»Vielen Dank für Ihre Fragen, mein Pressesprecher ist gerne bereit, Ihnen Auskunft zu erteilen. Entschuldigen Sie mich.« Er zwängte sich durch die Menschen, die sein Sekretär bereits bemüht war, auseinander zu drängen. Ungehaltene Töne wurden jetzt in der Menge laut, aber Jean-Baptiste ignorierte sie und betrat das Foyer des Gebäudes, von dem die sensationshungrige Meute durch zwei Wachmänner fern gehalten wurde.
»Sind Sie sicher, dass Sie meine Hilfe nicht benötigen?«, fragte der Sekretär.
»Ja, vielen Dank. Ich denke nicht, dass das Gespräch länger als eine Stunde dauert. Aber wenn doch, können Sie ja hochkommen und mich auslösen.«
Sie gingen zum Empfang, und Jean-Baptiste Laroche wurde kurze Zeit später durch die Sicherheitsschleuse gelassen. Man begleitete ihn in den sechsten Stock und führte ihn bis in das Empfangszimmer des Präsidenten.
»Es dauert noch einen Augenblick«, sagte die Vorzimmerdame. »Bitte setzen Sie sich. Möchten Sie in der Zwischenzeit etwas trinken?«
Er sah sich um und ließ sich in der Ledergarnitur nieder. »Ja, gerne«, antwortete er. »Ein Glas Champagner.«
Die Dame sah ihn einen winzigen Moment mit großen Augen an, hatte ihre Fassung aber sofort wiedergefunden. Sie führte ein kurzes Telefonat und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit.
Er konnte nicht sagen, welcher Teufel ihn geritten hatte; eigentlich mochte er gar keinen Champagner, aber er hatte plötzlich das Bedürfnis gehabt, seinem Hochgefühl auf diese Weise Ausdruck zu verleihen. Er konnte noch nicht einmal genau sagen, warum er sich so gut fühlte. Er hatte keine Agenda für dieses Treffen bekommen, aber er ahnte schon, warum Michaut sich mit ihm treffen wollte. Er konnte nicht nachvollziehen, warum sich der Mann diese Blöße gab.
Eine junge Dame kam herein und brachte ein Glas Champagner auf einem Tablett. Laroche nahm es entgegen, nippte daran und ließ es dann stehen. Es gefiel ihm nicht, dass Michaut ihn warten ließ. Aber er konnte sich gut vorstellen, dass der Präsident gerade in der letzten Zeit alle Hände voll zu tun hatte. Sein Widersacher lächelte spitz. Dieser Gedanke erheiterte ihn nun wieder.
Schließlich öffnete sich eine Tür, und Präsident Michaut trat ein. Er ging auf Laroche zu und reichte ihm die Hand.
»Es freut mich, dass Sie kommen konnten, treten Sie doch bitte ein.« Er führte den Gegenkandidaten in das Büro, schloss die Tür und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.
»Ich hoffe, Sie sind von der Presse nicht allzu sehr belästigt worden«, sagte der Präsident mit einer Geste zum Fenster hin. »Wir haben uns bemüht, dieses Treffen nicht an die große Glocke zu hängen. Aber Sie wissen ja, wie es ist...«
»Es war kein Problem, Monsieur Michaut.« Er vermied absichtlich die förmliche Anrede. »Haben Sie denn irgendetwas verlauten lassen, das ich wissen sollte?«
»Wie den Grund dieses Treffens?«
»Zum Beispiel.«
»Nein. Haben Sie den Journalisten unten denn etwas gesagt?«
»Nein.«
»Gut.«
Ein Augenblick Stille trat ein. Laroche beobachtete die Gesichtszüge des Präsidenten. Er sah alt aus heute. Er war ein wichtiger Mann im Land, mit vielen Befugnissen. Doch in seinen Augen stand jetzt die Einsicht geschrieben, dass seine ganze Position letztlich auf der Macht der Beziehungen und Kontakte aufbaute. Und langsam löste sich dieser Boden unter seinen Füßen auf, die schützenden Wände rückten beiseite, helfende Hände wurden zurückgezogen. Michaut befand sich im freien Fall, und er wusste es. Aber er wusste nicht, warum. Und nun hatte er seinen Gegenspieler herbeizitiert. Wahrscheinlich rang er seit Tagen damit, einzuschätzen, ob sein Kontrahent, den er bisher nie ernst nehmen musste, zur letzten Hoffnung oder zum Erzfeind geworden war.
»Warum ich Sie heute hergebeten habe...«, begann der Präsident nun.
Er geht direkt drauflos, alle Achtung! Das hatte Laroche nicht erwartet.
»... ist eine ganz persönliche Frage. Es ist mir etwas unangenehm, um ehrlich zu sein, und ich muss mich darauf verlassen können, dass Sie dieses Gespräch vertraulich behandeln.«
»Sie erwähnten die Vertraulichkeit bereits bei Ihrer Einladung«, antwortete Laroche. »Andererseits befinden wir uns immerhin in Ihren Büroräumen. Wie diskret kann das Gespräch da schon sein?«
»Ich versichere Ihnen, dass dieser Raum nicht überwacht oder abgehört wird.«
»Gut...« Er zögerte. Worauf wollte Michaut hinaus?
»Kann ich also offen mit Ihnen sprechen?«
»Stellen Sie erst einmal Ihre Frage.«
»Sie haben Recht. Sie können immer noch entscheiden, ob Sie antworten möchten.« Präsident Michaut lehnte sich zurück, zog eine Schublade auf, brachte eine Zigarettenpackung hervor, holte eine Zigarette heraus und zündete sie sich an. Mit einer Geste bot er die Packung seinem Gegenüber an, doch dieser lehnte ab. Die scheinbare Selbstgefälligkeit, mit der der Präsident nun rauchte, missfiel dem jungen Politiker, aber vielleicht war es auch lediglich ein Zeichen seiner Nervosität.
»Wissen Sie«, sagte Michaut nun, »das Erstaunliche ist, dass man sich gegenseitig zwar als Politiker kennt. Aber obwohl wir beide auf so engem Gebiet arbeiten, dass wir schon fast zusammenarbeiten könnten, wissen wir voneinander tatsächlich nicht wesentlich mehr, als jeder andere aus dem Fernsehen, meinen Sie nicht auch? Gut, ich habe sicherlich ein paar mehr Akten über Sie als unsere Journalisten, und Sie werden auch Ihre internen Unterlagen über mich haben. Aber so ganz im Ernst: Ich kenne Sie nicht halb so gut, wie ich gerne würde.«
»Und Ihre Frage?«
»Ich frage mich – und das meine ich allen Ernstes –, welche Ziele Sie mit Ihrer Partei verfolgen. Verstehen Sie mich nicht falsch; ich meine nicht Ihre Kampagnen, das was über Sie bekannt ist und was Sie öffentlich vertreten. Sie beziehen eine Position und treten für das patriotische Selbstverständnis Frankreichs ein«, er machte eine vage Handbewegung. »Das ist alles ganz spannend, quasi als Kontrastprogramm. Und in Maßen sogar gut für meine Politik. Was mich aber interessiert, ist Ihr Hintergrund. Wie denken Sie wirklich, welches ist Ihr ureigenes Interesse hinter der Position, die Sie vertreten?«
Laroche zögerte. Michaut war schwer einzuschätzen, und er war nicht dumm. Das war einer der Gründe, warum er so erfolgreich war. Wollte er wirklich wissen, wonach er fragte?
»Was erwarten Sie von mir?«, sagte Jean-Baptiste. »Dass ich mich Ihnen entblöße?«
Der Präsident hob beschwichtigend die Hände. »Keineswegs. Aber sehen Sie: Ich weiß, wonach Sie streben, und ich beobachte Ihren zunehmenden Erfolg. Wie ich eingangs sagte, kenne ich Sie viel zu wenig, aber ich wage zu behaupten, dass Sie nicht lediglich eine politische Gesinnung vertreten. Ich habe das Gefühl, dass Sie etwas anderes antreibt, etwas, das über die bloßen Belange einer Partei hinausgeht. Und das würde ich gerne besser verstehen.«
»Was lässt Sie glauben, dass Sie es verstehen würden?«
»Dann habe ich Recht?«
»Ich habe Ihnen nicht zugestimmt. Ich habe Ihnen lediglich nicht widersprochen.«
»Nun kommen Sie schon, erzählen Sie mir, was in Ihnen steckt.«
»Bei allem Respekt, Monsieur Michaut, wenn Sie mich schon auffordern, so offen zu sein, dann darf ich sicherlich erfahren, was Sie mit diesem Verhör bezwecken! Versuchen Sie, meine Wege zu studieren? Folgen Sie dem Rat unserer Altvorderen, und wollen Sie Ihren Feind besser kennen lernen als Ihren Freund? Oder wollen Sie sich gar mit dem Gegner verbünden, den Sie nicht besiegen können?«
»Weshalb ständig so feindselig? Wir sind doch hier nicht auf dem Schlachtfeld.«
»Nein? Sind wir das nicht?«
»Ich bitte Sie, Monsieur Laroche!« Der Präsident lachte. »Wir mögen uns ja dort draußen wie Kampfhähne gegenüberstehen, aber menschlich können wir uns durchaus respektieren.«
»Und das wollen Sie ausgerechnet dadurch erreichen, dass ich Ihnen meine politische Motivation erläutere?«