die Ewige Thora, die Weisheiten Gottes, ja. Luther kannte die Methoden der Kabbala und widmete sein Leben dem Studium der Bücher Moses.«
»Die Bücher Moses gehören zum Alten Testament. Aber Luther wurde bekannt als Reformator, der Begründer der protestantischen Bewegung, und es ist doch gerade das Neue Testament, das die Grundlage der protestantischen Kirche bildet.«
»Sie haben völlig Recht«, erklärte Samuel. »Denn Luther hat es gewusst, die Dinge einzufädeln. Er hat nichts dem Zufall überlassen. Seinen unglücklichen Vorkämpfer Jan Hus hatte man noch 1415 in Konstanz verbrannt. Aber Luther wusste genau, dass er für Ketzerei weder in Deutschland noch in Rom auf den Scheiterhaufen kommen würde, wenn er sich geschickt anstellte. So konnte er die katholische Kirche herausfordern, im Wissen, dass seine scharfsinnigen Thesen beachtet werden würden. Wohl wissend auch, dass ihm in einem theologischen Disput niemand das Wasser reichen konnte. Heute würde man sagen, er ist ein PR-Genie gewesen. Er konnte sich exzellent in Szene setzen und als enfant terrible der christlichen Welt Werbung für sich und seine Sache machen.«
»Man ist aber im Allgemeinen der Ansicht, dass Luthers Herausforderung – und letztlich Spaltung – der katholischen Kirche völlig unbeabsichtigt war. Und welchen Zweck hätte es auch haben können? Wäre er verborgener Mystiker oder Okkultist gewesen, wäre doch die öffentliche Aufmerksamkeit wohl mehr als hinderlich gewesen.«
»Auf den ersten Blick scheint das so zu sein. Aber Luther hatte etwas anderes vor. Mit seinem radikalen Gedankengut trat er etwas los, das im Folgenden genährt werden musste. Seine Kritik an der katholischen Kirche kam ja auch nicht von ungefähr, und sie traf den Nerv der Zeit. Dies diente ihm als Nährboden für seinen letzten großen Coup: Er übersetzte die Bibel in die Sprache des Volkes. Genial. Schach!«
»Wenn ich ehrlich bin«, sagte Patrick, »kann ich Ihnen noch nicht so ganz folgen... Schach?«
»Wenn Sie beim Schachspiel in Schach geraten, dann konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren König. Sie haben gar keine andere Möglichkeit, als ihn in Sicherheit zu bringen oder den Störenfried auszuschalten. Luther tat das Gleiche. Er hatte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in einem ausgeklügelten Ränkespiel völlig auf sich konzentriert. Indem er die Bibel übersetzte, tat er einen scheinbar konsequenten Schritt in diesem Spiel, und die Lutherbibel wurde zum zentralen Fokus des ›Reformators‹ Luther. Aber in Wirklichkeit erreichte die Lutherbibel einen ganz anderen Zweck.« Samuel holte ein übergroßes, in metallene Deckel geschlagenes Buch hervor. Als er es vor ihnen öffnete, stellte sich heraus, dass sein Inneres kostbare, hebräisch beschriftete Pergamente enthielt, die in transparente Kunststofffolien eingeschlossen waren.