Offensichtlich ging es hier um wesentlich mehr als um ein paar tote Füchse, auch wenn sein Förster mit dieser Lesart keine Probleme zu haben schien. Aber mit Levasseur hatte er sich nie gut verstanden. Fachlich mochte der Mann seine Qualitäten haben, aber er hatte keine Ahnung von Politik und von Wirtschaft. Nicht mal von Tourismus wollte er etwas wissen, im Gegenteil, er wollte ein Naturschutzgebiet errichten, wegen ein paar dämlicher Viecher und irgendwelcher seltenen Sumpfgräser oder was immer es gewesen war.
Nein, hier ging es um mehr, das roch förmlich nach einer großen Sache. Vielleicht hatte man eine Leiche gefunden, und nun war Europol im Spiel? Vielleicht einen alten geheimen Bunker mit den sterblichen Resten irgendwelcher prominenten Kriegsverbrecher? Ein Spionagefall, der nun aufgeklärt werden sollte, oder so etwas? Vielleicht hatte es auch mit Giftmüll zu tun, einem illegalen radioaktiven Endlager?
In jedem Fall musste es so Aufsehen erregend sein, dass man in Paris deswegen sehr nervös wurde.
Didier Fauvel ließ sich die Situation wieder und wieder durch den Kopf gehen. Er war nicht dumm, sonst hätte er diesen Posten nie bekommen, wäre nie dort, wo er heute angekommen war. Er wägte die Lage ab und seine Optionen. Im Grunde musste er Luc sogar dankbar sein. Erst durch den Verkauf des Hotels waren die Fronten und das Spiel offensichtlich geworden. Nun musste sich erweisen, wie gut er damit zurechtkam.
Er wusste, dass er aus Paris beobachtet wurde. Er hatte eine Schuld zu begleichen, und er würde es tun. Für Paris und für sein eigenes Seelenheil.
Er wandte sich seinem Sessel zu, setzte sich, griff zum Telefon und wählte die Nummer eines Handys.
»Hier ist Didier, hallo... ja, ich bin es... Ja, wir haben lange nicht mehr gesprochen, Paul... hör zu, ich brauche deine Hilfe... Nein, ich kann es dir am Telefon nicht sagen, ist eine größere Sache. Wir müssen uns treffen, am liebsten heute Abend noch... Nun gut, dann morgen. Um fünf. Bei dir, einverstanden. Bis dann.«
Kapitel 15
10. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois
Peter war bereits um sechs aufgestanden, um sein Frühstück im Salon Vert allein einnehmen zu können. Er brauchte Zeit zum Nachdenken, was ihm in der Gegenwart von Patrick nicht immer möglich war. Der junge Ingenieur war selbstbewusst und sehr begabt. Aber er urteilte vorschnell und hart. Außerdem empfand er dessen Naivität im Umgang mit der Geschichte und seine Respektlosigkeit jeder Art von Religiosität gegenüber zeitweise als äußerst nervtötend.
Peter war es gewohnt, zu beobachten, Informationen zu sammeln, und sie – so irrelevant sie auch zu sein schienen – wie kleine glänzende Perlen in einer großen Schachtel mit Kostbarkeiten aufzubewahren. Dann und wann wagte er einen neuen Blick hinein, nahm bei Bedarf Teile heraus, untersuchte sie, wendete sie und legte sie wieder zurück. Manchmal schüttelte er die Schachtel einfach, und mit etwas Glück ordneten sich die Stücke zu sinnvollen Mustern, offenbarten ihre Zusammenhänge. Er verbrachte viel Zeit damit, Dinge testweise zu kombinieren und die Ergebnisse zu untersuchen. Aber dafür brauchte er Ruhe und niemand, der ihm dauernd dazwischenredete und Fragen über die Sinnhaftigkeit stellte.
Die Sprachwissenschaftlerin Stefanie hatte sich in den letzten Tagen gut eingelebt. Sie hatte ihre fachliche Kompetenz mehr als bestätigt, sich sogar als unentbehrliche Hilfe erwiesen. Sie war zurückhaltend, und trotzdem hatte auch sie eine enervierende Wirkung auf Peter, die er noch nicht richtig einordnen konnte.
Vielleicht lag es daran, dass sie jung war und gut aussah. Es war keinesfalls immer einfach, diesen Aspekt im professionellen Umgang mit ihr auszublenden, was Patrick wiederum offenbar gar nicht erst versuchte. Für andere Leute wäre das möglicherweise Zündstoff für Rivalitäten im Team gewesen, aber aus dem Alter war Peter hinaus. Er respektierte Stefanie fachlich. Und ihre Schönheit genoss er wie ein Kunstliebhaber einen echten Renoir genießen würde. Niemals käme er auf den Gedanken, sie mit seiner privaten Zuneigung allzu offensichtlich zu behelligen.
Aber da war noch etwas an ihr, das über Schönheit im klassischen Sinne hinausging, und das war es auch, was ihm Unbehagen bereitete. Er konnte es schlecht an einem bestimmten Wesenszug festmachen, es war vielmehr eine Summe aus Einzelheiten. Manchmal hatte er das Gefühl, als wisse sie viel mehr, als sie preisgab. Dann fühlte er sich regelrecht beobachtet, als ob er lediglich ihr Schüler wäre. Sie behauptete sich in ihrer Arbeit und in ihrem Umgang mit den beiden Männern so professionell, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Auch schien sie sich ihrer Wirkung auf sie beide durchaus bewusst zu sein, aber ihr Verhalten war einfach souverän. Das war das richtige Wort. Und das war es auch, was ihre Schönheit über einen offensichtlichen weiblichen Liebreiz hinaus erhöhte. Ihre Augen strahlten eine seltsame Reife aus, als habe sie in ihrem Leben bereits so viel Glück und Elend, Schrecken und Wunder gesehen, dass sie zwangsläufig über den Dingen stand. Es waren immer nur winzige Augenblicke, aber dann fühlte er sich in ihrer Gegenwart kleiner. Und dann hatte er stets das unbestimmte Gefühl, dass sie dies zugelassen hatte.
Aus diesem Grund war er an diesem Morgen so früh aufgestanden. Er wollte mit sich und seinen Gedanken alleine sein, mit ihnen spielen, sie drehen, wenden und wenn möglich ordnen.
Er war der erste Gast im Salon Vert. Zwar bot man bereits ab halb sieben Frühstück an, aber es war offensichtlich, dass kaum jemand damit rechnete, dass die Urlauber vor halb acht herunterkamen. Die Tische wurden gerade erst gedeckt, und als Peter seine Bestellung aufgab, bat man ihn um einen Augenblick Geduld, da die Croissants noch im Ofen seien. So saß er eine Weile nur mit einem Kännchen Tee da und sah in den Garten hinaus.
Der letzte Tag war sehr aufschlussreich gewesen. Jeder der drei hatte viel recherchiert, und er hatte das Gefühl, dass sie gut vorangekommen waren. Sie hatten vereinbart, dass sie sich nicht gegenseitig unterbrechen, sondern sich vollständig auf die Arbeit konzentrieren würden. Abends waren sie in den Ort gefahren, um im Chez Lapin einzukehren. Es war ein gemütlicher Ausklang geworden, sie hatten kein Wort über ihre Arbeit verloren, sondern dies auf den nächsten Tag verschoben. Stattdessen hatte Patrick von seiner Expedition in Rom erzählt und wie es ihm gelungen war, illegal in die Katakomben einzudringen, um den Beweis seiner Theorie zu erbringen, dass sich direkt unter der Via del Corso eine frühchristliche Kapelle befand.
Überall unter Rom erforschte man die Katakomben. Alle bekannten Zugänge waren gut gesichert. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen der Behörden dort einzudringen, war üblicherweise nur mit ein paar guten Kontakten und finanziellen Zuwendungen zu schaffen. In den letzten Jahren hatte die Korruption in Italien die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aber immer mehr auf sich gezogen, so dass es zunehmend schwieriger wurde, an die richtigen Leute heranzukommen. Patrick hatte kein Risiko eingehen wollen und sich daher in Handarbeit Zugang verschafft, wie er sich ausgedrückt hatte. Er hatte die Pläne der Katakomben lange studiert und sich schließlich eines Nachts unerkannt durch den Boden der Krypta der Kirche Santa Trinita dei Monti in die unterirdischen Gänge gegraben. Von dort hatte er sich mit zwei Helfern und einer umfangreichen Ausrüstung aufgemacht bis zu einem erst kürzlich entdeckten Fresko. Jeder Quadratzentimeter davon war in den letzten Jahren bereits abfotografiert und im Computer vollständig rekonstruiert worden. Aber es fehlte das Geld, um die Wandmalerei an Ort und Stelle zu restaurieren. Nun, da sie nach fast zweitausend Jahren ihrer schützenden Lehmschicht beraubt war, würde sie sich in den nächsten paar Jahren ohnehin auflösen, daher hatte er keine Skrupel, als er die Wand einriss. Dahinter lag wie erwartet ein Gang, der ihn zu der Kapelle führte, auf deren Spur er monatelang gewesen war. Es war ein wirklich Aufsehen erregender Fund, und die Bibelfragmente aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, die er dort fand, machten die Sensation komplett. Natürlich war der Frevel an der Krypta und dem Fresko tagelang das Gesprächsthema Nummer eins in den römischen Tageszeitungen. Es gab eine Menge Ärger in der Folge, und nur seine guten Kontakte zu verschiedenen Interessenten in der Industrie konnten Patrick aus dem Gröbsten heraushalten und ermöglichten es ihm, unbeschadet aus der Sache herauszukommen.