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»Er erreichte, dass die Aufmerksamkeit von den Urschriften abgelenkt wurde!«

Peter und Patrick beugten sich vor, um die Papiere zu begutachten. Sie erinnerten an die Texte von Qumran oder ähnliche Dokumente aus biblischer Zeit.

»Überlegen Sie«, fuhr Samuel fort, »der Buchdruck war erfunden worden, mehr und mehr wurde publiziert, es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich Kopien des Alten Testaments auch auf Hebräisch in hunderttausendfachen Kopien verbreitet hätten. Indem es aber nun neben der lateinischen Bibel eine Bibel des Volkes gab, war klar, dass die Aufmerksamkeit auf das Hebräische immer stärker abnehmen würde. Luther hatte die Thora jahrzehntelang erforscht, und er sorgte dafür, dass seine Erkenntnisse nicht zu leicht in die falschen Hände geraten würden. Ihm ist es zu verdanken, dass die Kabbala noch lange Zeit später nur den Eingeweihten, den ernsthaften Studenten, zugänglich war und die Thora ihre heiligen Geheimnisse weiterhin hüten konnte.«

Er machte eine Pause.

»Also, wenn ich Sie richtig verstehe«, sagte Patrick, »sind Sie der Meinung, Martin Luther war der Kabballist schlechthin.«

»Ja, absolut.«

»Und die ›Mission des Lichts‹ nutzt die Kabbala ebenfalls, um ihm nachzueifern?«

»Wir nutzen die Kabbala, ja. So wie auch die Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹ und viele andere Gemeinschaften. Aber nicht alle sind auf Luthers Spuren.«

»Scheinbar ja Renée Colladon auch nicht, oder? Wie kann das sein?«

»Ihre Loge ist nicht sehr alt, was auch immer man Ihnen erzählt haben mag. Es war ehemals eine ganz einfache Freimaurerloge, wie es unzählige von ihnen gibt. Ihr Gründer bediente sich bei der Gründung und Namensgebung allerlei mystischer Anlehnungen. Diese scheint Renée nun zu erforschen; mit nicht viel Erfolg, wie man sieht.«

»Was mich interessiert«, sagte Peter nun, »ist Folgendes: Nehmen wir an, alles, was Sie sagen, entspräche den Tatsachen. Dann haben Sie uns nun die wahre, geheime Geschichte Martin Luthers eröffnet, wie sie kaum einer kennt. Was sollte uns – oder auch Sie selbst – davon abhalten, dies der Welt mitzuteilen? Wie können Sie ein so umwälzendes Geheimnis einfach ausplaudern, das die Fundamente der Kirche untergräbt?«

»Ich ahne, was jetzt kommt«, sagte Patrick und fuhr in gespielt dramatischem Tonfall fort: »Wir werden dieses Gebäude nie wieder lebend verlassen!«

»Die sichersten Geheimnisse verbergen sich zwischen zwei Wahrheiten. So auch bei Luther. Sein Leben und sein Werk sind so bekannt und durchleuchtet, dass es unmöglich scheint, etwas darin zu verbergen. Und in der Tat ist alles, was über ihn bekannt ist, wahr. Nur, dass es nicht alles ist. Nein, ich werde Sie weder erschießen noch zur Geheimhaltung nötigen. Was Sie heute gehört haben, können Sie keinesfalls veröffentlichen. Niemand würde Ihnen glauben.«

»Und wieso sollten wir Ihnen glauben?«

»Es wird Sie vielleicht verwundern, aber es ist mir zunächst gleichgültig. Es war mir aber wichtig, die Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹ zu entmystifizieren. Wenn man es genau betrachtet, haben so viele Rätsel einen ganz profanen Ursprung. In diesem Fall war es das Wappen Martin Luthers. Dass Luther selbst darüber hinaus ein Geheimnis ist, steht auf einem ganz anderen Blatt, ebenso wie Ihre Forschungen.«

»Was wissen Sie über unsere Forschungen?«

»Sie arbeiten für ein militärisches Projekt mit höchster Geheimhaltungsstufe, dem Stil nach könnte es von den Amerikanern sein. Richtig?«

»Leider nein.«

»Nun, wie Sie meinen. Ich vermute jedenfalls, dass Sie etwas gefunden haben, das in Verbindung mit dem Wappen Martin Luthers steht. Und nun können Sie sich denken, dass mein Treffen mit Ihnen natürlich nicht völlig uneigennützig war. Noch einen Drink?«

Sie lehnten ab.

»Ich meine es aufrichtig mit Ihnen. Ich habe Ihnen eine ganze Menge erzählt und Sie hinter die Kulissen blicken lassen. Ich werde ehrlich sein und Ihnen noch mehr erzählen: Natürlich waren weder die Ideen des Gründers der Loge völlig aus der Luft gegriffen, noch ist die ›Mission des Lichts‹ ein Wohltätigkeitsverein. Es ist bekannt, dass Luther seinerzeit einige sehr bedeutende Entdeckungen in der Thora machte und zu Erkenntnissen gelangte – theologischer, geschichtlicher und wissenschaftlicher Art –, die bis heute nicht gefunden oder nachvollzogen werden konnten. Es gibt einige sehr deutliche Hinweise, dass Luther während seines Asyls auf der Wartburg weit mehr tat, als nur das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Seine gesammelten Unterlagen, Notizbücher und Werke ließ er damals aus der Burg schaffen und an einem sicheren Ort verbergen. Diese Lutherarchive sind es, die wir eines Tages zu finden hoffen, denn niemand ist den Weg der Thora so weit gegangen wie er. Und ich vermute, dass Sie entsprechende Hinweise entdeckt haben.«

Ein kurzes Schweigen trat ein.

»Lutherarchive?«, fragte Peter. Es klang mehr als skeptisch. Ein amüsiertes Grinsen zog sich über sein Gesicht.

»Wir könnten uns gegenseitig helfen. Sie zeigen mir, was Sie gefunden haben, und ich helfe Ihnen, die Spuren und Hinweise zu verstehen.«

»Bedaure«, sagte Peter, »aber es dürfte Ihnen klar sein, dass wir Sie nicht an der Forschung beteiligen können.«

»Wo es doch ein militärisches Geheimprojekt ist«, fügte Patrick hinzu.

»Sie verstehen mich falsch. Ich bitte Sie nicht, ich mache Ihnen ein Angebot. Sie werden schnell merken, dass Sie bei Ihrer Recherche auf zu viele unverständliche Zeichen und Hinweise stoßen, die Sie ohne meine Mithilfe niemals entschlüsseln und einordnen können. Viele Anhaltspunkte werden Sie gar nicht als solche erkennen.« Er stand auf. »Aber ich habe es nicht eilig. Vielleicht möchten Sie die Sache einfach eine Weile überdenken.«

Peter und Patrick erhoben sich ebenfalls. Sie hatten genug gehört, um sich eine Meinung bilden zu können.

»Ich danke Ihnen für Ihren Besuch«, sagte Samuel, als er ihnen die Hand gab. Dann überreichte er ihnen eine Visitenkarte. »Am besten, Sie schreiben mir eine E-Mail, wenn Sie mich erreichen möchten. Ich freue mich und bin mir sicher, dass ich schon in der nächsten Zeit wieder von Ihnen hören werde.«

Kapitel 11

8. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois

Sie saßen noch am gemeinsamen Frühstückstisch im Salon Vert und warteten auf Fernand Levasseur, der sich für heute um neun Uhr angemeldet hatte. Da sie nicht vorhatten, ihm ihre zum Büroraum umgebaute Suite zu zeigen, wollten sie ihn hier abfangen.

»Worüber denken Sie nach, Peter?«, fragte Stefanie. »Sie sind so schweigsam heute Morgen.«

»Wir kommen mit unseren Nachforschungen nicht vom Fleck. Und nun werden wir auch noch von diesen Geschichten aufgehalten.«

»Geschichten?«

»Die Tollwut. Keiner von uns ist qualifiziert, und jetzt treffen wir jemanden, der sich wahrscheinlich besser auskennt, und versuchen uns herauszureden. Ich befürchte, es ist ein Spiel, das wir nur verlieren können.«

»Seien Sie nicht so pessimistisch, Peter.« Patrick zündete sich eine Zigarette an. »Heute sind wir drei gegen einen. Haben Sie sich das Material, das man uns vorbereitet hatte, noch mal angesehen?«

»Ehrlich gesagt, nein.«

Patrick deutete auf eine Mappe. »Dann lassen Sie am besten mich und Stefanie reden. Wir haben genug, um ihn eine Weile zu beschäftigen. Wie auch immer der Bürgermeister ihn genannt hat: Letztendlich ist er bloß ein Förster.«

»Ich hoffe, Sie unterschätzen ihn nicht. Da ist er schon.« Peter wies mit dem Kopf zum Eingang des Salons. Patrick stand auf und begrüßte den breitschultrigen Mann mit Handschlag.

»Guten Morgen, Monsieur Levasseur. Professor Lavell kennen Sie bereits, darf ich Ihnen Stefanie Krüger vorstellen? Sie ist Biologin und uns zur Unterstützung aus London geschickt worden.«