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»Sie wollen also sagen, in beiden Texten steht dasselbe?«, fragte Patrick.

»Ich denke schon«, antwortete Peter. »Eine Frau kann die Höhle betreten. Und ich würde vermuten: jede Frau.«

Es trat ein Moment der Stille ein. Sie sahen einander an, bis die Blicke der Männer nach einer Weile auf Stefanie haften blieben. Daraufhin begann sie langsam zu lächeln.

»Fragen Sie mich«, sagte sie und nickte aufmunternd.

»Sie meinen...«, begann Peter zögerlich. »Sie würden...? Wirklich? Es wäre natürlich großartig, aber sind Sie sich der Gefahr bewusst? Sie sollten eigentlich nicht... wir könnten das nicht verantworten... Nein, Sie dürfen auch gar nicht! Sie wissen überhaupt nicht, was Sie erwartet. Es wäre geradezu selbstmörderisch. Nein. Nein, auf gar keinen Fall!«

Stefanie sah zu Patrick hinüber.

»Gehen Sie in die Höhle?«, fragte er sie.

»Natürlich. Heute noch!«

Kapitel 16

10. Mai, Büro des französischen Präsidenten, Paris

Emmanuel Michaut saß an seinem Schreibtisch, die Ellenbogen aufgestützt, den Kopf in den Händen vergraben. Er war körperlich und seelisch ausgelaugt, sein Schädel pochte dumpf, sein Nacken war verspannt. Er hatte die ganze letzte Nacht nicht geschlafen. Er würde nie wieder schlafen können. Seit dem Besuch von Jean-Baptiste Laroche war nichts mehr wie früher. Es war eine neue Welt. Als hätte man plötzlich einen gigantischen Asteroiden entdeckt, der sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit näherte, den nichts aufhalten konnte, und der die Erde in exakt dreiundsiebzig Stunden vernichten würde. Alle Gewohnheit, alle Zukunft, alles Leben stand an einer unsichtbaren Schwelle, hinter der es dem Abgrund entgegenstürzen würde.

Michaut hatte immer an die Kraft des Einzelnen geglaubt, war überzeugt gewesen, dass alles erreichbar sei. Und das war es auch. Nichts auf der Welt geschah ohne Grund, und wenn man ein Ziel erreichen wollte, konnte man sich nicht darauf verlassen, dass es sich so fügen würde. Man musste selbst der Grund sein.

Er glaubte an eine Kraft im Menschen, die es jedem ermöglichte, sich über die eigenen Beschränkungen und die anderen Menschen zu erheben, wenn man diese Kraft nur erkannte und zu nutzen lernte. Ein fast religiöser Ansatz, aber er war sich sicher, dass das nichts mit Göttlichkeit oder Religion zu tun hatte. Sicherlich, Religion hatte ihre Daseinsberechtigung. Sie gab jenen Menschen Halt, die mit ihren Ängsten und Zweifeln nicht alleine zurechtkamen. Die Religion versprach einen Sinn im Leben. Sie erklärte das Unerklärliche, sie half, scheinbar willkürliche Unbill des Schicksals zu ertragen, die Leere des eigenen Lebens zu füllen, die scheinbare Bedeutungslosigkeit des Einzelnen vor dem kosmischen Gefüge erträglich zu machen. Der Placeboeffekt von Religiosität war ihm offenkundig und absolut akzeptabel. Die meisten Menschen ertrugen die Vorstellung nicht, dass nach dem Tode alles vorbei sein könnte, dass es keinen anderen Sinn im Leben geben könnte, als den, den sie selbst ihm gaben. Diese Menschen brauchten einen Halt. Das war annehmbar. Die wenigsten erfolgreichen religiösen Menschen begriffen jedoch, dass ihnen durch ihren Glauben keineswegs eine göttliche Macht zur Seite stand, sondern lediglich ein Selbstvertrauen. Die Macht, alles zu erreichen, war rein menschlich.

Nach diesen Grundsätzen hatte er gelebt und jede Chance erkannt und genutzt.

Natürlich hatte es Rückschläge gegeben, aber er hatte sie zu schätzen gelernt, denn sie waren seine besten Lehrmeister gewesen. Auf diese Weise hatte er rückblickend jede Situation zu seinen Gunsten zu wenden gewusst und niemals das Vertrauen in seine Ziele verloren.

Alles, was ein Mensch erreichen konnte, keimte zu Beginn aus dem sozialen Umfeld und den besonderen Fähigkeiten des Einzelnen. Dies waren gewissermaßen die Startbedingungen, während die Träume und Wünsche das Ziel bildeten. Diese beiden Pole sowie die Ereignisse auf dem Weg vom Ursprung in die Zukunft formten zusammen ein Geflecht aus Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten. Michaut hatte stets alle Möglichkeiten maximal ausgenutzt und sich auf diese Weise von einer Unwahrscheinlichkeit zur nächsten gehangelt, ja, sogar völlig neue, unabsehbare Möglichkeiten erschlossen. So gesehen hatte er als Präsident von Frankreich bereits die absolute Spitze seiner persönlichen Unwahrscheinlichkeiten erreicht und war seinem Ziel so nah, wie er es überhaupt nur sein konnte.

Und dann tauchte Jean-Baptiste Laroche auf. Und er beschwor etwas herauf, das größer war als Michaut, größer als ganz Frankreich.

Das Erbe des königlichen Blutes.

Es hatte einen vertrauten, bedrohlichen Klang, und Michaut hatte seinen Geheimdienst darauf angesetzt. Was dieser aus den tiefsten Archiven der französischen Regierung zusammengetragen hatte, war ungeheuerlich. Laroche konnte sich tatsächlich auf eine Weise zum Herrscher, zum neuen Messias emporschwingen, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Seine Gedanken kreisten weniger um die religiösen Verflechtungen; auf diese Vorstellung mochte er sich nicht einlassen, konnte es einfach nicht. Aber ihn beschäftigte die Ausweglosigkeit dieser Bedrohung. Wie konnte er gegen Laroche vorgehen, ohne ihn zum Märtyrer zu machen?

Michaut überlegte, ob er sich wieder einmal an den Grafen wenden sollte. Die Grenzen der Freundschaft oder vielmehr des Vertrauens – denn es war irgendwie zugleich weniger und mehr als Freundschaft –, diese Grenzen mussten eines Tages erreicht sein. Er wusste nicht, wie weit er den Grafen tatsächlich einbeziehen durfte oder sollte... und hier ging es immerhin um Dinge, deren Tragweite nicht jedermann einfach so hinnehmen konnte. Wie würde der Graf auf eine solche Offenbarung reagieren? War er ein religiöser Mensch? Eine Frage, die sich Michaut noch nie gestellt hatte, doch nun gewann sie plötzlich unerwartete Relevanz. Würde der Graf diese Dinge belächeln? Entsetzt sein? Verzückt? Würde er überhaupt zuhören wollen? Objektiv bleiben können? Andererseits: Wenn überhaupt jemand in der Lage war, in dieser Frage neutral zu bleiben, dann war er es...

Er hob den Hörer ab und ließ sich eine sichere Leitung geben. Dann wählte er die Nummer.

10. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz

Am frühen Nachmittag setzte der Hubschrauber zur Landung an. Er senkte sich auf die Rasenfläche auf der Rückseite eines Herrenhauses am Genfer See. Das Grundstück fiel hier ein wenig ab und führte bis an das Ufer des Sees, wo der Rasen in eine mit schweren, schwarzen Felsbrocken befestigte Böschung überging. Auf der Terrasse warteten bereits zwei Männer, von denen der jüngere auf den Hubschrauber zuging, nachdem dieser aufgesetzt hatte und die Rotoren zum Stillstand gekommen waren. Er begrüßte den Mann, der gerade aus der Tür stieg.

»Willkommen, Monsieur le Président! Mein Name ist Joseph. Steffen erwartet Sie bereits.«

Präsident Michaut folgte dem jungen Mann. Er hatte ihn schon einmal gesehen, konnte sich aber nicht genau erinnern, wo. Dass er den Grafen »Steffen« nannte, irritierte ihn ein wenig. Es schien ihm doch allzu respektlos. Es konnte allerdings auch bedeuten, dass dieser Joseph ein besonders enger Vertrauter des Grafen war; eine ähnlich einflussreiche Person auf die eine oder andere Weise. Steffen... Ein ungewöhnlicher Name. Vielleicht Deutsch oder Niederländisch. Ihm wurde bewusst, wie wenig er über den Grafen wusste. Er war irgendwie plötzlich da gewesen: Wenige Tage nach seiner Amtsübernahme hatte sein Staatssekretär ihm den Mann vorgestellt, und sie waren sich von Anfang an merkwürdig vertraut gewesen. Seinen tatsächlichen Namen hatte entweder niemand jemals genannt, oder Michaut hatte ihn vergessen. Aus irgendeinem Grund erinnerte er sich an einen Adelstitel, daher nannte er ihn Graf, und dieser schien dem nicht zu widersprechen.

Der Mann war stets über alles informiert, und zugleich wusste er zu schweigen. Er schwieg über ihre Gespräche, aber auch über seine Herkunft. Er wurde niemals privat und war doch immer persönlich. Ein feiner, aber bedeutender Unterschied. Es war schwer zu sagen, ob der Graf ein direktes Interesse an Michaut selbst hatte oder nur an dessen Stellung als Präsident. Vielleicht hatte der Graf auch gar kein Interesse, sondern beobachtete bloß. Es schien fast so zu sein, denn er war zwar immer für den Präsidenten zu sprechen, bereit, ihm zuzuhören oder Ratschläge zu geben, aber er mischte sich niemals aus eigener Initiative ein. Und wenn doch, dann war es so geschickt, dass es nicht zu bemerken war. Michaut nahm sich vor, die Hintergründe des Mannes erforschen zu lassen.