»Heuristisch vorzugehen«, fuhr Patrick fort, »bedeutet für uns beispielsweise, dass wir jetzt einfach mal voraussetzen, dass es sich hier um einen numerischen Code handelt, den wir mathematisch auflösen müssen. Das stimmt ja vielleicht gar nicht, aber wir probieren jetzt eine Weile herum, ob wir mathematisch zu einem brauchbaren Ergebnis oder zu einem offensichtlichen Muster kommen.«
»Einverstanden, warum nicht.«
Patrick schaltete die Rechner ein, und Stefanie, die wusste, worauf er hinauswollte, startete die notwendigen Programme, während Patrick weitersprach. »Wenn sich hier ein mathematischer Code verbirgt, haben wir genau genommen zwei Probleme zugleich. Wir wissen nicht, welche Formel wir verwenden müssen, aber dabei kann uns der Rechner helfen. Und zusätzlich wissen wir nicht, welche Zahlen wir benutzen sollen. Ist das Symbol für Stahl zum Beispiel eine Drei? Oder eine Siebenundzwanzig?«
»Vielleicht eine Vierundzwanzig«, warf Peter ein, »sieht ja ein bisschen so aus.«
»Ja, warum nicht? Oder eine Zweihunderteinundvierzig? Vielleicht steht das Symbol auch für eine irrationale Zahl, Pi zum Beispiel oder Wurzel aus Zwei«, sagte Patrick. »Fakt ist: Wir wissen es einfach nicht. So kann natürlich auch der stärkste Rechner ewig herumrechnen. Aber mit ein bisschen Glück bekommen wir es ja heraus. Meine nächste heuristische Annahme ist, dass die Zeichen absichtlich in einem Quadrat angeordnet werden sollen; dass das einen Hinweis auf ihre Werte liefert.«
Patrick schien sich mit der Software gut auszukennen, denn nun tippte er verschiedene Befehle in den Rechner, und kurz darauf erschien ein sechs mal sechs Felder umfassendes Quadrat. In den einzelnen Kästchen änderten sich nun rasend schnell immer größer werdende Zahlen, bis die Anzeige nach einer Weile plötzlich einfror. Rote Linien blitzten auf und verbanden jeweils die waagerechten und senkrechten Felder miteinander. Zum Abschluss legten sich zwei diagonale Linien quer über das gesamte Bild.
»Volltreffer!«, rief Patrick aus. »Es ist sogar ein magisches Quadrat!«
»Das Programm hat errechnet«, erklärte Stefanie dem etwas unsicher zuschauenden Peter, »welche Zahlen die zwölf verschiedenen Zeichen symbolisieren könnten. Wenn man es so macht, wie der Rechner hier vorschlägt«, sie deutete auf den Bildschirm, »dann erkennt man, dass die Summe der Felder in jeder Reihe exakt dieselbe ist, egal, ob man eine waagerechte Reihe, eine senkrechte oder eine diagonale nimmt. Es kommt immer dieselbe Summe heraus. So eine Anordnung nennt man magisches Quadrat.«
»Ein magisches Quadrat«, sagte Peter, »ein passender Name. Und mir kommt es auch reichlich weit hergezaubert vor, was Sie beide da vorführen. Wir finden hier eine bunte Mischung merkwürdiger Symbole, und in null Komma nichts ordnen wir sie zu einem Quadrat und rechnen aus, dass unsere Anordnung ein magisches Quadrat ergibt, wenn man das Zeichen für... was war das noch gleich? Stahl? Wenn man das Zeichen für Stahl mit der Zahl 1,876121 gleichsetzt, ein anderes mit 25400,1777 und so weiter.«
»Wieso kommt Ihnen das so unwahrscheinlich vor?«, fragte Stefanie. »Meinen Sie, das Ganze ist ein Zufall?«
»Ich habe keine Ahnung, ich kann es nicht beurteilen. Wie viele mögliche Kombinationen gibt es denn? Was, wenn wir die Zeichen anders angeordnet hätten? Oder wenn der Computer noch eine Weile länger gerechnet hätte?«
»Magische Quadrate sind extrem selten«, erklärte Patrick. »Stellen Sie sich ein Quadrat mit nur neun statt sechsunddreißig Zahlen vor. Also drei Reihen mit drei Zahlen. Nun ordnen Sie darin die Zahlen von eins bis neun so an, dass sich ein magisches Quadrat ergibt. Hier ist die Lösung«, er kritzelte etwas auf ein Blatt und reichte es Peter.
»Alle Summen ergeben fünfzehn. Ist eine tolle Knobelaufgabe. Ich habe mir das auswendig gemerkt, um meine Nerven zu schonen. Aber nun probieren Sie dasselbe einmal mit unserem Raster von sechs mal sechs und der Einschränkung, dass Sie zwölf verschiedene Zahlen verwenden dürfen, jede exakt dreimal. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele verschiedene Lösungen es für dieses mathematische Problem gibt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es verdammt wenige sind. Wenn das hier ein Zufall ist, dann können Sie mich nächstes Jahr auf den Knien nach Santiago de Compostela rutschen sehen.«
Peter musste bei diesem Gedanken schmunzeln. »Also gut. Lassen Sie uns dem heiligen Jakob das nicht antun. Nehmen wir an, die alchimistischen Zeichen stehen also für diese Zahlen. Was nun?«
Patrick machte sich wieder am Rechner zu schaffen. »Wenn wir alle Zahlen hintereinander hängen, haben wir jetzt quasi den mathematischen Code in seiner Rohform. Word of Chaos wird diese Zahlen durch seine Algorithmen jagen und regelrecht weich kauen. Das Programm protokolliert dabei sein Vorgehen und gibt Warnhinweise aus, wenn es auffällige Muster entdeckt.«
»Und was für Muster erwarten Sie? Irgendwelche Quersummen?«, fragte Peter.
»Ich habe keine Vorstellung davon, Peter. Aber deswegen mache ich es auch nicht selber.« Patrick grinste. »Wir lassen die Maschine jetzt ein wenig qualmen, und heute Abend sehen wir nach, was sie ausgebrütet hat. Allerdings...«, er stockte.
»Was ist?«
»Wir benötigen noch eine Zahl. Irgendetwas, einen Schlüssel, eine Prüfsumme oder so.«
»Wieso? Wie kommen Sie denn darauf? Sie müssen mich entschuldigen, aber seit etwa zwanzig Minuten zweifle ich an meiner naturwissenschaftlichen Schulbildung.«
»Na ja, diese Software bietet immerhin die Option, einen Schlüssel anzugeben. Und es gehört ja eigentlich auch zum Prinzip des Chiffrierens, dass der Empfänger der Nachricht einen Schlüssel hat. Etwas, mit dem er die Lösung augenblicklich rekonstruieren kann, ohne herumprobieren zu müssen. Meistens wird eine Information darüber, welcher Schlüssel nötig ist, zusammen mit der chiffrierten Nachricht übermittelt. Diese spezielle Software nutzt außerdem fraktale Berechnungsformeln. Auch diese speist man häufig mit einem Initialwert, wie mit einem Samen, einer Spore. Und zu guter Letzt«, er deutete auf die Zeichnung der Symbole, »ist da dieses Zeichen oben rechts, das mir keine Ruhe lässt. Mein Instinkt sagt mir, dass es etwas bedeuten soll, und dass es möglicherweise der Schlüssel ist, wie auch Stefanie schon vermutet hat. Ich glaube ja nicht an viel, aber an meinen Instinkt glaube ich.«
»Sie machen mir im Augenblick eher den Eindruck, als ob Ihr Instinkt mit Ihnen durchbrennt.«
»Ich weiß auch nicht«, sagte Patrick. »Aber mir kommt es alles absolut logisch vor. Die Ideen scheinen mir so richtig, als ob sie nicht neu wären, sondern ich mich nur daran erinnern würde... wenn Sie verstehen, wie ich das meine.«
Peter hob eine Augenbraue und sah ihn eine Weile an. Dann betrachtete er das Symbol näher. »Es sieht aus wie ein Mond mit einer Kugel drin oder so. Alchimistisch ist es nicht, oder haben Sie eine Erklärung gefunden, Stefanie?«
»Nein. Nicht bei den Alchimisten.«
»Ein astronomisches Zeichen ist es auch nicht«, sagte Patrick. »Zumindest keines, das ich kenne.«
»Astronomisch?« Peter überlegte. »Doch, irgendwie schon, warten Sie mal. Es sind zwei überlagerte Zeichen. Die Sichel ist das Zeichen für den Mond, und der große Kreis mit der Kugel oder dem Punkt in der Mitte ist das Zeichen für die Sonne.«
»Sonne und Mond übereinander? Das ist doch...«
»...eine Sonnenfinsternis«, vollendete Peter den Satz, von seiner eigenen Entdeckung überrascht.
»Natürlich! Wunderbar!«, rief Patrick aus. »Das Datum einer Sonnenfinsternis als numerischer Schlüssel für den Code. Das wäre geradezu genial und absolut logisch. Dann stellt sich nur die große Frage, welche Sonnenfinsternis gemeint ist.«
»Wenn wir heuristisch davon ausgehen«, sagte Peter, »dass der Durchgang und dieser Code genauso wie der Rest der Höhle aus dem dreizehnten Jahrhundert sind, dann wäre es am logischsten, nach einer Sonnenfinsternis zu suchen, die etwa im dreizehnten Jahrhundert in dieser Gegend stattfand.«