Выбрать главу

»Mir ist nicht bekannt, dass ich einen Namensvetter hätte«, sagte Peter.

»Sie kennen sich?«, fragte Patrick.

»Nein, nicht persönlich. Aber Ihr ›Wirken‹ hat in unseren Gewässern durchaus seine Kreise gezogen. Einige von uns sind dabei gut weggekommen, andere weniger gut.«

»Fragt sich, zu welchen Sie gehören«, sagte Peter.

»Ich hege keine persönlichen Ressentiments, Herr Professor«, sagte Ash mit einem Lächeln. »Aber andererseits, was zählen persönliche Meinungen, wenn so große Dinge im Spiel sind wie Glauben oder die Suche nach der Wahrheit?«

»Verraten Sie mir, worum es geht?«, verlangte Patrick, indem er sich an beide wandte.

»Es geht um meine zurückliegenden Studien«, erklärte Peter. »Für mein letztes Buch und letztlich auch für meine jetzigen Vorlesungen. Ich habe viel recherchiert, viel gelesen und mit vielen Leuten gesprochen...«

»Und viel geschrieben«, warf Ash ein.

»Und das nimmt man Ihnen heute noch übel?«, fragte Patrick.

»Ach, genug der alten Geschichten, was?« Ash winkte ab. »Erlauben Sie, dass ich Sie ein wenig herumführe – gerne auch inkognito.«

»Nun, warum nicht.«

»Wunderbar. Dann folgen Sie mir einfach unauffällig.«

Ash führte sie durch einige Gänge und Korridore, zum Teil mit wenig ansprechenden aber strapazierfähigen Teppichen ausgelegt, andere mit Holzparkett und wieder andere mit Steinfußboden. Der für das Symposium vorgesehene Bereich war weit verzweigt und so wenig homogen eingerichtet, dass man das Gefühl bekam, unbemerkt durch mehrere aneinander angrenzende Gebäude zu gehen. Sie kamen an einigen Räumen vorbei, deren Türen offen standen und in denen offenbar kleine Ausstellungen oder lose Gesprächsrunden stattfanden. Ash spähte ab und zu unauffällig zur Seite.

»Diese Veranstaltung, Permutatio, findet nur sehr unregelmäßig etwa alle zehn Jahre statt«, erklärte er. »Wie Sie sich vorstellen können, und wie Sie ja auch aus eigener Erfahrung wissen, Herr Professor, sind sich die verschiedenen Schulen der Mystik nicht gerade wohlgesonnen. Einige sehen sich als Essener oder Bewahrer des Urchristentums, andere als Satanisten und Schüler Aleister Crowleys, wieder andere möchten das keltische Druidentum wiederbeleben und tanzen zu Beltane nackt im Wald. So grundverschieden wir uns sind, so sehr hassen und bekämpfen wir uns. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die fanatischsten und blutigsten Kriege stets im Zeichen des Glaubens geführt werden? Das war bei den Kreuzzügen nicht anders als heute in Nordirland oder im Nahen und Mittleren Osten. Genauso haben Hitler und Stalin religiöse Verzückungen heraufbeschworen, um ihre Völker in den Krieg zu schicken.«

Ash blieb wie zufällig neben einer Säule stehen und lehnte sich an.

»Wenn man unsere Geschichten weit genug zurückverfolgt, stößt man interessanterweise häufig auf ursprüngliche Gemeinsamkeiten. Einige davon haben Sie verfolgt, Herr Professor Lavell. Manchmal liegen diese in der Renaissance, manchmal im Mittelalter, häufig in christlicher Zeit und manchmal noch weiter in der Vergangenheit. Es stellt sich heraus, dass es eine begrenzte Anzahl geschichtlicher Rätsel und Fragen unseres Ursprungs gibt, mit denen wir uns alle gleichermaßen beschäftigen. Daher ist dieses Symposium eingerichtet worden. Wir werfen unsere Differenzen über Bord und tauschen uns gegenseitig aus – ganz unverfänglich und wissenschaftlich, nur in jenen gemeinsamen Punkten. Die Idee dazu kam vom Graf von Saint Germain. Er berief die ersten Treffen ein. Später hat er diese Aufgabe abgegeben und ist immer seltener gekommen. Wenn ich es recht bedenke, ist er nun schon das vierte Mal nicht dabei.«

»Vermutlich ist er inzwischen nach über hundertfünfzig Jahren gestorben«, sagte Patrick mit zynischem Unterton. »Oder nicht?«

»Da wäre ich mir nicht so sicher. Immerhin soll er bereits damals die hundertfünfzig weit überschritten gehabt haben.« Ash lachte auf. »Aber ich möchte Ihnen nicht zu viel zumuten. Zurück zu meiner Führung: Wie Sie wissen, steht diese Permutatio im Stern der Kabbala. Das heißt aber nicht, dass nicht auch andere Dinge hier besprochen werden.« Er wies mit dem Kopf in einen benachbarten Raum. »Sehen Sie den Herrn dort drüben, den mit der Zigarre?«

In einer Gruppe von Leuten fiel ein untersetzter Mann auf, der trotz seines hohen Alters eine stolze, aufrechte Haltung einnahm. Auf seiner Brust prangten allerlei Orden und Auszeichnungen. Seine Zigarre hielt er mit südländischer Gelassenheit.

»Das ist Joäo-Fernandes de Sousa«, erklärte Ash mit gedämpfter Stimme. »Er ist Portugiese und Großmeister des Templerordens. Er ist in der Lage, die gesamte Charta der Großmeister seines Ordens bis zur Gründung in Jerusalem 1118 aufzuzählen. Wenn Sie ihn fragen, wird er es Ihnen auch historisch belegen können. Und sehen Sie die dicke Frau, mit der er sich unterhält? Das ist Ellen Blavatsky, eine Amerikanerin; niemand weiß, wie sie wirklich heißt. Sie hält sich für die wiedergeborene Madame Blavatsky, die 1875 die Theosophische Gesellschaft gründete.«

Ash setzte sich wieder in Bewegung und führte sie in einen anderen Raum. Hier standen Glasvitrinen, die jeweils von zwei bewaffneten Sicherheitsleuten flankiert wurden. In den Vitrinen waren aufgeschlagene Bücher oder Pergamentseiten zu sehen.

»Die Dokumente hier kommen aus aller Herren Länder und Kulturen. Sie stehen nicht zum Kauf, sondern sollen Gespräche in Gang bringen. Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?« Ash ging mit ihnen zwischen den Schaukästen hindurch. »Dies sind die Briefe des Paulus an die Korinther und die Galater, neben dem umstrittenen Jakobus-Evangelium. Hier liegen zwei noch ungeöffnete Qumran-Rollen, und hier nebenan wird eine Seite des berüchtigten Necronomicon des Abdul Alhazred ausgestellt. Hier sind Original-Aufzeichnungen des Nostradamus, hier die verschlüsselten Dokumente, die in Rennes-le-Château gefunden wurden, und das dort drüben ist das noch immer nicht entschlüsselte Voynich-Manuskript.«

»Unfassbar«, sagte Peter, setzte seine Brille auf und ging näher an eine Vitrine heran. »Das scheint echt zu sein.«

»Natürlich sind die Dokumente echt. Der Tradition nach hat jeder Eingeladene die Verpflichtung, aber auch das innere Bedürfnis, etwas mitzubringen, um es mit den anderen zu teilen. Es werden dabei keine Kosten und Mühen gescheut. Was mich natürlich zu der Frage führt, wie Sie zu einer Einladung gekommen sind, Messieurs.«

»Wir standen auf der Gästeliste«, antwortete Patrick.

»Natürlich standen Sie auf der Gästeliste. Jeder der hier Anwesenden steht auf der Gästeliste. Andernfalls wären Sie niemals hineingekommen, sondern würden denken, dies wäre eine geschlossene Gesellschaft, die sich mit dem Rezitieren antiker Lyrik den Abend vertreibt.«

»Jedenfalls haben wir keine Einladung bekommen.«

»Erlauben Sie mir, Ihnen zu widersprechen. Ich sehe das ganz anders, Monsieur Nevreux. Ohne Einladung hätten Sie niemals etwas von diesem Treffen erfahren. Ich bin außerordentlich gespannt zu erfahren, was Sie zum Austausch mitgebracht haben.«

»Wir haben tatsächlich etwas dabei«, erklärte Peter, der sich von den Vitrinen abgewandt hatte, und holte die Zeichnung des Symbols der Kreise aus der Höhle hervor. »Wir sind auf der Suche hiernach.«

»Der ›Kreis von Montségur‹!«, rief Ash überrascht aus, und einen Augenblick lang entglitten ihm seine Gesichtszüge und offenbarten blanke, fast zornige Erregung. »Sie sind dem Kreis auf der Spur...« Er kniff die Augen zusammen. »Wo haben Sie das her?«

»Das tut augenblicklich nichts zur Sache«, sagte Peter. »Wir müssen einiges über dieses Zeichen erfahren und suchen jemand, der uns dazu etwas sagen kann.«

Ash machte einen Schritt zurück. »Stecken Sie das bloß sofort wieder ein, Monsieur le Professeur!«, sagte er mit gepresster Stimme und mit Blick auf die herumstehenden Wachmänner.

Peter tat unwillkürlich, wie ihm geheißen, sah den Mann aber eindringlich an. »Was ist denn los?«