Выбрать главу

»Ich habe noch nie davon gehört«, erklärte Peter. »Allerdings ist Montségur der Name einer Burgruine hier im Languedoc.«

»Hier in der Nähe?«

»Na ja, dürfte nicht so weit weg von hier sein, hundert, vielleicht hundertfünfzig Kilometer.«

»Wieso kennen Sie sich so gut in Südfrankreich aus?«

Peter winkte ab. »Das ist bloß geschichtliches Allgemeinwissen. Montségur spielte eine wichtige Rolle im Mittelalter. Es war die letzte große Festung der Katharer und wurde während der Albigenserkreuzzüge eingenommen.«

»Ihre Geschichtskenntnisse in allen Ehren, Professor«, sagte Patrick, »aber können Sie uns die Story so erzählen, dass auch dumme Ingenieure sie verstehen?«

»Tut mir leid... natürlich. Und wenn ich es recht betrachte, ist es sogar außerordentlich sinnvoll...« Er hielt einen Moment inne. »Ja genau... was für ein Hort neuer Perspektiven und Zusammenhänge! Möglicherweise sind wir hier gerade auf die Goldader gestoßen...«

»Nun machen Sie es nicht so spannend!«, rief Stefanie.

»Also gut.« Peter erhob sich und stellte sich vor den Tisch, als würde er in einem Lehrsaal auf dem Podium stehen. »Versetzen Sie sich in das zwölfte und dreizehnte Jahrhundert. Die Zeit der Kreuzzüge. Menschen versammeln sich und ziehen gegen die Mauren, die Sarazenen, gegen Jerusalem und das Morgenland. Die Kreuzzüge sind mehr oder minder erfolgreich, immer wieder wendet sich das Blatt, die Länder sind in Aufruhr. Nicht nur durch die Kriege, sondern auch durch Intrigen, sich ständig neu verteilende Machtverhältnisse, politische und religiöse Verwirrungen und die Menschen und Gruppierungen, die aus allem ihren Profit schlagen. So ist der Templerorden zu solchem Reichtum gelangt, dass er Könige beleiht, und zu solcher Macht, dass die Kirche ihn zunehmend fürchtet.

Das Gebiet des Languedoc war zu dieser Zeit eine sehr ungewöhnliche Region. Modern, weltoffen, wohlhabend und geprägt von Freidenkertum. Es war eine Art Mischung aus New York City und Woodstock, wenn man so will.«

»Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie in Woodstock dabei waren!« Patrick lachte.

»Wie bitte?«

»Ach nichts, kleiner Scherz. Reden Sie weiter.«

Peter fuhr fort: »Das Languedoc war sehr reich – Toulouse war damals die drittreichste Stadt Europas – und sehr fortschrittlich. Wirtschaftlich, technisch wie auch geisteswissenschaftlich. Es war eine Keimzelle und ein Nährboden für neues Gedankengut. Verschiedene Wanderprediger, Sekten oder Glaubensgemeinschaften fassten hier Fuß. Eine besonders einflussreiche Glaubensbewegung bildeten die Katharer. Sie hatten einige Einstellungen und Ansichten, die der katholischen Kirche stark gegen den Strich gingen, wie man so sagt. Sie erlangten aber immer mehr Einfluss. Man vermutet, dass sie auch von den Templern unterstützt wurden. Schließlich waren ganze Städte praktisch in der Hand der Katharer. Unter anderem Albi, weswegen sie auch gemeinhin Albigenser genannt wurden – wobei die Abgrenzungen der einzelnen Gruppierungen fließend waren.«

»Und der Albigenserkreuzzug?«

»Ihr Gedankengut und ihr Einfluss bedrohten die Integrität Frankreichs und der Kirche. Nun, zumindest in den Augen der Obrigkeit. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kirche den geeigneten Vorwand gefunden hatte. Papst Innozenz III. rief schließlich zum Kreuzzug gegen die Albigenser auf und wollte sie vollständig vernichtet haben. Das Abschlachten war grauenhaft, rigoros, geradezu manisch. Man sagte später, das größte Verdienst der Inquisition sei die Vernichtung der Katharer gewesen. 1209 wurde die gesamte Stadt Béziers dem Erdboden gleichgemacht, über zwanzigtausend Frauen, Männer und Kinder wurden wahllos ermordet, unter dem berüchtigt gewordenen Motto: ›Tötet sie alle – Gott wird die Seinen schon erkennen.‹« Er machte eine Pause und atmete tief durch, bevor er weitersprach. »Im ganzen Land wurden die Katharer verfolgt und umgebracht. Die Burg Montségur war eine ihrer letzten wichtigen Bastionen. Eine große Anzahl von Parfaits, den Anführern der Katharer, verschanzte sich dort, zusammen mit ihren Gemeinschaftsmitgliedern. Montségur war hoch auf einem einsamen Berg gelegen, schier uneinnehmbar. Die Burg wurde ein halbes Jahr lang belagert, bis die Katharer aufgaben. Die über zweihundert Männer, Frauen und Kinder ergaben sich und wurden allesamt am Fuß der Burg verbrannt. Das war 1244.«

Es trat ein Augenblick der Stille ein.

»Mitte des dreizehnten Jahrhunderts«, überlegte Patrick laut, »neues Gedankengut, neue wissenschaftliche, philosophische, religiöse Erkenntnisse und eine Höhle voller Schriftzeichen...«

»Ja«, sagte Peter, »man könnte sich durchaus vorstellen, dass die Katharer die Höhle geschaffen und hier etwas hinterlassen haben, es möglicherweise in Sicherheit bringen wollten ...«

»Ja«, fügte Stefanie hinzu, »und das war im Sommer des Jahres 1239.«

Peter und Patrick sahen sie erstaunt an.

»Ich habe die Berechnungsergebnisse aus dem Internet erhalten«, erklärte sie. »Am dritten Juni 1239 fand eine totale Sonnenfinsternis statt, die im Languedoc sichtbar war. Das ist möglicherweise das Datum, mit dem die Symbole auf dem Höhlenboden verschlüsselt sind.«

»Unfassbar!«, staunte Peter. »Sollte sich nun alles zusammenfügen?«

»03061239 ist das Datum?«, fragte Patrick. »Haben Sie es schon ausprobiert?«

»Nein, ich hatte die E-Mail gerade erst bekommen, als wir nach unten gingen.«

»Dann los! Lassen Sie uns den Rechner damit füttern!«

Sie schalteten den Computer an, starteten Programme und nahmen verschiedene Eingaben vor. Währenddessen saß Peter neben ihnen auf einem Stuhl und beobachtete gebannt, wie sich Zahlenreihen änderten, vervollständigten, verschwanden, wieder auftauchten, und wie sich langsam Buchstabenmuster entwickelten. Die Situation schien ihm eine fast vollkommene Metapher für ihre eigene Lage, ja für den menschlichen Geist überhaupt zu sein. Alle Informationen waren stets da. Sie mussten nur zusammengetragen werden. Und dann fehlte manchmal nur noch ein winziger Auslöser, ein Name, eine Zahl, und aus der Schwärze schälte sich allmählich ein Muster hervor: die Lösung, die Erkenntnis.

»Es ist Latein!«, rief Stefanie plötzlich aus.

Auf dem Bildschirm waren jetzt Buchstabenkombinationen zu sehen, die sich nach und nach ergänzten und ganze Wörter bildeten. Schließlich beendete das Computerprogramm seine Arbeit und hinterließ einen Text auf dem Bildschirm:

haecsuntscientiaearchiaquaepatentilli

squisuntcustodesmysteriorumhicestregi

ussanguisquemintelleguntilliquisuntsa

xidubitatoreshaecestvisquamundisuntcr

eatihocestpericulumquomundisuntdeleti

Sie starrten den Bildschirm sekundenlang schweigend an. Keiner schien es fassen zu können, dass sich aus den Symbolen und ihren Rechenspielchen tatsächlich eine sinnvoll scheinende Buchstabenkette herauskristallisiert hatte.

»Können Sie das übersetzen, Stefanie?«, fragte Peter schließlich.

»Ja. Es ist sehr merkwürdig. Es heißt:

Haec sunt scientiae archia

quae patent illis, qui sunt custodes mysteriorum

hic est regius sanguis,

quem intellegunt illi, qui sunt saxi dubitatores

haec est vis, qua mundi sunt creati

hoc est periculum, quo mundi sunt deleti.

Dies sind die Archive des Wissens,

denen zugänglich, die Bewahrer der Mysterien sind.

Dies ist das königliche Blut,

denen verständlich, die Zweifler des Felsens sind.

Dies ist die Kraft, durch die Welten erschaffen wurden.

Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden.«

»Archive des Wissens«, wiederholte Patrick, »das habe ich doch schon mal gehört... Höhle des Wissens, Lutherarchive...«