»Nein, nicht Ihre politische, sondern Ihre menschliche. Sehen Sie mich an. Ich komme aus einem reichen Elternhaus. Ich bin lange Jahre im Ausland aufgewachsen und habe andere Länder und Kulturen kennen gelernt. Und ich habe ihnen nachgetrauert, wenn ich sie verlassen musste. Die Welt war für mich immer größer und spannender als Frankreich allein. Für mich war seit damals ein vereintes Europa eine fast heilige Vision. Die Grenzen zwischen Ländern und Kulturen verschwimmen zu lassen, zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen. Meine politische Arbeit beruht so zum Teil auf einigen ganz persönlichen Träumen und Wünschen. Auch wenn ein wirklich vereintes Europa in meiner Amtszeit nicht zu realisieren ist, weisen aber all die kleinen Dinge meiner Politik einen Weg in die Richtung meiner Interessen. Und in diesem Licht wird vielleicht vieles verständlich. Selbst wenn man meiner politischen Arbeit nicht zustimmt, kann man mich trotzdem als Mensch respektieren, der ein nachvollziehbares Ziel vor Augen hat und diesem auch konsequent und mehr oder minder erfolgreich nachgeht.«
Jean-Baptiste Laroche sagte nichts.
»Ihre Partei«, fuhr Michaut fort, »die PNF, sieht in dem Gedanken des vereinten Europa eine Bedrohung. Sie sind keineswegs rückschrittlich, aber Sie scheinen rückwärts gewandt. Wie kommt das?«
»Rückwärts gewandt ist gut ausgedrückt...« Laroche sah einen Augenblick zur Decke. »Es interessiert Sie also, was es ist, das mich antreibt...« Er stand plötzlich auf und stützte sich mit den Händen auf den Schreibtisch des Präsidenten. »Gut. Dann will ich Ihnen von meinem Frankreich erzählen. Und lassen Sie mich dabei rückwärts gewandt sein.« Er begann, im Büro umherzulaufen. »Sie, mein lieber Monsieur Michaut, möchten Europa verbünden, möchten von der Macht Europas profitieren, sich den Weltmächten und den Weltmärkten entgegenstellen können. ›Einigkeit macht stark‹ ist Ihr Motto. Aber Sie verkennen dabei, dass Sie den Nerv der Zeit mit Füßen treten. Weshalb gibt es denn immer wieder Spannungen im Balkan, in der ehemaligen Sowjetunion oder im Nahen Osten? Nicht, weil die Menschen Einigung wünschen, sondern im Gegenteil, weil sie Angst davor haben, ihre nationale Identität zu verlieren.«
Präsident Michaut lehnte sich zurück, faltete die Hände und legte sein Kinn darauf. Er schien andächtig zu lauschen, während Laroche durch den Raum schritt und gestikulierte.
»Schauen Sie sich unser Frankreich an: Arbeitslosigkeit, Ausländerprobleme, wir verpassen den technischen Anschluss. Auf dem Weltmarkt haben wir kaum mehr eine Bedeutung, und wenn wir gerade mal ›gegen‹ etwas sind, ignoriert man uns, politisch findet selbst die Schweiz mehr Beachtung.«
Der Präsident holte Luft und wollte etwas erwidern, doch Laroche hob die Hand. »Ich weiß, es ist überspitzt. Aber nun wenden Sie den Blick weiter zurück: Was haben die Nazis mit uns gemacht? Überrollt haben sie uns. Gut, dass es Amerikaner gab, die uns in der Normandie helfen konnten, nicht wahr? Und es war doch vorher auch nicht anders! Denken Sie an den Ersten Weltkrieg, oder den Hundertjährigen Krieg! Zehntausend Tote allein bei einer einzigen Schlacht bei Azincourt – und das bei einem Kampf ohne Massenvernichtungswaffen. Die Engländer haben damals die Blüte Frankreichs mächtig aufgerieben. Eine ganze Generation Adliger und Ritter wurde an einem Tag abgeschlachtet. Was ist aus dem stolzen, mächtigen Frankreich geworden? Was ist aus dem Reich Karls des Großen geworden? Was aus den Merowingern vor ihm? Was für eine Macht hatte das Reich der Franken damals – was für eine göttliche Macht. Wir waren nach dem Fall Roms das politische und geistige Zentrum des Abendlandes, viele hundert Jahre lang. Und nun kommen wir dazu, was mein Interesse ist. Sie haben Recht; es geht mir um mehr als eine politische Arbeit am nationalen Selbstverständnis Frankreichs. Ich möchte dieses Land nicht in einem Schmelztiegel der Nationen und Gesinnungen zu einem bedeutungslosen Brei verkochen lassen. Ich möchte Frankreich zu seinen Wurzeln zurückführen und ihm seinen gottgegebenen Platz wieder einräumen.«
Jean-Baptiste Laroche hatte sich in Rage geredet. Er machte den Eindruck eines Wanderpredigers. Er war dogmatisch, fundamentalistisch, ohne Frage, aber er war auch ein Charismatiker, und er überzeugte durch eine ganz besondere Begeisterung – eine Art von ehrlicher, inniger Begeisterung.
»Das ist es, was die Menschen in diesem Land spüren. Wir waren einmal das auserwählte Volk. Es geht hier nicht um Arbeitslosigkeit allein, es geht um eine vergangene Größe, um den Verlust der Gnade Gottes.«
»Verlust der Gnade Gottes? Ich wusste nicht, dass Sie ein so gläubiger Mensch sind, Monsieur Laroche.«
»Sie verkennen die Lage, Monsieur Michaut. Alleine schon die Tatsache, dass Millionen von Franzosen diesen Verlust spüren, macht die Frage irrelevant, ob ich selber gläubig bin oder nicht. Aber unabhängig davon: Ja, ich bin gläubig, und zwar viel intensiver und auf eine ganz andere Art, als Sie es sich vorstellen können.«
»Heißt das, dass Ihre Partei ein Vehikel für einen Feldzug des Glaubens ist?«
»Sie haben nach meinem ureigenen Interesse gefragt, und ich bezweifelte, dass Sie es verstehen würden. Nun sind wir so weit: Ja. Sie haben verdammt Recht. Es geht darum, Frankreich einen Messias zu bringen, wenn Sie es so nennen möchten, einen wahren Erben des königlichen Blutes, um dem Land die Gnade Gottes und sein Vorrecht auf die Herrschaft wiederzubringen.«
Der Präsident atmete langsam und tief ein. Das Gespräch hatte eine unerwartete Wendung genommen. Jean-Baptiste Laroche war zu intelligent; er konnte sich ihn einfach nicht als religiösen Fanatiker vorstellen, der auch noch von der Industrie unterstützt wurde. Zugegeben, die »Industrie« waren Verwandte, aber gerade deswegen konnten es nicht allein seine verklärten frommen Predigten über die Gnade Gottes sein, die seinen Erfolg ausmachten. Irgendetwas tiefer Liegendes unterstützte den Mann, etwas gab ihm Recht, machte ihn glaubwürdig.
»Und dieser Messias«, begann der Präsident zögerlich, »das sind Sie?«
»Ja.« Jean-Baptiste Laroche baute sich vor dem Schreibtisch auf. Seine Champagnerlaune war zurückgekehrt. »Ja, ich bin der Messias. Jene, die mich unterstützen, wissen es, und es gibt nichts, was Sie dagegen tun könnten. Und wenn Sie mich umbringen, dann schaffen Sie einen neuen Märtyrer, Ihr ganz persönliches Armageddon. Denn ich bin der Erbe des königlichen Blutes!«
9. Mai, Wald bei St.-Pierre-Du-Bois
Fernand Levasseur parkte seinen Wagen am Ende des Schotterweges, der von der alten Forsthütte im Vallée des Cerfs den Berg hinaufführte. Von hier aus war es ein Marsch von etwa einer halben Stunde, bis er vermutlich den hinteren Teil der Absperrung erreichen würde, die die Forscher um den Berggipfel errichtet hatten. Der Förster wusste nicht genau, wo sich der Zaun befinden würde und ob es dort überhaupt einen gab, aber er kannte das Gebiet auf der Rückseite des Berges sehr gut. Es gab dort nur eine steile Wand. Sie erübrigte wahrscheinlich das Aufstellen eines Zauns – und viele Möglichkeiten, wo man ihn entlangführen konnte, gab es sowieso nicht, dafür aber eine Gelegenheit, den Felshang auf andere Art zu bezwingen. Er hoffte darauf, dass er auf diese Weise in das abgesperrte Gebiet eindringen und dem Rätsel der Forscher auf die Spur kommen konnte.
Er hatte dunkelgrüne Forstkleidung angezogen, so dass er sich unauffällig im Wald bewegen konnte. Ein Gewehr hatte er ebenfalls geschultert, um notfalls den Eindruck eines einfältigen Jägers zu erwecken. Er konnte die Forscher und ihr Unternehmen schlecht einschätzen, hatte aber das Camp der Ranger und die Anzahl der dort beschäftigten Männer gesehen. Er vermutete, dass diese von den Forschern inzwischen gewarnt worden waren, dass er sich möglicherweise Einlass verschaffen würde. Es mochte gut sein, dass die Ranger die Absperrung nun strenger überwachten, daher wollte er keine Aufmerksamkeit erregen.