»Ich verstehe...« Patrick blies leicht entnervt eine Rauchwolke nach oben.
»Noch dazu sind Sie ja nicht gerade ein angesehener Forscher, wenn ich das mal so sagen darf. Wir haben Sie eingehend überprüft. Mit Ihren Methoden gehen Sie bestenfalls als ein Indiana Jones durch. Ein Dr. Jones für Arme, möchte ich hinzufügen, nach Ihrem Eklat mit der ESA. Bringen Sie mir etwas, das die Existenz der Stadt belegt, dann bin ich der Erste, der sich auf Ihre Seite stellt. Aber so...« Er machte eine entschuldigende Geste und stand auf. »Ich habe nun einen Termin. Eines muss ich Ihnen allerdings zugestehen: Sich mit mir in der Alfama zu treffen, das hat Stil, macht einen vertraut und rührselig. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Senhor Nevreux, vielleicht sehen wir uns wieder.«
Nachdem der Unternehmer gegangen war, hielt es Patrick nicht viel länger im Café aus. Es stimmte, Macieira-Borges war ein harter Verhandlungspartner. Unverschämt, aber leider im Recht. Patrick nahm sich vor, auf den Portugiesen zurückzukommen, wenn er tatsächlich einmal irgendetwas Handfesteres als seinen persönlichen Enthusiasmus vorzuweisen hatte.
Er bezahlte und machte sich auf den Weg durch die Gassen der Innenstadt zur nächsten Bushaltestelle. Er fuhr zur Wohnung, die er sich für ein paar Monate gemietet hatte, um hier in Portugal Sponsoren für eine Expedition in Südamerika zu finden. Wenn man sich schon keine Reise nach Brasilien leisten konnte, was lag da näher, als die portugiesischen oder brasilianischen Unternehmer in Lissabon zu treffen? Er wollte bewusst zunächst keine anderen Europäer oder Amerikaner ansprechen, da er hoffte, dass man Portugiesen und Brasilianer durch ihre Verbundenheit mit dem Land leichter für ein Projekt im Regenwald begeistern und gewinnen konnte. Ob das stimmte, war natürlich fraglich. Es gab einige amerikanische Konzerne, die investitionsfreudiger waren und die über eine ebenso gute technische wie soziale Infrastruktur in Brasilien verfügten. Doch der Gedanke an Mineralölkonzerne oder andere Multis aus den Staaten missfiel ihm aus Prinzip. Vielleicht war es auch Idealismus. Eine Pharmafirma war freilich nicht viel besser, aber immerhin war sie so gut wie einheimisch, und irgendwie hatte er sich mehr von Lusomédic versprochen.
Nachdem er den Briefkasten geleert hatte, ließ er sich in seiner Wohnung auf die Couch sinken. Von hier hatte er einen wunderbaren Blick auf ein Industrieviertel und ein halbes Dutzend Baukräne. Es war nicht die beste Gegend, und auch das Apartment war winzig und abgewohnt. Dass der alte Gasboiler im Badezimmer noch funktionierte, grenzte fast an ein Wunder und ließ Patrick jedes Mal wieder schaudern. Aber das Ding hatte so lange gehalten, weshalb sollte es in den paar Wochen in die Luft fliegen, die er hier verbrachte?
Es war erstaunlich, wie viel Post er täglich bekam. Immerhin wohnte er hier nur vorübergehend. Kaum einer kannte diese Adresse. Aber meistens waren es ohnehin nur Flyer, Prospekte oder andere Wurfsendungen. Ein Brief war diesmal allerdings dabei, der seine Aufmerksamkeit erregte. Er war offensichtlich per Express zugestellt worden; erstaunlich, dass er den Empfang nicht hatte bestätigen müssen. Auf dem Umschlag prangte das Symbol der Vereinten Nationen, ein Absender war allerdings nicht angegeben. Der Brief enthielt ein kurzes Anschreiben und Instruktionen, laut denen er sich persönlich ein Flugticket in einem Büro in der Stadt abholen sollte. Er würde sich beeilen müssen: Der Flug nach Genf ging noch an diesem Abend.
Kapitel 4
22. April, Hôtel du Lac, Genf
Peter Lavell hatte gerade seine zweite Tasse Tee geleert, als ein Ober an seinen Tisch trat und ihn darauf aufmerksam machte, dass soeben ein Fahrer eingetroffen sei und draußen auf ihn warte.
Der Professor sah auf seine Uhr und bewunderte das Timing der Organisatoren. Er hatte am Tag zuvor in großer Eile einen kleinen Koffer gepackt und war der mysteriösen aber anscheinend hochoffiziellen Einladung gefolgt. Am Flughafen in Genf hatte man ihn ausgerufen und ihm an der Information einen Umschlag überreicht. Wieder hatte er nur ein kurzes Anschreiben gefunden. Daneben aber auch eine Reservierung für ein Hotelzimmer in einem der besten Häuser der Stadt samt Magnetkarte, die Vorbestellung in einem Restaurant mit Blick auf den Genfer See sowie eine Theaterkarte. Alle Kosten würden übernommen, hieß es in der beigefügten Notiz, die auch die Bitte enthielt, um 8.30 Uhr abreisebereit im Hotel zu sein.
Peter ließ die Überreste des vorzüglichen Frühstücks zurück und begab sich nach draußen.
»Herr Professor Peter Lavell?« Ein vornehm gekleideter Mann mit weißen Handschuhen kam auf ihn zu.
»Oui, c'est moi.«
»Sie können Deutsch sprechen, Monsieur. Bitte folgen Sie mir, ich fahre Sie zum UN-Gebäude. Wenn Sie mir Ihren Koffer geben möchten?« Er führte den Professor zu einem schwarzen Mercedes mit verdunkelten Scheiben.
Genf war eine wunderbar grüne Stadt. Ihre Lage am See und umringt von den Bergen sorgte für eine ganz besondere Atmosphäre: gemütlich und nobel zugleich. Peter hatte am Abend auf den Theaterbesuch verzichtet, war zwei Stunden am Seeufer entlangspaziert und hatte die Schwäne und die Yachten bewundert. Man kam sich ein wenig eingeschlossen und abgeschieden vor, fast wie im Urlaub. Aber dann wiederum waren alle wichtigen Nationen und internationalen Organisationen von der UNESCO über die WHO bis zur UN hier vertreten, die Stadt war vielerorts geprägt von überaus gepflegten Rasenflächen und blauspiegelnden, verglasten Hochhäusern mit Fahnenmasten, Überwachungskameras und Sicherheitspersonal.
Die Fahrt dauerte nicht lange und endete vor einem eindrucksvollen Bürogebäude, ebenso modern und verspiegelt wie scheinbar alles, was hier in den letzten zehn oder zwanzig Jahren gebaut worden war. Der Fahrer stoppte den Wagen direkt vor dem Eingang, übergab Peter seinen Koffer und führte ihn durch die Drehtüren in den Turm. Das Auto wurde unterdessen von einem ähnlich gekleideten Mann weggefahren.
Sie betraten eine hohe, fast leere Halle, die in dunklem, poliertem Stein gehalten war. Der Fahrer wies sich am Empfang aus und erhielt einen Ausweis, den er dem Professor überreichte.
»Klemmen Sie sich den bitte an Ihre Brusttasche.« Er deutete auf einen Torbogen, neben dem zwei Sicherheitsbeamte standen. Es war offenbar eine Art Metalldetektor wie am Flughafen. »Gehen Sie dann bitte durch die Schleuse und nehmen Sie den Fahrstuhl vier. Er bringt Sie in den dreiundzwanzigsten Stock, wo man Sie erwartet. Einen schönen Tag noch, Herr Professor Lavell.«
»Ja, danke, Ihnen auch.« Mit skeptischem Seitenblick schritt Peter durch den Detektor und an den stämmigen Wachmännern vorbei. Die Tür des Fahrstuhls mit der Nummer vier war bereits geöffnet. Peter suchte die Knöpfe, aber der Aufzug schloss sich bereits und setzte sich so rasant in Bewegung, dass er die Beschleunigung unangenehm im Magen fühlte. Nur wenige Augenblicke später bremste der Fahrstuhl sanft ab, die Tür glitt auf, und eine junge Frau bat ihn, ihr zu folgen. Sie gingen durch einen mit einem weichen, dunkelblauen Teppich bedeckten breiten Flur, gesäumt von modernen Gemälden und einigen durch Halogenstrahler beleuchtete Sockel mit vielfältigen Kunstobjekten. Schließlich gelangten sie in eine Art Foyer, in dem sich eine Gruppe schwarzer Ledersessel und ein Tisch aus Glas und Chrom befanden.
»Bitte warten Sie hier einen Augenblick, möchten Sie etwas trinken, Monsieur?«
Er lehnte dankend ab und setzte sich. Das Ambiente wirkte höchst seriös und professionell. Dennoch fragte er sich seit Stunden immer wieder, worauf das alles hinauslaufen würde. Er hatte schon überlegt, ob seine Vorlesungsreihe oder sein Buch jemandem mit gewichtiger Befugnis, einer höheren Macht, sauer aufgestoßen sein konnte. Nicht, dass ihn das von seiner Meinung oder seiner Arbeit abgehalten hätte oder beunruhigen würde. Aber eigentlich war das Echo seit einem halben Jahr eher bescheiden, und sonderlich provokant waren die letzten Aufsätze auch nicht gewesen. Vielleicht wollte man ihn auch für Lesungen, Diskussionen oder Interviews buchen? Indes bezweifelte er, dass ein Papiertiger der Vereinten Nationen den Gehalt geschweige denn die Tragweite seiner Arbeit verstand oder zu schätzen wusste. In jedem Fall war er der Umgebung angemessen gekleidet. Er trug einen sehr schlichten, anthrazitfarbenen Anzug, den er sich in Italien hatte schneidern lassen, dazu ein Stehkragenhemd im selben Ton und schwarze Schuhe. Krawatten vertrug er nicht, er glaubte immer gleich ersticken zu müssen, und außerdem wirkten sie zu bürokratisch. Die Leute sollten ihm ins Gesicht sehen und nicht auf seinen Schlips.