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Der Thron war aus dunklem Holz gefertigt und mit aufwendigen Schnitzereien übersät. Der unbekannte Künstler hatte in sehr naturalistischer Weise die einzelnen Teile des Holzes in organisch anmutende Formen und animalische Gliedmaßen verwandelt. Die Stuhlbeine waren sehr dick, muskulös und behaart. Wie die Beine eines Raubtiers, eines Bären etwa, wirkten sie kraftvoll und bedrohlich. Sie endeten in Hufen, denen einer übergroßen Ziege nicht unähnlich. Auch die Armlehnen waren meisterhaft ausgearbeitet. Mit eindrucksvollen, geschnitzten Muskeln versehen, reckten sie sich nach vorn und endeten in krallenbewehrten Klauen. Am imposantesten jedoch war die hohe Rückenlehne. Sie erhob sich fast einen Meter über jeden, der auf der Sitzfläche Platz nahm. Der Künstler hatte ihr den Anschein einer nackten, bis in die kleinste Einzelheit detailgetreuen durchtrainierten Männerbrust gegeben. Durch das dunkle Holz und die scheinbar hervortretenden Adern auf den glänzenden Muskeln strahlte das Schnitzwerk eine unheimliche, unmenschliche Kraft aus, eine bedrohliche Anspannung. Erhöht wurde dieser Eindruck durch breite Schultern und einen kräftigen Hals. Die obere Hälfte der Lehne bildete einen gewaltigen Schädel, eine verzerrte Tiergestalt mit Schnauze und gebleckten Reißzähnen, die unheilvoll in den Saal starrte, gekrönt von einem Paar nach oben geschwungener Hörner.

Auf dem Schoß des monströsen Mischwesens, das der Thron darstellte, saß ein junger Mann in dunklem Anzug. Er hatte die Beine übereinander geschlagen, die Arme ruhten entspannt auf den Lehnen, sein Rücken war angelehnt. Sein Gesicht lag im Schatten unter dem nach vorn ragenden Kopf der Bestie.

Er betrachtete eine Weile die beiden Männer, die in der Mitte des großen Pentagramms standen und zu ihm aufsahen. Er schwieg, nahm ihre absolute Ergebenheit in sich auf. Sie würden nicht wagen, sich zu rühren oder einen Ton zu sagen, bevor er sie nicht ansprach. Sie waren vollkommene Diener Belials, hatten ihre Seelen schon vor Jahren dem Tier verpfändet. Sie hatten sich ihm unterworfen und waren dafür reich und mächtig geworden, zumindest für ihre bescheidenen Verhältnisse. Aber ihre Seele würden sie niemals zurückbekommen.

Er kannte sie beide. Ihre Berufe, ihre Familien, alles, was ihre weltlichen Existenzen ausmachte. Er beobachtete ihren ständigen Werdegang, kannte ihre Stärken, Schwächen und ihre Ängste. Er kannte sie; wie seine Kinder kannte er sie alle, aber er nannte sie nie bei ihren Namen. Weder bei ihren wahren noch bei irgendwelchen anderen Namen. Es war Teil ihrer Nichtigkeit vor Belial.

Nun wies er auf den linken der beiden Männer.

»Was kannst du berichten?«

»Professor Peter Lavell hat am Völkerkundemuseum in Hamburg keine Adresse hinterlassen. Er ist aber am neunundzwanzigsten April nach Béziers geflogen.«

»Gibt es seitdem ein Lebenszeichen von ihm oder einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort?«

»Nein, Meister.«

Der Mann im Anzug wies auf den anderen.

»Und welche Neuigkeiten bringst du?«

»Der Wagen, den die beiden Forscher in Cannes fuhren, hatte ein französisches Kennzeichen. Er war auf die Garde Nationale d'Environnement et de la Santé gemeldet. Und zwar auf die Region Languedoc-Roussillon.«

»Hast du dich bei der GNES über sie erkundigt?«

»Dort streitet man jede Kenntnis über die beiden ab, Meister.«

Der Mann auf dem dämonischen Thron führte eine Hand zum Kinn und stützte es auf. Dass die Forscher im Languedoc unterwegs waren, wunderte ihn nicht. Hier waren sie wohl auf den »Kreis von Montségur« gestoßen. Merkwürdig nur, was sie mit der Umweltbehörde zu schaffen hatten. Viel wahrscheinlicher war, dass es in die Irre führen sollte. Aber dabei musste es schon um eine Arbeit von ziemlicher Wichtigkeit gehen, und es deutete auf entsprechend einflussreiche Hintermänner hin.

»Hast du einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort gefunden?«

»Nicht direkt, allerdings gibt es im Languedoc zurzeit Aktivitäten der GNES, die man aber ebenfalls abstreitet. Möglicherweise hängt beides zusammen.«

»Was für Aktivitäten?«

»Es scheint eine Tollwutepidemie gegeben zu haben. Die GNES hat ein ganzes Areal zur Untersuchung abgesperrt.«

»Wo liegt dieses Areal?«

»Bei St.-Pierre-Du-Bois, Meister.«

Er schwieg einen Augenblick. Er hatte genug gehört. »Ihr könnt beide gehen«, wies er die Männer an, die sich nach einem tiefen Nicken umdrehten und entfernten.

Eine Weile blieb er still im Halbdunkel sitzen und lächelte in sich hinein. Was für ein Fest! Professor Peter Lavell hier im Languedoc, zum Greifen nahe, und bei ihm die Untersuchungsergebnisse über den »Kreis von Montségur«!

Es wurde Zeit, dass die Hand von Belial ihre Fänge ausstreckte.

9, Mai, Büro des Bürgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois

Didier Fauvel kochte vor Wut. Manche Leute behaupteten, es fehle nie viel, um ihn zur Weißglut zu bringen. Aber das stimmte nicht. Im Grunde war er ein sehr geduldiger Mensch. Er versuchte immer, es allen recht zu machen und auf alle Rücksicht zu nehmen. Und dann war es auch sein verdammtes Recht, dass man auf ihn Rücksicht nahm! Er stellte nun wirklich keine großen Ansprüche an die Intelligenz oder Opferbereitschaft seiner Mitmenschen, aber die Leute hatten ihn zu respektieren. Bei allem, was er für sie tat, war das nicht zu viel verlangt. Aber manchmal hatte er das Gefühl, nur von Idioten umgeben zu sein!

Heute war ein solcher Tag.

Luc hatte sein Hotel verkauft. Das Hôtel de la Grange. Einfach verkauft!

Mal abgesehen davon, dass sich Luc keinen beschisseneren Zeitpunkt dafür hätte aussuchen können, hatte er ihn gefälligst vorher von seinen Plänen zu informieren. Er war schließlich hier der Bürgermeister!

Wie hatte er Luc unterstützt, ihm Genehmigungen besorgt und ihm mit seinen Verbindungen geholfen, am Flughafen in Béziers Werbung zu machen, einen Eintrag im Michelin zu bekommen, ganz zu schweigen von den Subventionen. Gemeinsam hatten sie den Tourismus angekurbelt und nach St.-Pierre-Du-Bois geholt. Und nun hatte Luc nichts Besseres im Sinn, als sich an eine Schlampe aus Genf zu verkaufen.

Didier Fauvel schenkte sich einen Cognac ein und stürzte ihn hinunter.

Verdammt, was hatte sie ihm geboten? Hundert Millionen Euro? Ein Kasino in Monaco? Einen Sitz im Europarat?

Er schenkte sich nach und trat ans Fenster. Als er dabei mit der Hüfte an seinem Sessel hängen blieb und sein Glas fast überschwappte, versetzte er dem Möbel einen wütenden Tritt. Doch er bereute es sofort. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine Zehen, und mit pochendem Fuß blieb er vor dem Fenster stehen.

Merde!

Er sah kopfschüttelnd in die Abenddämmerung hinaus. Er hatte keine Idee, wie er die Forscher jetzt einigermaßen elegant loswerden konnte. Sie richteten sich nun erst recht in ihrem neuen Privathotel häuslich ein. Es würde ihn nicht wundern, wenn nach und nach alle übrigen Gäste hinauskomplimentiert und in den nächsten Wochen ganze Horden von Wissenschaftlern auf Geheiß der GNES hier ihre Zelte aufschlagen würden!

Er fragte sich, wie oft es wohl vorkam, dass die Vereinten Nationen in Genf ein Hotel kauften, um eine Tollwut-Untersuchung in Südfrankreich zu unterstützen...

Er fragte sich auch, wie oft wichtige Industrielle in Paris ein Interesse daran hatten, dass ebendiese Untersuchungen eingestellt wurden...