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»Nun, möglicherweise habe ich mir das alles auch nur ausgedacht«, lenkte Peter ein. »Ein paar Geschichtsbücher und okkulte Enzyklopädien wälzen und wissen, was auf dem Deckblatt der Chymischen Hochzeit des Christian Kosenkreuz steht, ist noch keine Kunst, nicht wahr? Aber es besteht die Möglichkeit, dass ich die Wahrheit sage und so nahe dran bin, wie Sie es noch nie waren. Ich muss natürlich nicht mit Ihnen darüber reden... Es gibt noch andere Leute, die an dieser Offenbarung interessiert sein könnten. Immerhin gibt es da welche, die noch der Meinung sind, Herz und Rose seien bloß das Wappen Martin Luthers.«

Sie winkte verärgert ab. »Hat Ihnen Samuel das erzählt? Dieser Dilettant ist noch immer auf dem Kreuzzug, die Archive Luthers zu finden. Dabei lebte Luther erst nach Christian Rosenkreuz. Luther wollte zeit seines Lebens gerne Rosenkreuzer sein oder zumindest von ihnen beachtet werden. Daher sein Wappen, daher seine Veröffentlichungen, aber für einen Ruf als erfolgreicher Schüler und Mystiker hat es nie gereicht. Samuels Ideen sind einfach lächerlich!«

»Hoffen wir, dass er Sie nicht gehört hat, Madame«, sagte Patrick, »wo Sie doch hier nicht missionieren dürfen.«

»Nichts liegt mir ferner, Monsieur Nevreux, wirklich.« Sie wandte sich wieder an Peter. »Gut, Sie haben meine Aufmerksamkeit, leider muss ich jetzt aufs Podium. Also sagen Sie, was Sie von mir wollen. Und glauben Sie ja nicht, dass Sie mich loswerden, bevor ich Beweise gesehen habe!«

»Ich habe lediglich zwei Fragen: Was können Sie mir über das sagenhafte Leuchten im Grab sagen?«

»Das Leuchten? Nicht viel. Der Legende nach ist das Grab in der Tat beleuchtet durch die ›Sonne der Magi‹. Viele Jünger sind aber der Meinung, dass es sich bei der Beschreibung nicht um ein echtes Leuchten handelt, sondern dass über dem Grab lediglich das Symbol angebracht ist. Das Grab wäre dann nur im übertragenen Sinne beleuchtet.«

»Diese ›Sonne der Magi‹«, sagte Peter und holte die Zeichnung der konzentrischen Kreise in der Höhle hervor, »ist es dieses Symbol?«

Renée winkte sofort ab, betrachtete die Zeichnung allerdings noch eine Weile. »Nein, nein, die ›Sonne der Magi‹ ist ein Pentagramm. Das hier habe ich noch nie gesehen... aber... was ist es? Wo haben Sie das schon wieder her?«

»Sie haben dieses Symbol noch nie gesehen?«

»Leider nein, und glauben Sie mir, ich würde es Ihnen wirklich sagen, nach allem, was vielleicht auf dem Spiel steht. War das schon Ihre zweite Frage?«

»Ja, in der Tat.« Peter war etwas ratlos.

»Ich muss los«, sagte Renée, »kommen Sie unbedingt mit hinein und hören Sie sich die Diskussion an. Vielleicht fallen Ihnen ja auch noch mehr Fragen ein. Ich werde Sie nachher gleich wieder aufsuchen. Sie entschuldigen mich?«

»Bitte sehr.«

Als Renée gegangen war, ergriff Patrick das Wort.

»Jetzt verraten Sie mir bitte, was das gerade sollte.«

»Wir haben sie am Haken«, antwortete Peter. »Sie wird uns alles erzählen, was wir wissen wollen.«

»Haben Sie sich die Rosenkreuzer-Geschichte gerade erst einfallen lassen?«

»Ich habe sie nicht erfunden, ich bin nur jetzt erst auf den Zusammenhang gekommen. Und wie es scheint, habe ich sozusagen mit der Faust aufs Auge getroffen.« Er lächelte.

»Das nächste Mal, wenn Sie einen solchen Geistesblitz haben, weihen Sie mich bitte vorher ein.«

»Natürlich, tut mir leid, es ging ein bisschen schnell, fürchte ich.«

Patrick nickte. »Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass wir das Grab von Christian Rosenkreuz gefunden haben?«

»Nun ja, unsere Höhle passt erstaunlich gut auf die Rosenkreuzer-Legende, oder?«

»Also glauben Sie nun an das Grab oder nicht?«

»Natürlich nicht!« Peter lachte. »Wir haben ja selbst schon festgestellt, dass die Höhle aus dem dreizehnten Jahrhundert ist. Da gab es noch keine Rosenkreuzer – wenn es sie überhaupt jemals gegeben hat. Aber das müssen wir ja Renée nicht auf die Nase binden.«

Patrick hob anerkennend die Augenbrauen. »Sie überraschen mich, Peter!«

»Es mag ja im Übrigen durchaus alles so geschehen sein: Christian Rosenkreuz im fünfzehnten Jahrhundert und Martin Luther, der ihm nacheifern wollte. Möglicherweise hat einer von beiden unsere Höhle entdeckt. Und weil die Rosenkreuzer die Zusammenarbeit aller Wissenschaftler über Nationalitäten, Gesinnungen und Fakultäten hinweg proklamierten, schrieb derjenige an die Wand: ›Dies sei ein Beispiel meinen Jüngern.‹«

»Das klingt plausibel«, sagte Patrick. »Aber leider wissen wir dann noch immer nicht, welchen Ursprung die Höhle hat.«

»So ist es. Das Symbol der Kreise ist jetzt unser einziger Anhaltspunkt, und bis wir die Inschrift entschlüsselt haben, sollten wir alles aus Renée herauskitzeln, was sie weiß.«

»Sie glauben, dass sie uns immer noch etwas verheimlicht?«

»Sicherlich! Sie lebt und arbeitet wie in einer anderen Welt, von der ich durch meine Recherchen wie in Platons Höhlengleichnis quasi nur die Schatten an der Wand gesehen habe. Sie weiß noch eine ganze Menge, aber sie ist viel zu intelligent, um uns jetzt schon alles zu offenbaren.«

»Erlauben Sie, dass ich Ihnen helfe?«

Patrick und Peter fuhren herum, als plötzlich ein junger Mann hinter ihnen stand. Er mochte höchstens Anfang dreißig sein, war in einen modischen und sicherlich teuren Dreiteiler gekleidet und trug ein offenes, weltmännisches Lächeln zur Schau. Er hatte kurzes, zu Stacheln gegeltes dunkles Haar, Lachfalten in den Augenwinkeln und wirkte wie aus einer Casting-Mappe für jung-dynamische Schauspieler.

»Mein Name ist Ash Modai. Entschuldigen Sie, wenn ich mich Ihnen etwas unverfroren aufdränge. Aber ich wurde Zeuge Ihrer letzten Worte, in denen Sie von einer anderen Welt sprachen. Daher möchte ich mich anbieten, Sie hier ein wenig bekannt zu machen.«

»Das ist sehr freundlich«, begann Peter, »Monsieur...«

»Nennen Sie mich einfach Ash.«

»... Ash. Wirklich freundlich von Ihnen. Aber wie kommen Sie darauf, dass wir uns über dieses Symposium unterhalten haben?«

»Man sieht Ihnen deutlich an, dass Sie nicht hierher gehören. Da irre ich mich doch nicht, oder?«

»Kommt ganz darauf an, was Sie damit meinen«, schränkte Patrick ein.

»Sie gehören nicht hierher, weil Sie nicht an Abrakadabra glauben, nicht an kabbalistische Buchstabenspiele oder die Wahre Thora.« Ash setzte eine Art verschwörerisches Lächeln auf und beugte sich beim Sprechen ein wenig vor, als ginge es um eine Besprechung auf dem Football-Feld. »Weil Sie keinen Respekt haben vor dem Ewigen Juden, dem Grafen von Saint Germain, weil Sie den Prophezeiungen des Nostradamus ebenso wenig Glauben schenken wie den Tränen der Schwarzen Madonna. Sie haben noch nie etwas vom Homunculus gehört und kennen weder die Namen der Erzengel noch die der Fürsten der Dämonenlegionen. Höchstwahrscheinlich denken Sie, Paracelsus war ein Arzt und Hugues de Payens ein Kreuzritter. Habe ich Recht?«

Peter zögerte, aber Patrick antwortete für beide: »Ja, da haben Sie verdammt Recht. Haben Sie damit ein Problem?«

Ash lachte auf. »Aber nein! Keineswegs! Auf dem Symposium wird nicht missioniert. So will es das Gesetz von jeher. Jeder der heute hier Anwesenden hat seine eigene Wahrheit dabei. Und die eigene Wahrheit ist natürlich üblicherweise gleichzeitig Gegenstand der Ablehnung und Verachtung durch die anderen. Durch unseren gegenseitigen Respekt sind wir auf dem Symposium alle gleich.« Er machte eine unschuldige Geste. »Nur man selbst ist natürlich stets gleicher als die anderen.« Er lachte erneut.

»Und woran glauben Sie?«

»Ich darf es Ihnen nicht sagen, und es tut auch nichts zur Sache, Monsieur...«

»Patrick Nevreux. Und dies ist mein Kollege Professor Peter Lavell.«

Der smarte Ash verharrte einen Augenblick. »Professor Lavell, etwa der Professor Lavell?«