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Sehr geehrte Wissenschaftler,

Ihre Nachforschungen tragen erste Früchte. Sie haben das Zeichen von Montségur und die Archive des Wissens gefunden. Und noch mehr haben Sie gefunden. Einiges, das Sie nicht beachteten, und einiges, das Sie nicht suchten. Nun gilt es zu bewerten, zu trennen und zusammenzufügen. Alles Wissen ist immer vorhanden. Es muss zusammengetragen und richtig kombiniert werden. Derjenige ist wahnsinnig, der ein Geheimnis aufschreibt, ohne es vor den Unwissenden zu schützen. Und so braucht es als Schlüssel vielleicht den einen oder anderen Hinweis.

Beachten Sie den Heiligen Gral und den Kreis, den mein erster Brief beschrieb. Fügen Sie zusammen. Ihnen bleibt nicht viel Zeit.

In Vertrauen, St. G.‹«

»Höchst erstaunlich!«, sagte Peter nach einer Weile.

»Er weiß genau, was hier vor sich geht.« Patrick staunte.

»Warum ›er‹?!«, meinte Stefanie. »Es könnte genauso gut eine Frau geschrieben haben.«

»Ja, natürlich«, lenkte Patrick ein. »Aber finden Sie das nicht auch außerordentlich merkwürdig, dass diese Person so gut über unsere Recherchen Bescheid weiß?«

»Nun, nach dem, was Sie mir von Cannes erzählt haben, könnte es sich ja inzwischen durchaus herumgesprochen haben, dass wir das Zeichen gefunden haben.«

»Aber hier ist von den ›Archiven des Wissens‹ die Rede, eine Bezeichnung, die wir gerade erst entschlüsselt haben.«

»Das mag ja sein«, sagte Stefanie, »aber vielleicht wissen andere Menschen erheblich mehr über den ›Kreis von Montségur‹ als wir. Die brauchten möglicherweise nicht erst mittelalterliche Inschriften zu entschlüsseln, um zu wissen, dass das Symbol und die Archive zusammengehören.«

»Und ist Ihnen die Anrede aufgefallen? ›Wissenschaftler‹ werden wir genannt. Im ersten Brief stand da noch ›Herren‹. Als ob bekannt wäre, dass wir nun eine Frau im Team haben.«

»Also, ich glaube, Sie interpretieren zu viel in den Text hinein«, sagte Peter. »Wie sollte das jemand wissen?«

»Vielleicht genauso, wie jemand unsere Faxnummer kennen kann, was meinen Sie wohl?!«

»Ich weiß nicht...«, sagte Peter. »Was ich allerdings viel interessanter finde, ist der Schreibstil. Einfach und leicht verständlich, was man vom ersten Brief nicht gerade sagen konnte. Außerdem steht hier, wir sollen den ersten Brief beachten, dort sei ein Kreis beschrieben. Und das sei ein ›Hinweis‹, so wie ich das hier lese. Könnte es sein, dass im ersten Brief eine Nachricht versteckt war? Merkwürdig genug war er ja.«

»Hm... möglich«, gab Patrick zu. »Ich werde mir den Brief noch mal ansehen. Vielleicht fällt mir ja was auf. Und sonst...« Er las den Text erneut. »Der ›Heilige Gral‹ ... was ist wohl damit gemeint? Sind wir jetzt bei Alice im Wunderland?«

»Der Heilige Gral hat nichts mit Alice im Wunderland zu tun«, korrigierte Peter mit einem kritischen Blick.

»Das ist mir schon klar, Professor. Aber es hat mindestens genauso viel mit Geschichte zu tun.«

»Ich dachte, Sie nehmen das nicht immer so ernst«, konterte Peter. »Waren Sie nicht auch auf der Suche nach Eldorado?«

»Eldorado hat es gegeben! Aber der »Heilige Gral‹ ist etwas für Indiana Jones.«

»Wie Sie meinen...«

»Oder sind Sie da anderer Meinung? Haben Sie jetzt etwa auch wieder eine Geschichtsstunde parat?«

»Nun seien Sie doch nicht so biestig«, versuchte Stefanie zu beschwichtigen.

»Es ist schon gut«, sagte Peter. »Er hat völlig Recht. Sicherlich ist das der Stoff, aus dem Legenden sind... Andererseits gibt es eine ganze Menge sehr interessanter geschichtlicher oder zumindest pseudohistorischer Hinweise. Und wenn ich darüber nachdenke... In der Tat! Eine gewisse Verbindung gibt es da sogar, und nun sind wir darauf gestoßen und ausdrücklich aufgefordert worden, das zu untersuchen.«

»Wie meinen Sie das? Was für eine Verbindung?«

»Der ›Heilige Gral‹ ist Teil der Artus-Legende, wie Sie vielleicht wissen. Aber wussten Sie auch, dass sie französischen Ursprungs ist? Wolfram von Eschenbach beschrieb in seinem Parzival, dass der ›Heilige Gral‹ auf der abgeschiedenen Burg Munsalvaesche aufbewahrt wurde. Das ist nichts anderes als ein anderer Name für die Burg Montségur.«

»Peter! Sie sind doch immer wieder für eine Überraschung gut.«

»Danke sehr.«

Das Telefon klingelte. Peter sah die anderen einen Augenblick ratlos an. Diese zuckten jedoch nur mit den Schultern, und schließlich nahm er ab.

»Lavell.«

»Elaine de Rosney. Guten Morgen, Herr Professor.«

»Guten Morgen...«

»Ich rufe an, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie Ihre Arbeit unbehelligt fortführen können. Ich habe dafür gesorgt, dass Bürgermeister Fauvel Sie nicht des Hotels verweisen kann.«

»Oh, das ist großartig. Wie...«

»... wenn es weitere Schwierigkeiten geben sollte, setzen Sie sich bitte sofort mit mir in Verbindung.«

»Ja, natürlich, wir...«

»...ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg. Bis bald.«

Ein Klicken beendete das Gespräch.

»Eine redselige Dame«, konstatierte Peter.

»Elaine?«

»Ja, sie hat irgendetwas arrangiert, so dass uns Monsieur Fauvel hier nicht mehr hinauswerfen kann. Wir sollen uns melden, wenn es trotzdem wieder Probleme gibt.«

»Na denn...« Patrick zuckte die Achseln. »Wollen Sie sich jetzt ins Netz begeben? Ich werde mir derweil das erste komische Fax noch einmal vornehmen. Außerdem muss es einfach möglich sein, festzustellen, wer der Absender ist. Ich habe da noch eine Idee...«

Kapitel 14

9. Mai, Rue des Anges, Paris

Er hatte es nicht anders erwartet. Als sie mit der abgedunkelten Limousine vorfuhren, wartete dort bereits eine Gruppe Journalisten. Bevor er ausstieg, griff Jean-Baptiste Laroche in die Innentasche seines Jacketts, holte ein Lederetui hervor und klappte es auf. Darin lag, sorgfältig in der Mitte gefaltet, ein einzelner Zettel. Er enthielt nur wenige Zeilen Text. Auf der linken Seite stand:

Dagobertus in te

rex es

si exsurrexeris,

te sequentur

et magnum imperium delebis.

Es waren die Worte, die der Schäfer ihm im Wahn seiner Umnachtung prophezeit hatte. Die Übersetzung lautete:

Dagobert ist in dir,

Du bist ein König.

Wenn du dich erhebst,

Wird man dir folgen

Und du vernichtest ein großes Reich.

Zufrieden lächelte er in sich hinein. Dafür hatte es sich gelohnt, das Languedoc jahrelang auf der Suche nach merkwürdigen Vorfällen zu beobachten. Nur ein lokales Blatt hatte vom angeblichen Unfall des Schäfers berichtet, aber Laroche war dem nachgegangen, hatte ihn besucht und Recht behalten. Er verstand zwar nicht wie, aber der Schäfer schien Zugang zu höherem Wissen erlangt zu haben, und wie Frankreich schon Jeanne d'Arc gefolgt war, würde es auch dem neuen König folgen.

Als er schließlich aus dem Wagen schlüpfte und sich aufrichtete, empfing ihn zwar kein Blitzlichtgewitter, aber ein Schwall von Fragen prasselte auf ihn ein, wie Glückwünsche auf einen Profifußballer nach einem gewonnenen Länderspiel. Natürlich hatte er nicht vor, auch nur eine Einzige davon zu beantworten, aber er genoss die Aufmerksamkeit und tat sein Bestes, um das Interesse der Reporter an ihm aufrechtzuerhalten.

»Was ist der Grund für dieses Treffen?«

»Wollen Sie Koalitionsgespräche führen?«

»Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Präsident Michaut?«

Er blieb am Wagen stehen und schaute lächelnd in die Runde. Dann holte er tief Luft und vermittelte mit seiner Mimik den Eindruck, als wolle er sich jetzt ausführlich vor der Menge äußern. Er erreichte damit, dass die Fragen abebbten und ihn die Journalisten einen Augenblick erwartungsvoll anstarrten.