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»Mit dem Kreis machen Sie sich hier blitzartig so unbeliebt, wie überhaupt nur möglich. Sie mögen sich jetzt auf neutralem Boden befinden, aber der endet unmittelbar hinter dem Ausgang, daher sollten Sie äußerst vorsichtig sein!«

»Verraten Sie uns, was es damit auf sich hat?«, fragte Patrick.

»Sind Sie tatsächlich so unbedarft, wie Sie tun? Der Kreis ist älter und mächtiger als wir alle hier und unser gesamtes Wissen zusammen. Niemand spricht über den Kreis, denn jeder hat bereits seine schlechten Erfahrungen damit gemacht. Und nun lassen Sie uns bitte das Thema wechseln!«

»Erstaunlicherweise schien Renée Colladon das Symbol überhaupt nicht zu kennen.«

»Sie haben es ihr gezeigt?« Ash verdrehte die Augen. »In Drei Teufels Namen! Warum haben Sie es nicht gleich an die Kirchentür genagelt?! Sie werden die Hunde von Tindalos auf Ihren Fersen haben, Professor!«

»Wie bitte?«, entfuhr es Patrick.

»Eine literarische Metapher«, erklärte Peter. »Lovecrafts Vision der Bluthunde der Hölle, die ihre Opfer über Jahrtausende hinweg durch Zeit und Raum bis in die Ewigkeit verfolgen, bis sie sie gestellt haben.«

Patrick wollte eine scharfe, lästerliche Bemerkung machen, aber etwas ließ ihn stocken. Eine Furcht einflößende Mischung aus Raserei und Angst blitzte in Ashs Augen auf. Er mochte nicht ganz richtig im Kopf sein, aber was er sagte, meinte er zweifellos todernst.

»Ich breche jetzt den Kodex der Neutralität«, fuhr Ash fort, »aber so viel kann ich Ihnen verraten: Renée Colladon ist harmlos. Und sie ist auch naiv. Sie ist noch nicht lange genug dabei, um zu wissen, wie die Karten verteilt sind. Hier sind größere Mächte am Werk als Christian Rosenkreuz, Mächte, von denen Sie überhaupt keine Vorstellung haben. Dies ist eine völlig andere Liga. Und ich kann Ihnen nur raten, die Finger aus dem Spiel zu lassen. ›Wenn Sie lange genug in den Abgrund blicken, dann blickt der Abgrund zurück in Sie!‹«

»Und was empfehlen Sie uns jetzt zu tun?«, fragte Peter.

»Geben Sie mir die Zeichnung und sagen Sie mir, wo Sie sie gefunden haben. Dann werde ich mich der Sache annehmen, und für Sie ist sie erledigt.«

Nun trat Peter einen Schritt zurück. »Auf gar keinen Fall! Erst, wenn wir ein paar Antworten bekommen haben.«

»Ich warne Sie, Monsieur le Professeur! Sie legen sich mit der Hand von Belial an, unterschätzen Sie das nicht!«

»Die Hand von Belial?«, fragte Patrick. »Was ist das nun schon wieder?«

Ashs Augen funkelten. »Ich!«, zischte er. »Ich bin die Hand von Belial, und Sie würden es bedauern, Näheres herauszufinden, das schwöre ich Ihnen!«

»Ich verstehe zwar nicht, warum Sie sich so aufregen«, sagte Peter betont ruhig, »aber Sie bekommen von uns nichts.«

»Gut.« Ash schien seine Souveränität schlagartig wiedergefunden zu haben. Er nickte den beiden lächelnd zu. »Schade, dass es so enden muss, Messieurs. Ich muss mich von Ihnen verabschieden, einen schönen Abend noch.« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich um und verließ zügig den Raum.

»Ups«, meinte Patrick nach einigen schweigsamen Augenblicken. »Was ist denn in den gefahren?«

»Dieser ›Kreis von Montségur‹ hat ihn offenbar schockiert. Aber was war es? Angst oder Gier?«

»Er schien mir nicht der Mann zu sein, dem leicht Angst einzujagen wäre. Wenn er sich trotzdem vor etwas fürchtet, dann muss er einen verdammt guten Grund haben. Das macht mich ehrlich gesagt etwas nervös...« Er zündete sich eine Zigarette an. »Und wenn es Gier war, nicht weniger... auf Fanatiker, die Drohungen aussprechen, kann ich verzichten.«

»Ich muss zugeben, dass mir auch etwas unwohl geworden ist. Sollten wir versehentlich in ein Wespennest gestochen haben?«

»Das Symposium scheint keine gute Idee von mir gewesen zu sein... Vielleicht wäre es jetzt ein guter Zeitpunkt, noch unauffällig zu verschwinden, bevor der Flurfunk wirksam wird.«

»Einverstanden. Wie sagt man gleich? ›Manners make the man‹... aber hier scheint eine französische Verabschiedung angebracht.«

»Die Jahre in Deutschland haben Ihrem britischen Wesen offenbar nichts anhaben können.« Patrick grinste.

»Ich kann nur hoffen, dass das ein Kompliment sein sollte«, gab Peter zurück, und sie machten sich auf den Weg zum Ausgang.

8. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz

»Nun, Joseph, wie ist deine Meinung?« Der Mann, der gesprochen hatte, richtete seinen Blick auf die großzügige Fensterfront, welche die Sicht auf den Genfer See freigab. Auch bei klarster Sicht war das gegenüberliegende Ufer von hier aus nicht auszumachen. Aber nun brach die Dämmerung herein, und Nebelschwaden zogen sich über dem Wasser zusammen, so dass der See einem Fluss zu gleichen schien. Schwäne waren zu sehen und ein paar kleinere Boote. Sein Gesprächspartner sah ebenfalls hinaus. Er nahm noch einen Schluck Wein aus einem kelchartigen Gefäß, bevor er antwortete.

»Ihr hattet Recht, Steffen, die Lage spitzt sich zu. Die Zeit wird knapp, und noch immer wissen wir nicht, ob es sich zum Guten wenden wird.«

»Johanna rät uns, dass wir Vertrauen haben sollen. Die Forscher sind guten Herzens und nicht von Aberglaube oder Machthunger erfüllt – beides sind Eigenschaften, die wir schon zu oft angetroffen haben. Aber gleichzeitig...« Der ältere der beiden Männer strich über seinen Bart. »Gleichzeitig erregen sie mir deutlich zu viel Aufmerksamkeit.«

»Vielleicht sollten wir sie eindringlicher zur Auflösung hinführen?«, meinte der Jüngere.

»Aber sie müssen lernen, Joseph. Wir müssen ihre Fähigkeit zur Einsicht ständig aufs Neue prüfen.«

»Zwei Männer stehen am Ufer eines Flusses, den sie überqueren wollen. Einer der beiden beobachtet eine Weile und entscheidet dann: ›Die Strömung ist zu stark‹. Der andere Mann fragt ihn: ›Woher weißt du das?‹, und der Erste sagt: ›Sieh die rollenden Steine im Flussbett!«, und der andere versteht. Ist die Einsicht des zweiten Mannes weniger wert, weil ihm geholfen wurde? Nein, ist sie nicht. Einsicht ist immer gleich wertvoll, egal, wie sie erlangt wurde.«

»Du hast Recht, Joseph. Dennoch möchte ich wissen, ob sie alleine zur Einsicht finden.«

»Worauf Ihr hinauswollt, ist Weisheit, Steffen. Wie wir schon so oft diskutiert haben: Es ist die Weisheit, die Ihr prüfen wollt. Wenn Informationen eigenständig kombiniert und zu Einsicht werden, ist dies Weisheit. Ohne ausreichende Informationen ist dies aber nicht möglich. Wenn wir die Menschen gerecht beurteilen wollen, müssen wir ihnen stets dieselbe Grundlage schaffen.«

Der bärtige Mann wandte seinen Blick vom See ab und lächelte. »Du wirst immer ein Humanist bleiben! Ich erwarte aber mehr von ihnen als das. Alles Wissen ist immer vorhanden, heute sogar zugänglicher als jemals zuvor. Man muss es sich erarbeiten und darf es sich nicht servieren lassen.«

»Es ist aber auch wesentlich mehr Wissen als jemals zuvor, und einiges versickert im immer undurchdringlicheren Nebel der Geschichte und dem sich darüber legenden Schleier aus Vergessen und Fehlinterpretationen. Ihr müsst gestehen, dass es immer schwieriger wird, alles zu wissen, und dass die Wahrheiten immer vielfältiger werden.«

»Es gibt nur eine Wahrheit.«

»Wahrheit liegt im Auge des Betrachters, Steffen.«

»Nein, die Wahrheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie allgemeingültig und singular ist.«

»Singular? Gab es zuerst das Huhn, oder gab es zuerst das Ei? Oder besser noch: Sagt mir, welches die wahrste Religion ist.«

Der alte Mann schüttelte lachend den Kopf. »Joseph, ich konnte deiner Dialektik noch nie etwas entgegenhalten. Auch wenn es bloße Taschenspielertricks sind.«

»Heiligt nicht der Zweck manches Mittel? Wenn Ihr mir zustimmt, dass es heute nicht leichter ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen als vor Hunderten von Jahren, dann habe ich dies gerne mit Taschenspielertricks erreicht.«

»Also gut. Nehmen wir an, es ist so: Dann sage mir, was wir deiner Meinung nach tun sollten.«

»Lasst sie uns noch eine Weile weiter unterstützen. Sie sind kurz davor, alle Karten in der Hand zu halten, und dann werden wir sehen, wie sie sie ausspielen. Natürlich können wir das nur wagen, wenn wir uns des Risikos bewusst sind. Im Zweifelsfall werden wir vehement eingreifen müssen, um unsere Interessen für die Zukunft zu wahren.«