Peter machte eine Pause und griff nach einer Mineralwasserflasche und einem Glas, um sich etwas einzuschenken.
»Das meiste davon kann man schnell nachlesen«, fuhr er schließlich fort. »Was für uns aber besonders interessant sein dürfte, ist das Geheimnis, das die Templer umgibt. Wir wissen, dass der Orden immer mächtiger und damit der Kirche und den Königen unbequem wurde. Knapp zweihundert Jahre nach seiner Gründung, am dreizehnten Oktober 1307, ordnete König Philipp IV. von Frankreich die zeitgleiche Verhaftung aller Templer in Frankreich und die Beschlagnahmung ihrer Güter an.«
»Dann war die Kristallnacht der Nazis auch keine neue Idee«, warf Patrick ein.
»Also, man kann die Dimension sicherlich keinesfalls vergleichen, aber es war noch nie da gewesen. Philipp hatte sich bei den Templern hoch verschuldet, und er hatte sich die Genehmigung für seine Aktion vom Papst eingeholt, der ihm einen Gefallen schuldig war. Es war eine für damalige Zeiten logistisch eindrucksvolle Leistung. Die meisten Templer wurden überrascht und ergaben sich widerstandslos. Sie wurden der Ketzerei angeklagt, gefoltert und viele schließlich verbrannt. In Frankreich wurden sie schnell ausgerottet und der Orden offiziell verboten und aufgelöst. In anderen Ländern wurde das Verbot nur zögerlich oder gar nicht durchgesetzt. In Portugal und Spanien nannte er sich einfach in ›Christusorden‹ um und überlebte so. Das hat uns ja auch Samuel zu Weimar erzählt, erinnern Sie sich? Heinrich der Seefahrer und Kolumbus waren Ritter des Christusordens und trugen das rote Tatzenkreuz sogar bis nach Amerika.
Heute vermutet man, dass die Verhaftungsaktion nicht ganz so überraschend kam, wie man zunächst annahm. Man glaubt, dass der letzte Großmeister der Templer, Jacques de Molay, kurz zuvor noch wichtige Dokumente vernichtete und möglicherweise auch den sagenhaften Schatz der Templer verschwinden ließ, denn der wurde nie gefunden. Man nimmt an, dass er seinen Ordenshäusern eine Warnung und Instruktionen für die bevorstehende Verhaftung zukommen ließ. Was die Wissenschaftler bis heute beschäftigt, ist zum einen die Frage, wie es sein konnte, dass sich dieser einflussreiche und mächtige Orden einfach so ans Messer lieferte, ohne jede ernst zu nehmende Gegenwehr. Und zum anderen: Wie konnte es sein, dass man sie ausgerechnet der Ketzerei anklagen und verurteilen konnte, wo sie zwei Jahrhunderte lang als Sinnbild des christlichen Rittertums der strahlende Stern des Abendlandes gewesen waren? Man sagte ihnen plötzlich nach, sie würden das Kreuz bespucken, die heiligen Sakramente ablehnen, unheilige Praktiken vornehmen, sie seien homosexuell, würden mit Tieren verkehren, und sie würden Baphomet anbeten, einen Dämon, verkörpert durch einen abgetrennten Kopf.«
Patrick sah erstaunt herüber. Das Thema interessierte ihn, besonders, nachdem er vom Schatz der Templer gehört hatte.
»Die Templer hatten durch den intensiven Kontakt mit dem Islam und den anderen Kulturen des Morgenlandes sowie durch ihre Offenheit viel Wissen aufgesogen, das die Kirche niemals gebilligt hätte. Sie beschäftigten sich mit Heilkunde, neuen Wissenschaften und waren empfänglich für esoterische und religiöse Strömungen. Von daher kann es durchaus sein, dass die Templer einige ganz offen bibelfremde Ansichten übernahmen, die später auch von den Katharern vertreten wurden. Die Templer und die Katharer haben ja auch zusammengearbeitet, wozu ich später noch komme. Aber trotzdem ist es doch interessant, was für eine große Menge an okkulten Vorwürfen dem Orden gemacht wurde. Man muss sich fragen, ob man wirklich alles mit Irrtümern oder mit falschen Geständnissen aus der Folter der Inquisition abtun kann. Möglicherweise gab es tatsächlich etwas Besonderes an diesem Orden. Die Rätsel lauten: Was für Dokumente hat der Großmeister vernichtet? Warum gab es keine Gegenwehr? Und wo ist der Schatz abgeblieben? Die heutige Ansicht ist, dass der Erfolg und das besondere Ansehen der Templer nicht von irgendwo herkamen. Man vermutet, dass irgendetwas Ungenanntes sie auszeichnete. Ein Grund, sie zu bewundern, ihnen zu gehorchen, ihrer Sache Recht zu geben und ihnen zu vertrauen. Einer weit verbreiteten Vermutung zufolge wurden die Tempelritter als die Erben und Hüter des Heiligen Grals angesehen.« Er fing Patricks Blicke auf, der angefangen hatte zu grinsen. »Sehen Sie mich nicht so an. Es geht noch weiter. Ignorieren wir einmal den Heiligen Gral und denken wir meinetwegen an etwas anderes Heiliges, eine kostbare Reliquie, etwas, das als eine Rechtfertigung und Unterstützung von Gott höchstpersönlich ausgelegt werden könnte. Irgendetwas. Wären die Templer tatsächlich im Besitz einer solchen Reliquie gewesen, dann ließen sich ihr schneller Erfolg und ihr großes Ansehen leichter erklären. Die Menschen wären ihnen als Stellvertreter Gottes, als Streiter für das Gute, als Schwertarm des Messias gefolgt. Waren sie also möglicherweise tatsächlich im Besitz des Heiligen Grals? War das der Schatz der Templer? Vielleicht war der Schatz der Templer kein materieller Schatz, sondern eine Reliquie, ein Erbe, irgendetwas Heiliges? Im Mittelalter war das Sammeln von Reliquien sehr weit verbreitet: Erde aus dem Felsgrab, ein Fingerknochen des heiligen Bernhard, ein Splitter von Jesu Kreuz. Aber etwas so Banales hätte es wohl kaum sein können. Es hätte ein wahrer Schatz sein müssen. Jacques de Molay vernichtete vielleicht die letzten Hinweise auf die Natur dieses Schatzes. Die Templer fühlten sich möglicherweise so sehr im Recht, dass sie der Verhaftung völlig naiv entgegensahen, in der Meinung, sie seien unantastbar. Vielleicht gaben sie sich auch einfach fatalistisch und blind im Glauben an die gute Sache ihrem Schicksal hin, in der Hoffnung auf einen Tod als Märtyrer.«