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»Vielleicht überschätzen Sie die Templer. Sie setzen ihren Einfluss und ihre Macht mit den Individuen gleich. Möglich ist, dass in der erfolgreichen, sehr strengen militärischen Hierarchie des Ordens gerade auch seine Verletzbarkeit lag. Anweisungen konnten zwar äußerst effizient weitergegeben werden und wurden auch bedingungslos ausgeführt – also beispielsweise die Anweisung an alle Orden in Frankreich, diese oder jene Unterlagen zu vernichten oder sich bei der bevorstehenden Inquisition so oder so zu verhalten. Aber die einzelnen Brüder waren niemals in alle Details der Führungskräfte eingeweiht, so dass sie möglicherweise wie Lämmer zur Schlachtbank gingen. Während die Führungskräfte – allen voran Jacques de Molay – ihre eigenen Pläne verfolgten und Maßnahmen ergriffen, waren die einzelnen Ordensbrüder vielleicht der Überzeugung, sie seien letzten Endes unantastbar, alles geschähe im Einverständnis mit ihrem Großmeister. Ihrem Großmeister, der in Wirklichkeit längst plante, sich selbst und seinen Orden zu opfern.«

»Schön und gut«, wandte Patrick ein. »Aber warum? Warum opferte er sich und seinen Orden? Das ist doch die entscheidende Frage. Warum rief er seine Leute nicht mit denselben Anweisungen zu den Waffen? Oder forderte sie zur Flucht auf?« Er fixierte Peter eindringlich, doch dieser hob nur seine Augenbrauen und zuckte mit den Schultern. »Sie haben keine Idee? Wir reden hier so ganz nebenbei von so großen Rätseln wie vom Heiligen Gral. Da werden wir doch wohl darauf kommen, was sich der gute Jacques de Molay gedacht hat, oder?«

»Tja...«, hob Peter an.

»Ich meine, er war doch bestimmt nicht dumm oder gewissenlos. Trotzdem verantwortete er schließlich den Tod von Tausenden seiner Ordensbrüder. Oder war er vielleicht doch ein religiöser Fanatiker?«

»Nein, das war er nicht«, erklärte Peter, »zumindest nicht nach meinen Kenntnissen. Es ist ihm auch sicherlich nicht leicht gefallen, sich und seinen Orden zu opfern. Er muss einen gewichtigen Grund gehabt haben. Ich kann mir nur vorstellen, dass er etwas schützen wollte. Er musste sichergehen, dass alle Unterlagen verschwinden und auch alles Wissen darüber, sprich alle Menschen im Orden, die etwas wissen konnten.«

»Sich die Kammerjäger in Form der Inquisition ins eigene Haus zu holen, war aber ziemlich radikal!«

»Ja, aber auch das Gründlichste, was es damals gab. Niemand arbeitete so gewissenhaft und nachhaltig. Natürlich haben trotzdem einige überlebt, nicht zuletzt auf der Iberischen Halbinsel, aber durch die Prozesse sind die Templer sehr erfolgreich diskreditiert worden. Das Wissen eines einzelnen überlebenden Templers war danach nichts mehr wert und damit ungefährlich.«

»Hm... dann sind wir wieder am Anfang. Die Templer bewahrten den Heiligen Gral, eine intellektuelle Hinterlassenschaft«, fasste Patrick zusammen. »Wir vermuten, dass es sich dabei um die Höhle des Wissens handelt, die wir gefunden haben. Um das Geheimnis zu schützen, hat Jacques de Molay, als die Lage brenzliger wurde, vorsorglich alle Beweise vernichtet und seinen Orden bei der Gelegenheit von der Inquisition gründlich schleifen lassen...« Er trat ans Fenster und sah einen Augenblick hinaus. »Fast ein wenig zu einfach, oder? Warum sind nicht schon andere auf diese Idee gekommen? Warum wird der verschollene Schatz der Templer nicht schon längst gesucht?«

»Aber das wird er! Und zwar seit Jahrhunderten.«

»Ähnlich wie Eldorado...«, überlegte Patrick halblaut. Und nach einer Pause: »Wissen Sie, was mir außerdem Kopfzerbrechen bereitet?«

»Nun?«

»Es sind nicht die alten Inschriften, oder die Tatsache, dass wir vielleicht den Heiligen Gral als Bibliothek identifiziert haben, sondern es ist der Durchgang in der Höhle. Wie haben die Templer das gemacht? Was für eine fortschrittliche Art von Wissen kann das nur sein, die es erlaubt, einen solchen Durchgang zu konstruieren? Das ist ja schon fast von militärischer Bedeutung – zumindest in unserer heutigen Zeit. Ich habe Ihnen doch von den Tarnkappenflugzeugen und der Stealth-Technologie erzählt. Das ist atemberaubend! Falls die Templer derartiges wissenschaftliches Know-how hatten, warum haben sie damit nicht die Weltherrschaft an sich gerissen?«

»Sie meinen also, es handelt sich um wissenschaftliches Know how?«, fragte Peter.

»Na, was denn sonst? Nach was sieht es denn aus?«

»Nun«, begann Peter, »im Mittelalter — und es ist immerhin aus dem Mittelalter...« Er zögerte. Es fiel ihm offensichtlich schwer, es auszusprechen. »Nun, also im Mittelalter hätte man es mit Sicherheit als Magie bezeichnet...«

»Reden Sie doch keinen Unsinn!«

Peter hob beschwichtigend die Hände, nickte und antwortete dann langsam: »Bedenken Sie, dass den Templern tatsächlich magische, okkulte Praktiken vorgeworfen wurden. Und vielleicht erklärt das auch das besondere Interesse dieses Satanisten Ash am ›Kreis von Montségur‹...«

»Jede ausreichend fortgeschrittene Technik ist nicht unterscheidbar von Magie«, sagte Stefanie.

Patrick hob den Kopf und sah sie erstaunt an. »Sie lesen Science-Fiction?«

»Science-Fiction?«, fragte sie.

»Na ja, das war doch gerade von Arthur C. Clarke, wenn ich mich nicht irre.«

Stefanie lächelte. »Möglicherweise hat er das auch einmal gesagt, ja.«

»Wenn Sie ehrlich sind«, sagte nun Peter mit fester Stimme, »dann ist die Möglichkeit, dass es so etwas wie Magie tatsächlich gibt, mindestens ebenso unwahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass sich die Templer mit strahlungsresorbierenden Schutzschilden ausgekannt haben!«

Patrick lachte. »Aber dann müssen Sie auch zugeben, dass die Möglichkeit, dass wir den Heiligen Gral gefunden haben, ebenso unwahrscheinlich ist wie die Möglichkeit, dass ich Eldorado finden werde.«

»Nun hören Sie doch mal mit Ihrem Goldland auf.«

»Meinetwegen. Aber dann fangen Sie mir nicht noch einmal mit Magie an!«

»Aufhören, Sie beide!«, rief Stefanie. Dann wandte sie sich an Peter. »Allerdings, gerade von Ihnen hätte ich das Stichwort ›Magie‹ am wenigsten vermutet. Wie kommen Sie darauf?«

»Halten Sie mich ruhig für verschroben«, sagte Peter, »aber wenn ich nach einer Lösung suche, weigere ich mich einfach, eine Möglichkeit nur deswegen außer Acht zu lassen, weil sie ungewöhnlich anmutet oder nicht bewiesen werden kann. Und glauben Sie mir: Ich habe lange genug die Irrwege des Aberglaubens und des Okkultismus studiert, um zu wissen, wie viele Doktrinen auf bloßer Willkür beruhen. Wie viele Wunder auf Einbildung und wie viele heilige Traditionen auf Missverständnissen. Und dennoch bleibt bei all dem ein gewisser Anteil von Unerklärlichem... Nehmen Sie die Templer.

Es wurde ihnen nachgesagt, sie würden ein Idol verehren, das den Namen Baphomet trägt. Dargestellt würde Baphomet durch den Kopf eines Bärtigen. Angeblich hatte der Kopf die Kraft, Reichtümer zu verschaffen und Bäume zum Blühen zu bringen. Dasselbe sagte man vom Heiligen Gral. Der moderne Okkultismus hat aus Baphomet einen bocksköpfigen Teufel gemacht, mit satanischen Attributen, die mit dem Baphomet aus den Inquisitionsprotokollen nichts zu tun haben. Schon haben Sie Ihre falsche Magie. Aber was war mit dem ursprünglichen Baphomet? Wer oder was war er? Einige Menschen halten den Namen Baphomet für eine Ableitung des Namens Mohammed, dem Propheten und Begründer des Islams. Andere meinen, er könnte mit dem arabischen ›abufihamet‹ zusammenhängen, das man mit ›Vater der Weisheit‹ übersetzen kann. Einige sehen in dem Kopf den Schädel Johannes' des Täufers. Wieder andere behaupten, er sähe aus wie der Kopf auf dem Turiner Grabtuch, das sich übrigens auch eine Weile im Besitz der Templer befunden haben soll. Die Geschichten um die Templer sind so unglaublich voll von Mysterien! Und gerade die Art und Weise, wie dieser Ash in Cannes auf den ›Kreis von Montségur‹ reagiert hat, lässt mich darüber nachdenken, was diese Sekte wohl hinter dem Geheimnis der Templer vermutet. Irgendetwas, das mächtiger ist als sie selbst. Vielleicht tatsächlich eine uralte Magie.«