Peter wurde aus seinen Gedanken an die Erzählung des Franzosen gerissen, als ihm serviert wurde. Die Croissants waren so frisch, dass sie noch dampften, und er orderte ein weiteres Kännchen Tee.
Wie erstaunlich es sich manchmal fügt, überlegte er. Dass zwei Menschen, die so unterschiedlich waren wie er und Patrick, nun zusammenarbeiten und sich ergänzen mussten. Der Franzose schenkte den altertümlichen Legenden und Hinweisen prinzipiell Glauben, verfolgte sie und nahm schließlich eine Schaufel in die Hand, um an Ort und Stelle nachzusehen. Er selbst, Peter, versuchte stets, die zunächst wahre Geschichte hinter den Legenden zu durchleuchten. Er glaubte erst einmal überhaupt nichts, sondern forschte und kombinierte so lange, bis er alles seiner Geheimnisse beraubt hatte und es nichts mehr gab, nach dem sich zu graben gelohnt hätte.
So hatte er lange Zeit den Aberglauben und die verschiedenen okkulten Strömungen der westlichen Welt untersucht. Was mit ein paar wenigen Einstiegspunkten begonnen hatte, hatte sich schnell als ein wild gewuchertes Wurzelgeflecht entpuppt, in dem alles miteinander verbunden und voneinander durchdrungen war. Unzählige Religionen, Sekten, Glaubensgemeinschaften, Traditionen und Überlieferungen, alles baute aufeinander auf oder ging im Laufe der Jahrhunderte ineinander über. Mit wissenschaftlicher Distanz hatte er sich der Themen angenommen, hatte sie analysiert und alles zueinander in einen Zusammenhang gestellt. Aber die Gespräche, die er geführt und die Informationen, die er erhalten hatte, waren nicht selten sehr leidenschaftlich und bisweilen äußerst dogmatisch und unfreundlicher Natur gewesen, und je weiter er vorgedrungen war, umso mehr kam es ihm vor, als habe er die Büchse der Pandora geöffnet. Mit seinem Buch hatte er versucht, dem Treiben dieser Dämonen ein Ende zu setzen, das Thema abzuschließen. Aber er merkte in den letzten Tagen mehr denn je, dass er sich viel zu tief hineinbegeben hatte, als dass man ihn vergessen und er davon loskommen könnte. Die Worte des Satanisten Ash kamen ihm in den Sinn, als dieser Nietzsche zitiert hatte: »Wenn Sie lange genug in den Abgrund blicken, dann blickt der Abgrund zurück in Sie!«
Nun war er hier im Languedoc, einem ehemaligen Zentrum der Macht. Hatte er sich wirklich nichts dabei gedacht, als sie zum ersten Mal die Schriftzeichen in der Höhle gesehen hatten? Hatte er wirklich die Rose nicht erkannt, hatte er wirklich die Herkunft des lateinischen Spruchs vergessen, der, wie er sehr wohl wusste, auch den Titel der Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz ziert?
Er hatte es einfach nicht sehen wollen. Aber nun waren sie wieder alle um ihn versammelt. Die Freimaurer, die Rosenkreuzer, die Satanisten. Und es wurde klar: Die Ketzer des Mittelalters und die Templer hatten ihn ebenfalls wieder eingeholt. Er hatte gedacht, es sei nur ein Auftrag der UN, aber wie es jedem geschah, der sich in die Vergangenheit des mystischen Mittelalters stürzte, war er nun tatsächlich auf der Suche nach dem Heiligen Gral, und die Legenden und Mythen der Vergangenheit erhoben sich um ihn herum und drohten, wahr zu werden.
Sosehr es ihn erregte, dass sie nun neue Verbindungen entdeckten und möglicherweise einem der großen Geheimnisse der Welt auf der Spur waren, sosehr beunruhigte es ihn, dass sie so unmittelbar darin verwickelt waren. Denn der Gral war niemals einfach zu erlangen. Als Sinnbild für die Erkenntnis war der Gral zwar nur denen zugänglich, die reinen Herzens sind. Aber er war auch schon immer das hehre Ziel aller, die nach Macht dürsteten. Es war daher zu erwarten, dass der Gral nicht ohne Kampf erreicht werden konnte, und Peter, der noch eben in seinem Elfenbeinturm das Feld überblickt hatte, fand sich nun unmittelbar an der Front wieder. Und das behagte ihm überhaupt nicht.
Sie trafen sich um neun in ihrer Bürosuite. Peter war schon da, als Patrick und Stefanie eintraten. Er hatte den Arm freundschaftlich um ihre Hüfte gelegt, und Peter argwöhnte, dass sich die beiden gestern Abend vielleicht noch ein Stück näher gekommen waren.
»Guten Morgen, Peter«, grüßte der Franzose. »Wir haben Sie vermisst. Wollten Sie nicht frühstücken?«
»Ich war sehr früh wach und habe schon gegessen.«
»Wie schade«, sagte Stefanie, »die Croissants waren sogar noch warm.«
Peter lächelte freundlich, sagte aber nichts.
»Ich bin wirklich gespannt, was jetzt herauskommt«, sagte Patrick und setzte sich wieder auf seinen Platz auf die Fensterbank, um zu rauchen. »Lassen Sie uns mal auspacken, was wir gestern herausgefunden haben!«
»Ja«, sagte Stefanie, »ich fange einfach mal an.« Sie setzte sich auf einen Stuhl am Konferenztisch, nachdem sie einige Papiere herübergeholt und ausgebreitet hatte.
»Ich habe noch mehr Inschriften übersetzt. Erinnern Sie sich, wie ich die Vermutung äußerte, dass es sich hier um zwei verschiedene Arten von Texten handelte? Also, diese Vermutung scheint richtig gewesen zu sein. Die meisten der Texte habe ich nun durch, und sie fügen sich alle in dasselbe Muster. Die Urtexte, also diejenigen, die ursprünglich und mit viel Sorgfalt an die Wände der Höhle angebracht worden waren, sind allesamt entweder Schöpfungsmythen, oder sie setzen sich mit dem Thema der Schöpfung auseinander. So erzählen die Mayaglyphen Geschichten, die wir aus dem Popul Vuh kennen. Und wie ich vermutete, schildern die Keilschriftzeichen tatsächlich die Geschichte des Gilgamesch.« Während sie sprach, deutete sie auf die verschiedenen Abschriften auf den Papieren vor sich. »Ganz interessant dabei ist eine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist. Ich weiß aber nicht, ob sie irgendeine Bedeutung hat. Peter, Ihnen sind die Ähnlichkeiten in den Schöpfungsmythen vieler verschiedener Kulturen sicher bekannt, oder?«
»Ja, natürlich.«
»Wie würden Sie sie zusammenfassen?«
»Nun, ein Überwesen, das die Welt schafft, die Gestirne und die Lebewesen. Menschen, die sich auflehnen, eine Läuterung, eine Sintflut oder eine ähnliche Katastrophe. Es gibt sehr viele ständig wiederkehrende Symbole.«
»Ja, aber nicht bei allen Kulturen. Es gibt auch Ausnahmen.«
»Sicher.«
»Nun, in der Höhle gibt es keine Ausnahmen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Es sind ausschließlich solche Mythen vertreten, die von einer Sintflut und einem Neuaufbau berichten. Das ist eine Gemeinsamkeit, die vorher noch nicht klar war.«
»Meinen Sie, das könnte eine Bedeutung haben?«, fragte Patrick.
»Möglich«, sagte Peter. »Wir hatten ja überlegt, ob die Texte durch ihre Gemeinsamkeit nicht vielleicht auf etwas Besonderes hinweisen wollen. Beim Thema Sintflut muss ich spontan an zwei Dinge denken: zum einen an Renée Colladon, die uns eine Menge über die mythologischen Ursprünge der Freimaurer erzählt hatte. Sie wies darauf hin, dass die Weisheiten der Freimaurer nach der Sintflut auf zwei Säulen gefunden und über Noah und die semitischen Stämme verbreitet wurden.«
»Sie wollten doch von dieser Arche-Noah-Geschichte nichts wissen«, sagte Patrick.
»Richtig. Aber vergessen habe ich sie deswegen nicht. Wer weiß, vielleicht kommen wir ja doch noch mal darauf zurück. Aber der zweite Punkt ist möglicherweise viel wichtiger. Ich muss nämlich an den verschlüsselten Text denken, den wir bei dem Symbol gefunden haben:
Dies ist die Kraft, durch die Welten erschaffen wurden.
Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden!
Vielleicht ist das auch eine Beschreibung einer Sintflut. Vielleicht ist dies der Zusammenhang zwischen dem Symbol, dem Durchgang und den Texten an den Wänden?«