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»Sie meinen, hinter dem Durchgang befindet sich die Macht, die die Sintflut ausgelöst hat?« Patrick kam an den Tisch. »Also, das müsste ja schon etwas Gewaltiges sein. Etwas, das andererseits – richtig eingesetzt – die Macht hat, zu erschaffen? Klingt wie eine Technologie, die als Fluch oder als Segen eingesetzt werden kann. Eine Waffe möglicherweise...«

»Oder Wissen«, warf Peter ein.

»Wie bitte?«

»Peter hat Recht«, sagte nun Stefanie. »Wir haben die Höhle doch schon als Höhle des Wissens betrachtet. Und denken Sie an die anderen Texte, die Graffititexte. Sie weisen in irgendeiner Form immer auf die Unwichtigkeit des Menschen hin. Sie sprechen von der Nichtigkeit unseres Wissens, von den wirklich großen Rätseln des Lebens.«

»Der Durchgang könnte somit etwas wie den Baum der Erkenntnis verkörpern«, sagte Peter.

»Baum der Erkenntnis?« Patrick lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Die Geschichte aus der Bibel? Adam und Eva und so?«

»Richtig.«

»Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich nicht sonderlich bibelfest bin, Herr Professor, aber können Sie mir die Story noch mal kurz zusammenfassen?«

»Gott hatte Adam und Eva verboten, die Früchte eines bestimmten Baums zu essen. Der Baum der Erkenntnis. Eine Schlange erschien Eva und erklärte ihr, dass der Genuss der Früchte sie gottgleich machen würde.«

»Also haben sie beide vom Apfel abgebissen und wurden aus dem Paradies rausgeschmissen.«

»Nicht Apfel«, korrigierte Peter.

»Wie?«

»Es war kein Apfel. In der Bibel steht kein Wort von einem Apfel, sondern nur von einer Frucht.«

Patrick grinste breit. »Na, dann war's vielleicht eine Banane, und sie haben auch gar nicht davon gegessen, sondern damit...«

»Patrick!«, entfuhr es Stefanie.

Der Franzose lachte. »Ist ja schon gut, Entschuldigung!«

»Jedenfalls«, fuhr jetzt Peter unbeirrt fort, »ist ›Erkenntnis‹ dabei in zweierlei Hinsicht zu verstehen. Zum einen suggeriert ihnen die Schlange als Verkörperung der teuflischen Verführung, dass sie die Erkenntnis in Form der Weisheit Gottes erlangen würden. Andererseits gelangen die beiden danach tatsächlich zu einer Erkenntnis, wenn auch in einer ganz anderen Form. Sie stellen nämlich fest, dass sie nackt sind, und bemühen sich um Bekleidung. Diese Erkenntnis der Nacktheit, dieses Schamgefühl, wird als Verlust des Selbstwertgefühls, als Erkennen der eigenen Verletzlichkeit und Nichtigkeit gedeutet. Eine merkwürdige Parallele zu den Graffititexten in der Höhle, die ja denselben Tenor haben.«

Patrick, der noch immer leicht schmunzelte, bemühte sich nun, einen ernsteren Ton zu finden. »Also gut, Peter, es hat mir zwar Spaß gemacht, und ich möchte die Bibelgeschichte natürlich nicht lächerlich machen. Andererseits verstehe ich nicht, wie sehr Sie sich auf einmal für Schöpfungsmythen interessieren und andererseits kritisieren, dass ich Eldorado suchen möchte. Ich wage zu behaupten, dass meine Expedition ein deutlich besseres geschichtliches Fundament hat.«

»Nun machen Sie es doch nicht an der Geschichte fest!«, sagte Peter. »Denken Sie an die übertragene Bedeutung. Der Baum der Erkenntnis auf der einen Seite, die Höhle des Wissens auf der andern. Stellen Sie sich ein Wissen vor, das das Ihre um ein Mehrfaches übersteigt, das Ihre geistigen und intellektuellen Fähigkeiten schlicht überfordert. Würden Sie einem solchen Wissen ausgesetzt werden, was könnte passieren? Aus psychologischer Sicht?«

Patrick betrachtete ihn aufmerksam.

»Ich sage es Ihnen«, fuhr Peter mit gedämpfter Stimme fort. »Wenn Sie es überhaupt verkraften könnten, würden Sie sich plötzlich unglaublich unbedeutend vorkommen. Vielleicht würden Sie auch verzweifeln, davonlaufen, oder Sie würden schlichtweg auf der Stelle wahnsinnig werden.«

Patrick lächelte plötzlich nicht mehr und schwieg.

»Ich stelle mir vor, dass im Laufe der Jahrhunderte durchaus einige Menschen die Höhle gefunden und den Durchgang passiert haben. Dort sind sie in irgendeiner Form in Berührung mit gewaltigem Wissen gekommen. Viele ertrugen es sicherlich einfach nicht, genauso wie der arme Schäfer. Nun, immerhin hat er Latein gelernt. Aber was für ein schwacher Trost! Jetzt dämmert er stumpfsinnig seinem Tod entgegen. Andere waren vielleicht etwas glücklicher. Ihnen verblieb noch so viel Verstand, dass sie beim Verlassen der Höhle die wunderbaren Urtexte mit kritischen oder höhnischen Kommentaren versehen haben, entsprechend ihres geistigen Zustands mit mehr oder weniger Sorgfalt, aber nicht mit weniger Intelligenz.«

Patrick hatte den Blick an die Decke gerichtet und sagte noch immer nichts. Etwas beschäftigte ihn.

»In der Folklore ist der Teufel als Herr der Lügen bekannt«, sagte Peter. »Aber wissen Sie, was man in okkulten Kreisen über den Teufel denkt? Dass er niemals lügt. Und wenn die biblische Schlange der Teufel war, dann hat er vielleicht wirklich die Wahrheit gesagt: Die verbotene Frucht verlieh Adam und Eva die göttliche Erkenntnis. Sie enthielt möglicherweise tatsächlich das gesamte Wissen des Schöpfers. Doch der Geist der Menschen war einfach nicht reif dafür, und so wurden sie von der Erkenntnis wie von einem Dampfhammer getroffen und aus der Bahn geworfen.«

»Bilder«, sagte Patrick auf einmal und sah mit großen Augen in die Runde. »Unendlich viele Bilder waren da.«

»Wovon sprechen Sie?«, fragte Stefanie.

»Ich erinnere mich jetzt. Es war eine Flut von Bildern. Wie ein Feuerwerk im Schnelldurchlauf, regelrechte Blitze, wahnsinnig grell und völlig bunt.«

»Sie meinen, als Sie den Kopf in den Durchgang gesteckt haben?«, fragte Peter.

»Ja, Es ging so unglaublich schnell, und ich konnte mich nicht bewegen. Es war so viel, dass ich das Gefühl hatte, ich hätte mich aufgelöst und befände mich in hunderttausend Spielfilmen zugleich. Landschaften und Personen tauchten auf, die ich noch nie gesehen habe, Gebäude, Schriften, Dokumente – so unglaublich viel und in einer affenartigen Geschwindigkeit! Gleichzeitig habe ich alle Geräusche gehört, die zu den Bildern gehörten: Gerede, Schreie, Töne, Musik, alles genauso schnell, verzerrt und total laut. Es war, als ob das alles irgendwie komprimiert war, verstehen Sie? Es waren alle Informationen darin, aber so sehr gestaucht, dass sie sich in meinem Kopf erst hinterher einzeln auseinander gefaltet haben. Ich weiß, das klingt bescheuert, aber ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll. Vielleicht habe ich auch deswegen danach so lange geschlafen, keine Ahnung. Jedenfalls war es heftig! Ich hatte das völlig vergessen, erst jetzt, als Sie davon erzählt haben, ist mir das Ganze nach und nach wieder eingefallen!« Patrick stand auf, fingerte mit zitternden Fingern eine Zigarette aus seiner Packung und ging zum Fenster. »Scheiße, Mann, das war echt knapp. Wenn Sie mich nicht zurückgezogen hätten... ein paar Augenblicke länger nur... wahrscheinlich wäre mir der Schädel geplatzt oder so etwas... verdammt...«

Peter und Stefanie hatten den Franzosen während seiner Schilderung nur stumm angesehen.

»Die Höhle der Erkenntnis«, murmelte Peter. »Der Heilige Gral... Nun, gut«, sagte er dann laut. »Dann interessiert es Sie vielleicht zu erfahren, was ich über Montségur und die Templer herausgefunden habe.«

Patrick nickte nur schwach.

»Zunächst einmal muss ich meine Meinung über das Internet revidieren.« Peter deutete auf den Rechner. »Stefanie hat mir gestern gezeigt, wie man E-Mails schreibt und wie man recherchiert. Herausgekommen ist, dass ich sehr schnell eine große Menge Informationen gesammelt habe. Da ich vieles davon bereits von anderer Stelle kannte und beurteilen konnte, war es wie in einem großen Nachschlagewerk. Also: Da gibt es zum einen die Templer, deren Orden ein ganz besonderes Geheimnis umgibt. Unzählige Bücher spekulieren über seine geheimen okkulten oder politischen Ziele, andere nähern sich dem Orden historisch und versuchen, ihn neutral darzustellen. Und es gibt einige historische Daten, die gesichert sind. Es war die Zeit des ersten Kreuzzuges Anfang des zwölften Jahrhunderts. Soldaten, Söldner und Ritter aus allen Ländern Europas sammelten sich und zogen nach Osten. Ihr Ziel war Jerusalem, das sie von den Sarazenen befreien und wieder unter die Herrschaft des Christentums bringen wollten. Etwa 1119 tauchte eine Vereinigung auf, die wir später die Tempelritter oder Templer nennen. Es gab sie schon einige Jahre zuvor unter dem Namen ›Militia Christi‹. Es war eine Gruppe Männer, die sich die Sicherung der Straßen und der Zisternen im Heiligen Land zur Aufgabe gemacht hatte. Sie wurde von einem angesehenen Ritter aus Troyes, Hugues de Payens, angeführt. 1119 wurde den Männern von Balduin II., dem christlichen König des frisch eroberten Jerusalems, ein Flügel seines Palastes als Wohnsitz zugestanden. Da dieser an die Ruinen des ehemaligen Tempels Salomons grenzte, nannten sie sich fortan öffentlich die ›Arme Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel‹. Sie verschrieben sich dem Schutz der Bedürftigen und der Armut. Wirklich arm ist der Orden natürlich nie gewesen. Die Templer haben im Laufe der Geschichte immer mehr Schenkungen an Geld und Grundbesitz bekommen, aber sie durften immerhin nicht persönlich darüber verfügen. Der Orden erlangte durch seine Disziplin und Schlagkraft sehr schnell Berühmtheit. Schon zehn Jahre später besaßen die Templer ausgedehnte Ländereien in ganz Europa, und ständig wurden es mehr. Hugues de Payens zog wie auf einer Werbetour durch Europa und wurde überall mit allen Ehren empfangen. Das Beste, was dem Orden passieren konnte, geschah dann 1139: eine Verfügung des Papstes Innozenz II. Sie besagte, dass die Templer keiner kirchlichen oder weltlichen Macht mehr Gehorsam zollen mussten, außer dem Papst persönlich. Dadurch wurden sie fast vollkommen unabhängig und mussten auch keinerlei politisches Einmischen fürchten. Sie wurden nahezu allmächtig. In den folgenden Jahren zog der Orden immer mehr Mitglieder an sich. Durch seine straffe Organisation, die Anzahl der in Waffen stehenden Männer und das unglaubliche Vermögen, wurde er de facto zu einer politischen Macht. Die Templer verhandelten zwischen verfeindeten Königreichen und sogar zwischen den Christen und Sarazenen. Es gab die Templer also wirklich.«