»Sie meinen die Geschäftsführer?«
»Nicht ausschließlich. Auch andere möglicherweise mehrheitlich an den Unternehmen beteiligte stille Teilhaber, Aufsichtsräte oder dergleichen.«
»Ich verstehe.«
»Ich habe mir also die Management-Strukturen, Kapital- und Besitzverhältnisse der entsprechenden Firmen und Konzerne besorgen lassen und analysiert. Und nun zu meiner Entdeckung: Es gibt eine Gemeinsamkeit.«
»Wer hätte das gedacht!« Wirklich überrascht klang die Stimme des Grafen nicht.
»Es war nicht gleich offensichtlich. Die beiden Banken beispielsweise gehören der Miralbi an, deren größter Konkurrent übrigens die britische Halifax-Gruppe ist. Der Aufsichtsrat wird mehr oder weniger kontrolliert von Yves Laroche, dem Vater von Jean-Baptiste, Sie wissen, wer das ist?«
»Sie sprechen von Jean-Baptiste Laroche, Ihrem Gegenkandidat der Parti Fondamental Nationaliste?«
»Ebendieser. Und als Nächstes stellte sich heraus, dass sein Bruder geschäftsführender Gesellschafter der ENF ist, dem Stromanbieter, der sich von mir abgewendet hat. Er hält einundfünfzig Prozent der Anteile, und wissen Sie, wem die anderen neunundvierzig Prozent gehören?«
»Ich bin gespannt.«
»Sie gehören der Ferrofranc-Gruppe.«
»Mit der Sie ebenfalls Probleme haben.«
»So ist es.« Der Präsident blätterte durch die Unterlagen auf seinem Tisch. »Und so geht es weiter. Ich möchte Sie nicht mit Details langweilen. Es stellt sich jedenfalls in allen Fällen heraus, dass in irgendeiner Form die Familie Laroche stets so weit beteiligt ist, dass sie ausreichend Macht ausüben könnte.«
»Höchst bemerkenswert. Das trifft auch auf die anderen Firmen zu, von denen Sie erzählten?«
»Ja. TVF Média und Télédigit International gehören zum selben Medienkonzern, der wiederum einen Onkel Jean-Baptistes im Aufsichtsrat sitzen hat.«
»Was schließen Sie aus dieser Entdeckung?«
»Nun, es sollte keine Überraschung sein, dass Jean-Baptiste Laroche mit seiner Partei die nächste Wahl gerne gewinnen möchte. Beunruhigend ist allerdings, dass er die Macht zu haben scheint, seine gesamten familiären Verbindungen in ein politisches Ränkespiel zu verwickeln.«
»Sie vermuten, dass eine einzelne Person Industriekonzerne und Banken zu solch drastischen Schritten veranlassen kann? Immerhin scheint es für die Betroffenen um den Verzicht auf Staatsanleihen und andere Vergünstigungen zu gehen...«
»... um im Gegenzug ein Familienmitglied als französischen Präsidenten einsetzen zu können.«
»Bei allem Respekt, Monsieur le Président... erlauben Sie, dass ich meine Meinung hierzu äußere?«
»Aber natürlich, deswegen habe ich Sie angerufen. Was denken Sie?«
»Ich bin kein Franzose und mit Ihrem Staatssystem nicht so vertraut, aber es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass allein Ihre Position als Präsident ein so großes Opfer wert ist.«
»Wie meinen Sie das?«
»Nun, mit ausreichend Fantasie könnte man sich ja die Umstände, die Sie schildern, als einen von langer Hand vorbereiteten Putschversuch vorstellen. Wenn dieser allerdings erfolglos bleibt, werden andere Unternehmen und Verbände die Lücke füllen, die die nun in Ungnade gefallenen hinterlassen, um als neue Partner die Staatsgunst zu erlangen.«
»Sie meinen, es ist unwahrscheinlich, dass so viele industrielle Schwergewichte auf Abstand zur Regierung gehen, auf das Risiko hin, ihre Position nachhaltig zu beschädigen.«
»Ja.«
»Sie haben vielleicht Recht...« Er zögerte einen Augenblick, dann schlug er mit der Hand auf den Tisch. »Aber dennoch ist es so. Es kommt einem fast wie bei der Mafia vor!«
»Wenn Sie tatsächlich in einer solchen Lage gefangen sind, könnte es sich als hilfreich erweisen, wenn Sie Ihre Vermutung konkret überprüfen, Monsieur le Président.«
Der Präsident drehte sich mitsamt seinem Stuhl so, dass er aus dem Fenster blickte. »Wie das?«
»Wenn es sich so verhält, wie Sie vermuten, dann wird ersichtlich, dass sich die Familie Laroche sehr sicher ist, mit dem, was sie plant.«
»Ja, anscheinend.«
»Woran könnte das liegen?«
»Vielleicht sind besondere Umstände eingetreten, die wir noch nicht kennen, die das Vorgehen der Familie Laroche zu diesem Zeitpunkt besonders Erfolg versprechend macht.«
»Gut... und nun testen Sie sich selbst. Sie sind Wähler. Würden Sie Jean-Baptiste Laroche und die PNF wählen? Oder anders: Trauen Sie dem Mann zu, die Wahl zu gewinnen?«
»Nein, keineswegs. Der Mann strahlt keine Kompetenz aus. Er mag charismatisch sein, ist aber arrogant und egozentrisch.«
»Dann muss man sich wirklich fragen, weshalb ein solches Vertrauen in seinen Erfolg gesetzt wird. Ein Selbstbewusstsein, das er, wie Sie sagen, auch persönlich zur Schau trägt. Warum konfrontieren Sie ihn nicht einfach. Wenn er wirklich so sicher ist, dann wird er Ihnen persönlich vielleicht den einen oder anderen Anhaltspunkt geben.«
»Sie meinen, ich sollte mich mit ihm treffen?«
»Sicher.«
»Das ist grotesk. Dieser Mann meidet es sogar, in der Öffentlichkeit meinen Namen auszusprechen. Er würde sich niemals auf ein Treffen einlassen.«
»Vielleicht sind Sie auf der falschen Spur«, gab der Graf zurück. »Vielleicht aber auch nicht.«
Der Präsident schwieg einen Augenblick lang. »Sie haben Recht, einen Versuch ist es wert, schätze ich... Monsieur le Comte, ich muss mich wieder einmal bei Ihnen bedanken.«
»Danken Sie mir nicht, ich habe Ihnen lediglich zugehört.«
»Wie sooft, ja. Vielen Dank trotzdem, es war mir eine Freude.«
»Ebenso wie mir, Monsieur le Président.«
8. Mai, Royal Casino Hotel, Cannes
»Schade, dass Stefanie nicht mitkommen wollte.«
»Sie verwundern mich, Patrick. Gestern haben Sie sie noch als Klugscheißerin bezeichnet, und heute vermissen Sie sie schon.« Peter lachte. »Oder hätten Sie sie gerne als Zeugin dabei gehabt, wenn Sie in Ihrer unverwechselbar charmanten Art gleich einen ganzen Saal voller Mystiker lächerlich machen wollen?«
»Ich will Sie noch mehr verwundern: Ich habe nichts dergleichen vor.«
»Nichts für ungut, aber ich kann mir nur schwerlich vorstellen, wie Sie sich in dieser Löwengrube zusammenreißen wollen.«
»Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie es waren, der in Notre Dame die Beherrschung verloren hat.«
»Da haben Sie allerdings Recht.« Peter musste erneut schmunzeln. »Meinen Sie, das ist symptomatisch? Vielleicht werde ich zum Judas an der mystischen Historie, die ich erforscht habe? Und Sie werden vom Saulus zum Paulus, dem felsenfesten Begründer eines neuen religiösen Verständnisses?«
Nun lachte auch Patrick. »Wohl kaum!«
»Na, dann haben Sie wohl einen anderen Narren an Frau Krüger gefressen.«
»Mir sind lediglich die intellektuellen Fähigkeiten von Frau Krüger bewusst geworden, Herr Professor.«
»Und ihre körperlichen Reize zu Kopfe gestiegen?«
»Das ist keine Schande, sondern zeugt von Geschmack. Aber erstaunlich, dass Sie diese Reize ebenfalls bemerkt haben, Peter«, scherzte Patrick.
»Ich bin vielleicht älter als Sie, aber deswegen bin ich noch lange nicht blind«, gab Peter zurück. »Im Gegensatz zu Ihnen habe ich als seriöser Wissenschaftler meine Frühlingsgefühle jedoch unter Kontrolle.«
»Ja«, Patrick lachte, »das wird es sein!«
Sie hatten ihren Weg einem Schild im Foyer folgend gefunden und kamen nun in einen Bereich, der offensichtlich für Konferenzen aller Art abgesperrt werden konnte. Am Eingang stand ein förmlich gekleideter Herr, dem die eintreffenden Gäste Papiere überreichten.
»Ihre Einladungen bitte«, forderte er sie auf, als sie ihm gegenübertraten.
Patrick überreichte ihm den Handzettel mit der Ankündigung des Symposiums.
»Es tut mir leid, aber Sie benötigen Ihre schriftliche Einladung. Haben Sie den Brief dabei?«