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»Ich komme aus Paris.« Er reichte dem Bürgermeister eine Visitenkarte. »Sie kennen diese Karte?«

O ja, und wie er sie kannte. Er hatte gehofft, dass dies niemals geschehen würde, dass man ihn vergessen würde, ja er hatte es selbst fast vergessen. Aber nun schlug das Schicksal zu. Unerbittlich und höchstwahrscheinlich äußerst schmerzhaft.

»Ja, ich kenne sie.«

»Schön. Dann fasse ich mich kurz. Einige sehr einflussreiche Herren in Paris sind äußerst gereizter Stimmung über bestimmte Nachforschungen, die gewisse Personen in Ihrer Umgebung anstellen.«

»Wie meinen Sie das?« Einen Augenblick lang war er ehrlich verwirrt.

»Ein Franzose und ein Engländer. Sie stochern bisher im Nebel mit irgendwelchen Untersuchungen, die sie anstellen, aber sie erregen damit das falsche Maß an Aufmerksamkeit bei den falschen Leuten. Verstehen Sie, was ich Ihnen sage?«

»Ja, das heißt, irgendwie...«

»Sorgen Sie dafür, dass die beiden ihre Nachforschungen einstellen, was auch immer sie hier gerade tun.«

»Sie untersuchen einige Fälle von Tollwut...«

»Paris ist es egal, was sie untersuchen. Und wenn es die Keuschheit der Jungfrau Maria ist. Es wird von Ihnen erwartet, dass Sie dem Treiben Einhalt gebieten. Die Untersuchungen sind sofort zu beenden.«

»Beenden? Aber wie... die sind von den UN, ich habe keine Befugnis, denen etwas vorzuschreiben.«

»Sie sollen niemandem etwas vorschreiben. Sie sollen einfach dafür sorgen, dâss die beiden nicht weiterarbeiten. Ist das so schwierig zu verstehen?«

»Aber... ich kann die beiden doch nicht einfach verschwinden lassen! Oder...? Oder ist es das? Wollen Sie etwa, dass ich die beiden umbringen lasse, oder wie stellen Sie sich das vor?!«

Der Mann beugte sich gefährlich nahe zu Didier Fauvel herunter. »Lieber Monsieur Fauvel. Ihr fetter Arsch ruht auf einem Schleudersitz, wie Sie selber wissen. Und die Finger, die den Auslöser betätigen, brauchen nur einmal nervös zu zucken. Sie werden sich jetzt nachhaltig um Ihr kleines Problem kümmern, oder Sie haben bald gar keine Probleme mehr. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Ja, sehr klar.«

»Gut.«

Ohne weitere Worte hatte sich der Mann umgedreht und mit seinen Begleitern das Büro verlassen. Zurück blieb nur die Visitenkarte.

Didier schauderte es beim Gedanken an die Szene. Bei all ihrer Trägheit hatten die schwergewichtigen Mächte in Paris zu allem Überfluss auch das sprichwörtlich gute Gedächtnis von Elefanten. Er schenkte sein Glas nach und versuchte jene Ereignisse des Sommers 1968 zu verdrängen, die, aufgeschreckt durch die jähe Begegnung mit der Vergangenheit, nun beharrlich in ihm emporquollen. Die an die Oberfläche drangen, emporgewürgt, ausgespuckt und gesühnt werden wollten.

»Monsieur le Maire?«

Die Stimme seiner Sekretärin schreckte ihn aus den Gedanken.

»Was gibt es?!«, herrschte er sie an.

»Monsieur Levasseur möchte Sie kurz sprechen... Soll ich ihm sagen, dass Sie...?«

»Nein, schon gut.« Er winkte ab, froh über eine Ablenkung, wenn seine Stimmung dadurch auch nicht besser wurde. »Lassen Sie ihn herein.«

Mit dem Fuß schob er den Beistelltisch ein Stück außer Reichweite. Sein Glas konnte er gerade noch so hinter einen Stapel Akten stellen, dass es für den Besucher nicht sichtbar war, als der Förster auch schon vor ihm stand.

»Wie war Ihr Besuch bei den UN-Leuten?«

»Nicht sehr aufschlussreich, wie ich aber leider schon vermutet hatte.«

»Weshalb das? Hat man Ihnen denn nicht geholfen?« Es konnte sich als nützlich erweisen, wenn die Forscher nicht kooperativ waren. Vielleicht konnte man ihnen daraus einen Strick drehen.

»Doch, ganz im Gegenteil. Sie waren durchaus hilfsbereit und haben mir ihre bisherigen Ergebnisse gezeigt. Ich muss zugeben, dass ich anfangs misstrauisch war, es ist aber leider tatsächlich so, wie sie sagen. Sie benötigen diese ganzen Wetterdaten. Sie werden sie tatsächlich aus Carcassonne anfordern müssen.«

Der Bürgermeister verzog den Mund. Anstatt einen guten Vorwand zu bekommen, die beiden Männer loswerden zu können, sollte er sich nun sogar noch weiter um ihre Angelegenheiten kümmern.

»Trauen Sie den beiden denn zu, dass sie die Seuche damit in den Griff bekommen?«

»Es sind übrigens inzwischen drei Forscher: Sie haben Unterstützung von einer Biologin bekommen.«

»Ach... das ist ja interessant. Und man hat mich nicht davon unterrichtet?«

»Offensichtlich nicht, Monsieur le Maire, aber ich bin sicher, dass Sie sie kennen lernen werden.«

»So. Nun gut. Und glauben Sie, dass die drei das Problem lösen können?«

»Ja, unbedingt. Sie sind hervorragend ausgerüstet. Auf dem neuesten Stand der Technik.«

»Hm... gut, einverstanden. Ich werde mich um die Wetterdaten kümmern. Vielen Dank für Ihre Einschätzung.« Er wandte sich scheinbar geschäftig einem Stapel Papier zu. »Wenn Sie mich nun entschuldigen möchten...«

»Natürlich. Einen schönen Tag noch, Monsieur le Maire.« Der Förster verließ das Büro, zufrieden, dass er die notwendige Zeit herausgeschlagen hatte, die er benötigte, um das undurchsichtige Geheimnis der Forscher zu lüften, die nun wirklich alles andere taten, als sich mit Tollwut zu beschäftigen.

Kapitel 12

8. Mai, Büro des französischen Präsidenten, Paris

Präsident Michaut legte die Unterlagen beiseite, lehnte sich zurück und massierte seine Schläfen. Er dachte nach. Seine Leute hatten gute Arbeit geleistet. Ohne die Hintergründe zu erahnen, hatten sie ihm alle Informationen zusammengetragen, die er benötigte. Die Analyse und der Schluss waren nicht mehr schwer gewesen. Aber gerade das ließ ihn noch zweifeln. Es konnte nicht so einfach sein. Oder doch?

Es gab nur eine einzige Person, der er von seiner Entdeckung erzählen und die ihm Sicherheit geben konnte: der Graf.

Er nahm den Hörer und wählte die Null. Es meldete sich sein Sekretär.

»Besorgen Sie mir eine saubere Leitung nach draußen, und zwar nicht eine von den offiziellen«, wies der Präsident ihn an und legte auf. Er hätte auch direkt an seinem Gerät eine abhörsichere Verbindung wählen können, doch die wurden im Hause aufgezeichnet. Wenige Augenblicke später klingelte es.

»Die Leitung ist frei, Monsieur le Président.« Es folgten ein leises Klicken und dann ein Freizeichen.

Der Präsident wählte eine Nummer in der Schweiz. Als nach einer Weile abgenommen wurde, meldete er sich: »Hier ist Emmanuel, ich möchte mit dem Grafen sprechen.«

Üblicherweise gab er nicht seinen Vornamen an, aber auf diese Weise hoffte er, die Vertraulichkeit zu unterstreichen. Es dauerte nicht lange, bis die unverwechselbar sonore Stimme des alten Mannes ertönte.

»Allô?«

»Monsieur le Comte, hier ist Emmanuel Michaut, entschuldigen Sie, dass ich Sie derart unvermittelt anrufe.«

»Monsieur le Président, es ist mir eine Ehre! Was kann ich für Sie tun?«

»Infolge unseres letzten Gesprächs habe ich einige Erkundigungen eingeholt und eine möglicherweise interessante Entdeckung gemacht, die ich mit Ihnen teilen möchte.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich hoffe, Sie erwarten von mir keine fachliche Beurteilung Ihrer Entdeckung?«

»Nun, möglicherweise können Sie mir einfach spontan Ihre Meinung dazu sagen. Und mir damit vielleicht eine Art richtungsweisendes Gefühl geben, wenn Sie so wollen.«

»Ihr Vertrauen ehrt mich, und ich bin sehr gespannt auf Ihre Entdeckung. Ich kann Ihnen aber natürlich nicht versprechen, dass ich etwas Konstruktives dazu beitragen kann.«

»Nun, es geht um Folgendes: Ich berichtete Ihnen von meinen sehr guten Verbindungen zur Industrie und dass sich einige Unternehmen von mir abgewandt haben.«

»Ja.«

»Nach unserem Gespräch hatte sich mein Gefühl verstärkt, dass es sich hierbei nicht um Zufälle handeln konnte. Dafür waren die Verhalten zu absonderlich und abrupt. Es konnten auch keine geheimen Akquisitions- oder Fusionspläne oder dergleichen sein. Das hätten wir schnell erfahren. Ich kam zu der Überzeugung, dass es bewusste und plötzliche Entscheidungen waren, von höchster Ebene gefällt. Von Personen mit ausreichender Macht.«