»Wir haben keine Einladungen mehr erhalten«, erklärte Patrick, »wir haben erst sehr kurzfristig von diesem Termin erfahren...«
Der Mann schien wenig beeindruckt. Er senkte seinen Blick in eine vor ihm liegende Liste. »Das werde ich überprüfen. Ihre Namen bitte?«
»Monsieur, ich sagte doch, wir haben gerade heute erst von diesem Symposium erfahren...«
»Ihre Namen?«
Peter schob sich vor. »Ich bin Professor Peter Lavell, Wissenschaftler und Sachbuchautor. Ich halte zurzeit Vorlesungsreihen an internationalen Fakultäten zum Thema Mystizismus. Ich bin den Veranstaltern mit Sicherheit wohl bekannt, und ich glaube nicht, dass sie auf mich verzichten möchten.«
Der Mann schien ihm nicht zuzuhören. »Ohne eine Einladung kann ich Sie... oh, ich sehe gerade. Sie sind Professor Lavell und Monsieur Nevreux?« Er sah auf.
»Ja.«
»Sie stehen tatsächlich auf der Gästeliste.« Er trat beiseite und winkte sie durch. »Willkommen zur Permutatio!«
Peter runzelte die Stirn, als sie hindurchgingen, aber noch bevor er etwas sagen konnte, drückte ihnen eine junge Frau je eine Art Programmheft in die Hand. »Willkommen und eine erfahrungsreiche Zeit, Brüder.« Dann wandte sie sich bereits anderen Gästen zu.
»Wir stehen auf der Gästeliste?!« Patrick sah sich erstaunt um. »Wir scheinen einen Gönner zu haben. Und ich kann mir auch schon vorstellen, wer das ist...«
»Ja, ich auch«, sagte Peter und deutete auf das Programmheft. »In einer halben Stunde beginnt eine Podiumsdiskussion. Und mit dabei ist Claire Renée Colladon.«
»Vielleicht versucht sie ja hier ebenfalls, ihre Arche-Noah-Story zu verkaufen.«
»Interessanterweise steht hier nichts von der Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹. Stattdessen wird sie hier aufgeführt als ›Grandmaître du Ordre RC‹...« Peter zögerte und fasste sich dann an den Kopf. »Moment mal, das gibt's doch nicht! Warum bin ich Esel nicht früher darauf gekommen?!«
»Nun?«
»Jetzt weiß ich auch, woher ich den einen Spruch in der Höhle kenne!«
»Welchen Spruch?«
»Arcana publicata vilescunt... erinnern Sie sich? Veröffentlichte Geheimnisse werden billig, und das Entheiligte verliert alle Anmut.«
Ähm... ja, kann sein. Sie kennen das Zitat?«
»Ja, es kam mir gleich bekannt vor, ich konnte mich aber nicht mehr an den Zusammenhang erinnern.« Mit schnellen Schritten ging er voran und suchte die Gänge und Räume mit seinen Blicken ab. »Dabei ist es so offensichtlich. Kommen Sie, wir müssen Renée suchen!«
»Haben Sie eigentlich vor, mich auch einzuweihen?«, fragte Patrick, der dem Professor etwas gemächlicher folgte und eine weitere Zigarette aus der zerknitterten Packung klopfte.
»Da ist sie!«, rief Peter aus und blieb in einer Tür stehen.
Einige Leute standen in kleinen Gruppen beisammen und unterhielten sich. Als Patrick hinzukam und neben Peter in den Raum blickte, löste sich eine der Gruppen auf, und nur noch Renée Colladon blieb stehen und winkte die beiden zu sich.
»Ich freue mich, dass Sie der Einladung gefolgt sind, Messieurs. Insbesondere Sie, Monsieur le Professeur. Ich hätte nicht erwartet, Sie wiederzusehen.«
»Nun, da wir hier sind«, sagte Peter, »wird es Sie nicht verwundern, wenn wir uns unter völlig anderen Voraussetzungen gegenübertreten.«
»Ich verstehe nicht, wie Sie das meinen.«
»Als wir uns in Paris trafen, hatten wir mehr Fragen als Sie. Aber nun sind die Karten neu verteilt, und es gibt kein Geheimnis mehr, das Sie mit uns tauschen können.«
»Monsieur Lavell, das klingt ja, als wären wir auf einem arabischen Teppichbazar und feilschten.« Sie lächelte. »Wenn Sie nichts von mir wissen möchten, weshalb kommen Sie dann zu mir?«
»Ich habe etwas, das Sie haben möchten. Und ich möchte wissen, was Sie dafür bieten.«
Sie lachte auf. »Was könnten Sie haben, das ich haben wollte?«
»Ich weiß, wo sich das Haus des Heiligen Geistes befindet.«
Patrick sah erstaunt herüber, aber die Großmeisterin erstarrte.
»Was reden Sie da!«, entfuhr es ihr nach einer Weile tonlos. »Machen Sie sich nicht lächerlich!« An der Zurückhaltung in ihrer Stimme war zu erkennen, dass sie sich keineswegs sicher fühlte.
»Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen«, hob Peter an, »und dann sagen Sie mir, wer sich von uns beiden lächerlich gemacht hat.«
»Treiben Sie keinen Spott mit mir«, warnte Renée und verengte die Augen zu Schlitzen.
»Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts«, begann Peter, »lebte ein Mann aus hohem teutonischem Geschlecht, der bereits im Alter von fünf Jahren in einem Konvent in allen humanitären Wissenschaften ausgebildet wurde. Mit fünfzehn reiste er ins Heilige Land. Als er in Damaskus von einem geheimen Kreis weiser Männer hörte, machte er sich auf den Weg und kam nach Damcar. Dort wurde er bereits erwartet und im Folgenden jahrelang in den geheimsten magischen Künsten ausgebildet.«
Während Peter sprach, betrachtete Renée ihn mit versteinerter Miene.
»Nach seinem Studium reiste er über Ägypten nach Fez und erlernte das Beschwören von Elementargeistern. Nach seiner Ausbildung machte sich der junge Mann auf den Weg zurück, erst nach Spanien und dann nach Deutschland. Lange Jahre philosophierte er als Einsiedler und entschloss sich dann, sein Wissen weiterzugeben und Gutes zu tun. Er errichtete das Haus des Heiligen Geistes, heilte und scharte immer mehr Anhänger um sich, die auszogen, um seine Weisheiten in Europa zu verbreiten. Der Mann hieß Christian Rosenkreuz, auch bekannt unter den Initialen C. R. C.«
Renée sagte kein Wort.
»Es geht noch weiter: Der Mann starb irgendwann in biblischem Alter und wurde an einem geheimen Ort begraben. Hundertfünfzig Jahre später fand man diesen Ort, eine Höhle, beleuchtet durch die ›Sonne der Magi‹, mit magischen Symbolen beschriftet, und eine völlig unversehrte Leiche.«
Patrick beobachtete seinen Kollegen mit zunehmendem Erstaunen, während dieser fortfuhr.
»Mitte des siebzehnten Jahrhunderts kam die ganze Geschichte richtig in Mode, als eine Schrift, die Fama Fratemitatis, veröffentlicht wurde. Jeder, der sich den so genannten Rosenkreuzern anschließen wollte, sollte dies durch eigene Taten und Veröffentlichungen kundtun. Noch heute gibt es einige Geheimgesellschaften und Orden, die sich auf die Rosenkreuzer berufen. Und so hält es auch die Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹, ist es nicht so? Vordergründig geben Sie vor, eine einfache Freimaurerloge zu sein, aber in Wirklichkeit betrachten Sie sich als wahre Nachfolger der mystischen Rosenkreuzer. Sogar Ihren Namen haben Sie den Initialen des heiligen Gründers angepasst, nicht wahr, Claire Renée Colladon?«
Sie holte tief Luft, doch Peter ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Sie möchten gerne wissen, woher wir die Zeichnung der Rose haben und den Spruch ›Dies sei ein Beispiel für meine Jünger‹, richtig? Sie vermuten, dass wir auf der Spur des Christian Rosenkreuz sind. Nun, vielleicht sind wir das. Stellen Sie sich vor: Wir haben möglicherweise eine Höhle gefunden, voller Inschriften, teilweise unleserlich, mit einem unerklärlichen Leuchten, und an der Wand befindet sich die Malerei einer Rose, die Signatur C.R.C. und der lateinische Spruch: ›Arcana publicata vilescunt...‹«
»›... et gratiam profanata amittunt‹«, vollendete Renée Colladon monoton. »Also: ›Wirf nicht Perlen vor die Säue, noch streue dem Esel Rosen.‹ Es ist nicht das Haus des Heiligen Geistes, sondern das Grab des Christian Rosenkreuz!«
Peter schwieg, und eine Weile sagte niemand ein Wort.
»Wenn es stimmte, was Sie erzählen«, begann Renée schließlich unentschlossen, »könnten Sie sich dann überhaupt vorstellen, was das bedeutet?! Genauso gut könnten Sie behaupten, die wahre Tabula Smaragdina, oder die Gesetzestafeln Moses gefunden zu haben... Nein! Sie lügen. Es wäre zu ungeheuerlich!«