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»Die einzelnen Zeichen«, fragte Patrick, »konnten Sie sie schon deuten? Sie sehen irgendwie mystisch aus, mittelalterlich.«

»Es sind alchimistische Symbole, nicht wahr?«, sagte Peter.

Stefanie sah ihn einen Augenblick erstaunt an. »Ja, Sie haben vollkommen Recht.« Dann deutete sie auf ein paar Ausdrucke lateinischer Texte, die ähnliche Zeichen enthielten. »Das ist ein besonders interessanter Aspekt. Alle diese Zeichen wurden in verschiedenen alchimistischen Werken verwendet. Allerdings erst ab dem sechzehnten Jahrhundert!«

»Die Malereien im vorderen Teil der Höhle waren etwa aus dem dreizehnten Jahrhundert«, sagte Patrick. »Entweder ist der Fußboden vor dem Durchgang also gar nicht so alt wie der Rest der Höhle, sondern wurde erst dreihundert Jahre später bearbeitet, oder die Alchimisten haben in ihren Werken auf ein viel älteres Wissen zurückgegriffen. Sie haben möglicherweise Symbole benutzt, die sie gar nicht selber erfunden, sondern die sie irgendwo aufgeschnappt hatten – vielleicht sogar in dieser Höhle...«

»Ja, es könnte gut sein, dass die Zeichen überhaupt nichts mit denen der Alchimisten zu tun haben, sondern rein zufällig dieselben sind.«

»Es mag ja nur ein schwacher Anhaltspunkt sein«, sagte Peter, »aber was bedeuten sie denn bei den Alchimisten? Haben Sie Erklärungen für die Zeichen gefunden?«

Stefanie nickte. »Das hier ist das Symbol für Schwefel, dies hier das für Blei.«

»Wenn es alles chemische Elemente sind«, überlegte Patrick, »dann sind vielleicht ihre Ordnungszahlen im Periodensystem der Elemente ein mathematischer Code. Oder vielleicht ihre chemische Formel.«

»Na, das klingt aber ein wenig nach Science-Fiction«, sagte Peter, »finden Sie nicht?«

»So abwegig finde ich die Idee nicht«, sagte Stefanie, »wir haben ja überhaupt keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben. Die Leute, die die Höhle im vorderen Teil beschriftet haben, verfügten auch über unmöglich scheinendes Wissen. Und wer weiß, welches Phänomen – oder welche Technologie – hinter dem merkwürdigen Durchgang steckt? Aber Ihre Idee wird leider trotzdem nicht funktionieren. Chemische Elemente sind die Ausnahme, wenn wir davon ausgehen, dass die Zeichen tatsächlich dieselben Dinge bezeichnen, die die Alchimisten damit beschrieben. Dieses Zeichen hier steht für Essig, das hier für Lauge. Beides scheint mir äußerst wenig wissenschaftlich, zumindest gibt es keine Formel oder Ordnungszahl dafür. Dafür ist hier ein Zeichen, das verwendet wurde, um den Vorgang der Sublimation zu beschreiben. Das ist, wenn ein Stoff aus dem festen...«

»...direkt in den gasförmigen Zustand wechselt, danke schön«, beendete Patrick den Satz.

»Also, ich wusste das nicht«, gestand Peter und versuchte damit, Patricks bissige Bemerkung zu entschärfen.

»Vielleicht ist es ja auch alles nur ein Muster, eine Dekoration«, überlegte Stefanie.

»Nein, das denke ich nicht«, sagte Peter. »Wer würde eine derart aufwendige Dekoration in den Fußboden einer Höhle meißeln, wo sie keiner sieht? Außerdem ist es dafür nicht regelmäßig genug. Ägyptische Hieroglyphen sind wesentlich sorgfältiger angeordnet – die wirken tatsächlich wie Schmuck. Und doch sind es Texte. Nein, ich glaube auch, dass diese Zeichen eine Bedeutung haben. Aber ein Code...?«

»Sie sind in vier einzelnen Gruppen angeordnet«, sagte Patrick. »Vielleicht gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Gruppen oder Abweichungen?«

Peter deutete auf das Papier. »Mir fällt irgendwie immer dieses eine Zeichen auf, das aussieht wie eine Mischung aus einer Zwei und einer Vier, und dann das hier, das aussieht wie ein Z.«

»Das eine kennzeichnet Stahl, das andere Kalk«, erklärte Stefanie.

»Bei den Alchimisten«, fügte Patrick hinzu. »Wir wissen nicht, was sie hier bedeuten.«

»Natürlich.«

»Was sind das für Zahlenreihen, die Sie da drüben ausgedruckt haben?«, fragte Peter.

»Ach das.« Stefanie zog die Papiere herbei. »Ich habe versucht, jedem Symbol einen Zahlenwert zu geben, um ein paar Numbercruncher drüberlaufen zu lassen.«

»Wer hätte das gedacht!«, sagte Patrick ehrlich erstaunt. »Womit sind Sie denn rangegangen?«

»Ich habe CryptWarrior und Word of Chaos benutzt.«

»Ich kann die US-Version von Word of Chaos mit dem 128-Bit-Schlüssel besorgen. Vielleicht kommen wir damit schneller voran?«

»Moment, Moment«, unterbrach Peter. »Reden Sie von Dechiffrierungssoftware?«

»Ja«, erklärte Patrick, »Word of Chaos ist ein sehr mächtiges Tool. Der 128-Bit-Schlüssel ist schwer zu bekommen, er fällt nämlich unter ein US-Exportverbot für militärische Güter. Das Programm macht sich fraktale Algorithmen zu Nutze. Man braucht aber auch eine ordentliche Rechnerleistung dafür. Oder sehr viel Zeit.«

»Na gut, das reicht schon«, sagte Peter und verdrehte die Augen. »Entschuldigen Sie, dass ich gefragt habe.«

»Patrick hat aber Recht«, sagte Stefanie. »Worum es geht, ist Folgendes: Um in unserem Fall voranzukommen, müssen wir erst mal nach Mustern, Regeln oder anderen Anhaltspunkten suchen. Diese Software, von der wir sprechen, ist dafür geeignet, solche Muster aufzuspüren.«

»Von was für Mustern sprechen Sie?«

»Sie meint keine grafischen Muster«, erklärte Patrick, »sondern Auffälligkeiten, Wiederkehrendes, na ja, Muster eben. Dinge, die man berechnen kann. Wenn man zum Beispiel allen Zeichen eine Zahl von eins bis zwölf zuordnete, und man fände heraus, dass die Symbole hier auf dem Boden so angeordnet sind, dass stets die Summe der Quersummen von zwei Symbolen der Quersumme des dritten Symbols entspricht, dann wäre das ein Muster.«

Peter sah ihn verständnislos an.

»Auch Sprachen haben Muster«, ergänzte Stefanie nun. »Zum Beispiel kann man anhand der Wortlängen und der Verteilung der Vokale in einem Text jede Sprache einem bestimmten Sprachstamm zuordnen, auch wenn man die Sprache selbst zunächst nicht verstehen kann. Andersherum kann man auf diese Weise im Übrigen auch einzelne Symbole einer unbekannten Sprache als Vokale identifizieren.«

»Hm... und haben Sie denn schon irgendetwas entdeckt?«

»Leider nein.«

»Vielleicht ist es auch ein völlig falsches Vorgehen«, überlegte Peter. »Vielleicht sind es ja nicht die Zeichen, die den Ausschlag geben, sondern die Anzahl der Linien, mit denen sie gezeichnet sind, oder das Maß ihrer Abstände untereinander, wer weiß?«

»Wissen Sie, was mir auffällt?«, sagte Patrick plötzlich.

»Na?«

»Die offensichtliche Lücke unten rechts entspricht genau der Lücke oben rechts, nur, dass sich dort das merkwürdige Symbol mit dem Halbmond befindet. Wenn man das aber außer Acht lässt, dann haben sowohl die ersten beiden als auch die letzten beiden Reihen je sechs Zeichen. Wie viele Zeichen waren es noch gleich insgesamt? Sechsunddreißig?«

»Ohne den Halbmond, ja. Richtig.«

»Dann kann man alle Zeichen in einem ordentlichen Quadrat mit sechs Reihen mit je sechs Zeichen aufmalen!«

»Na und?«, sagte Peter.

Patrick nahm einen Stift und skizzierte hastig etwas. »Wenn wir ein Quadrat haben, können wir noch eine Menge zusätzlicher Berechnungen anstellen. Quersummen über Reihen und Spalten beispielsweise.« Er verglich seine Zeichnung mit den Zahlen auf Stefanies Ausdruck und erklärte dabei weiter. Er war in seinem Element. »Da wir keinen Anhaltspunkt haben, müssen wir dem Problem heuristisch auf den Grund gehen.«

»Heuristisch«, übersetzte Stefanie, »bedeutet, dass man einen Teil des Lösungswegs testweise voraussetzt und probiert, ob man zu einem Endergebnis kommt, das zu dem Problem passt. Man zäumt das Pferd gewissermaßen von hinten auf. Einige mathematische Probleme lassen sich am besten lösen, indem man ein Endergebnis voraussetzt und von dort an rückwärts rechnet und versucht, so die Aufgabenstellung zu rekonstruieren.«

»Das wiederum war mir bekannt«, sagte Peter.