»Guter Vorschlag«, sagte Patrick, »aber wie kriegen wir das heraus?«
»Das ist nicht so schwer«, meldete sich nun Stefanie. »Ich werde über das Internet eine Recherche beauftragen. Es gibt ein paar Menschen da draußen, die so was sehr präzise berechnen können. Ist ja gerade mal achthundert Jahre her.«
»Wie lange wird das dauern?«, fragte Peter.
»Je nachdem, wann unsere Anfrage bearbeitet wird, vielleicht einen Tag, höchstens zwei. Ich glaube, so lange können wir uns noch gedulden, oder?«
»Klar. Darauf eine Zigarette!«, meinte Patrick und begab sich zum Fenster. »Was sagen Sie nun, Peter? Vorhin waren Sie noch so kummervoll, aber nun sind wir geradezu mit Siebenmeilenstiefeln vorangekommen, oder?«
Peter lehnte sich zurück, während sich Stefanie an einem anderen Rechner zu schaffen machte und eine Internetverbindung herstellte. »Ich muss zugeben, dass mir der Fortschritt sehr gefällt – wenn ich auch nur die Hälfte davon nachvollziehen kann. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, einen vorläufigen Bericht an unsere Auftraggeberin in Genf zu verfassen?«
Patrick grinste. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Nehmen Sie sich aber nicht zu viel Zeit. Für heute Nachmittag habe ich etwas vor, was wir uns nicht entgehen lassen sollten.« Er holte einen gefalteten Zettel aus der Tasche. »Dieses Flugblatt befand sich unter den Papieren, die uns die Großmeisterin gestern in der Kathedrale gegeben hat. Es ist die Ankündigung und Einladung für ein Symposium heute Nachmittag in Cannes. Das Thema lautet: »Permutatio XVI‹. Es ist eine geschlossene Veranstaltung ausschließlich für geladene Gäste.«
»Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll«, sagte Peter.
»Dann warten Sie, bis ich den Rest vorlese:
Im Mittelpunkt unserer sechzehnten Zusammenkunft steht die Kabbala. Redner und Abgesandte aller großen Schulen der Mystik sind bereits registriert. Wie immer gilt das eherne Gesetz: Das Symposium dient dem Austausch. Der Boden der Permutatio ist heilig. Wir sind gemeinsam offen, tolerant und undogmatisch. Wir missionieren nicht. Wir fehden nicht.«
»Was wollen Sie denn da?!«, fragte Peter.
»Ich denke immer noch an die Rose«, sagte Patrick. »Egal, ob uns Renée etwas von der Arche Noah erzählt hat und ob uns der Herr von und zu Weimar mit Luther voll gequatscht hat; fest steht doch, dass scheinbar jeder etwas zu der Rose zu sagen hat. Diese ganzen Leute, die sich mit Mystik und Kabbala und solchem Kram beschäftigen, die sind doch das ideale Publikum für unsere Recherche. Im Grunde hatte Herr Weimar ja Recht: Vieles, was wir entdecken, erkennen wir vielleicht gar nicht als wichtigen Hinweis, weil wir einige Zusammenhänge gar nicht kennen, die aber im dreizehnten Jahrhundert durchaus präsent waren. Zumindest bei den Mystikern. Und dass diese Höhle etwas Mystisches hat, das werden Sie wohl auch zugeben müssen.«
»Ja, das lässt sich nicht abstreiten...«
»Dann halten Sie beide nichts von der Erklärung, die Rose sei das Wappen Luthers?«, fragte Stefanie.
»Vielleicht gibt es tatsächlich einen losen Zusammenhang«, schränkte Peter ein. »Luther wurde zwar erst viel später geboren, erst zwei- oder dreihundert Jahre, nachdem diese Höhlenwände bemalt wurden. Aber sein Wappen könnte natürlich seinen Ursprung in dieser Höhle haben. Nur wüsste ich nicht, wie uns das weiterhelfen sollte. Er hat die Höhle sicher nicht gebaut, und die ominösen Lutherarchive werden wir hier bestimmt auch nicht finden...«
»Es sei denn«, unterbrach Stefanie, »er hätte herausgefunden, wie man den Durchgang passiert!«
Peter und Patrick sahen sie erstaunt an.
Sie fuhr fort: »Sagten Sie nicht, Luther hätte angeblich wichtige Entdeckungen gemacht? Vielleicht war eine davon dieser Durchgang und wie man ihn passiert. Dann könnte es durchaus sein, dass er seine Aufzeichnungen hinter den Durchgang in Sicherheit gebracht hat.«
»Stefanie hat Recht«, sagte Patrick. »Die Lutherarchive könnten durchaus hier sein. Wenn es sie denn gibt.«
»Nun, das würde aber noch immer nicht das Geheimnis des Durchgangs erklären«, sagte Peter. »Dann hätte er ihn sich vielleicht zu Nutze gemacht. Aber da seine dubiosen Aufzeichnungen dahinter lägen, würden sie uns nicht einmal weiterhelfen. Wir sind wieder da angekommen, wo wir gestartet sind. Das Rätsel des Durchgangs müssen wir alleine lösen.«
»Dann lassen Sie uns heute nach Cannes fahren und ein paar dieser Leute nach der Rose befragen«, sagte Patrick. »Ich schlage vor, wir nehmen auch eine Zeichnung des großen Symbols in der Mitte mit.«
»Sie meinen die konzentrischen Ringe?«, fragte Stefanie. »Das sieht mir aber nun wirklich wie ein bloßer Schmuck aus. Wie ein einfaches Labyrinth-Motiv oder so.«
»Es ist wirklich sehr regelmäßig konstruiert«, überlegte Peter. »Das sind klassische Labyrinthe auch. Aber hier führt ein gerader Weg ins Zentrum und je zwei weitere Wege um das Zentrum herum. In klassischen Labyrinthen gibt es immer nur einen einzigen Weg, durch den man die vollständige Fläche durchläuft, bis man im Zentrum ankommt. Das ist etwas ganz anderes.«
»Seit wann gibt es da nur einen einzigen Weg?«, fragte Patrick. »In Labyrinthen soll man sich doch verlaufen.«
»Was Sie meinen, sind Irrgärten«, erklärte Peter. »Ein Labyrinth ist ein viel älteres Symbol. Eine Konzentrationsaufgabe, die den geistigen Weg vom Äußeren zum Inneren darstellt. Aber wenn man sich dieses Zeichen hier genau ansieht, scheint es weder ein Irrgarten noch ein Labyrinth zu sein. Es sieht eher aus wie drei umeinander gelegte Ringe oder Schalen.«
»Sieht ein bisschen aus wie eine Antenne, von der kreisförmige Wellen ausgehen, oder?«
»Ihre Fantasie möchte ich haben, Patrick«, sagte Peter. »Aber es stimmt schon; es wirkt irgendwie fast technisch. Kreise, Spiralen und Labyrinthe sind archaische Symbole, und in meinen Studien habe ich sehr viele davon gesehen und beschrieben. Dieses Zeichen hier ist aber eindeutig anders. Es kann nicht schaden, wenn wir es ein paar Leuten zeigen. Sollte es jemand erkennen, könnte uns das einen wichtigen Hinweis auf seinen Ursprung geben.«
»Dann sind Sie also einverstanden mit Cannes?«, fragte Patrick.
»Ja, lassen Sie uns zum Symposium der Mystiker fahren. Hoffen wir nur, dass sich alle an ihre ›ehernen Gesetze‹ halten und tatsächlich nicht missionieren.«
8. Mai, Büro des Bürgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois
Didier Fauvels dicke Finger zitterten unmerklich, als er sich einen Cognac einschenkte. Er zog den Beistelltisch auf den kleinen Rollen hinter sich her und ließ sich dann in seinen Schreibtischsessel sinken. Er leerte das Glas fast bis zur Neige, lehnte sich zurück und ließ die Ereignisse Revue passieren.
Der Besuch war nicht lang gewesen, aber unangekündigt und äußerst unangenehm. Er hatte noch kurz mit Fernand Levasseur gesprochen, bevor dieser die Forscher im Hotel aufsuchen wollte. Dann hatte er sich die Zeitung genommen und auf dem Weg zum Schreibtisch gesehen, wie ein dunkler Mercedes vorgefahren war...
Dem Wagen entstiegen Fahrer und Beifahrer, beide ernsthaft, breitschultrig und in teure Anzüge gekleidet. Der Beifahrer trat an den Fond und öffnete einem Mann mit sportlichem Sakko und einer modischen Brille. Dieser schritt zielstrebig auf das Haus zu, während ihm die anderen beiden folgten. Daran, wie einer der Begleiter einen unsichtbaren Gurt unter seinem Jackett zurechtschob, erkannte Didier Fauvel, dass sie bewaffnet waren.
Er hatte sich kaum hingesetzt, als auch schon seine Sekretärin das Büro betrat.
»Sie haben Besuch, Monsieur le Maire«, brachte sie gerade noch heraus, als sie von einem der beiden Bodyguards beiseite geschoben wurde, der den Fahrgast aus dem Mercedes vorbeiließ. Aus der Nähe betrachtet, wirkte er smart und gebildet. Er trat an den Schreibtisch heran, während seine Begleiter an der Tür stehen blieben.
»Guten Morgen, Monsieur Fauvel.«
»Guten Morgen, Monsieur...?« Er ließ den Satz absichtlich als Frage enden, doch der Mann ging nicht darauf ein.