Nachdem er Joseph gefolgt war, betrat Michaut die Villa durch eine Terrassentür und stand unmittelbar in einem großzügigen Salon. Er war mit wenigen, aber erlesenen antiken Möbeln bestückt. Ein massiver dunkler Holztisch, der einem Rittersaal entsprungen zu sein schien, stand direkt hinter der Glasfront, die auf die Terrasse und den See hinausblickte. Neben dieser Tafel stand der Graf, in edlem dunklem Anzug, wie ihn Michaut nicht anders kannte; von beeindruckender Ausstrahlung, ein wenig altertümlich, aber ohne dass man es mit den Details seiner Kleidung hätte belegen können.
»Monsieur le Président, es ist mir eine Ehre, Sie als meinen Gast begrüßen zu dürfen.«
Präsident Michaut nickte nur; er wusste nicht, wie er antworten sollte. Er war hierher gekommen, an den unwahrscheinlichsten Ort, suchte Hilfe in der unwahrscheinlichsten Situation. Konnte der Graf ihm überhaupt helfen? Würde er überhaupt zuhören?
»Es scheint Sie eine schwere Last zu bedrücken«, sagte der Graf. »Joseph wird uns Wein bringen. Wir werden uns hier an diesen Tisch setzen. Wussten Sie, dass bereits Leonardo da Vinci an diesem Tisch saß? Natürlich nicht hier«, er fuhr mit der Hand über die Oberfläche, »ich habe den Tisch in Turin erstanden. Bitte – nehmen Sie Platz. Von hier aus haben Sie einen wunderbaren Blick über den Lac Léman.« Er machte eine Pause, während Michaut sich setzte. Er spürte die Unruhe des Präsidenten, dessen Unbehagen. »Was auch immer Sie bedrückt, schieben Sie es für einen Augenblick beiseite und beobachten Sie nur die feinen Wellen und den leichten Dunstschleier, der sich zum Abend hin verdichten wird. Ist er nicht ein wunderbarer, friedlicher See? So ist er bereits seit Tausenden von Jahren, und nichts, was wir tun, wird diesen See wesentlich ändern. Und dort hinten, was Sie gerade noch als helle Spitzen erkennen können, das ist der Montblanc. Wenn Sie genau hinsehen, merken Sie, dass Sie sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft blicken. Alles hier ruht in sich selbst, die Geschicke der Menschen ziehen vorbei. Auf ähnliche Weise, wie die Berge und der See keine Partei ergreifen, weder gut noch schlecht sind, so ist die Welt um uns herum weder gut noch schlecht. Es ist unsere Auffassung der Geschehnisse, die sie uns als gut oder schlecht erscheinen lassen. Noch die schlimmsten Erlebnisse können uns etwas lehren. Wachstum entsteht überall dort, wo sich Dinge ändern und wir darauf reagieren müssen. Wenn wir Geschehnisse in unsere Vorstellungen von gut und schlecht sortieren, und uns nur nach dem ausrichten, was wir für gut halten, wenn wir vor dem Schlechten die Augen verschließen, vor dem Schlechten flüchten, es nicht annehmen, dann entgeht uns die Hälfte der Dinge, aus denen wir große Weisheit schöpfen könnten.«
Michaut sah auf den Genfer See hinaus und war dabei den Gedanken des Grafen gefolgt. Einige der Dinge hatten einen wärmenden Klang, schienen auf einer anderen Ebene als der des Verstandes einen tieferen Sinn zu haben. Aber andererseits gab es auch Geschehnisse von solcher Tragweite, solch offensichtlicher Schlechtigkeit, dass er dem Grafen nicht vollkommen zustimmen konnte.
»Doch ich möchte Sie nicht mit den Ansichten eines alten Mannes langweilen«, fuhr dieser nun fort. »Sie haben ein dringendes Ansinnen, und Ihre Zeit ist kostbarer als die meine. Ah, der Wein!«
Joseph servierte zügig und ohne künstlichen Umstand. Michaut, der befürchtet hatte, dass der Mann nun entweder als Vertrauter des Grafen dem Gespräch beiwohnen oder – falls er ein Bediensteter oder dergleichen war – im Hintergrund bleiben würde, war erfreut, als Joseph den Raum wieder verließ.
»Sagen Sie mir, was Sie bedrückt. Hat es mit Ihrem Gegenkandidaten Jean-Baptiste Laroche zu tun?«
»In der Tat, ja, das hat es. Erinnern Sie sich, wie ich in unserem letzten Gespräch vermutete, dass irgendein Umstand eingetreten sein könnte, der einen Wahlsieg von Laroche besonders Erfolg versprechend machen könnte?«
Der Graf nickte leicht und roch an der Blume des Weines.
»Nun, und wahrhaftig gibt es da etwas«, fuhr Michaut fort. »Sagt Ihnen der Ausdruck ›Sang Réal‹ etwas?«
Der Graf antwortete nicht sofort, sah den Präsidenten nur über den Rand seines Glases hinweg an. Schweigend und einen Augenblick länger als üblich. »Was bedeutet er?«, fragte er dann.
Michaut beugte sich vor. »Es ist altertümliches Französisch. Heute würde man ›Sang Royal‹ sagen, königliches Blut«. Wie wir besprochen hatten, habe ich das Gespräch mit Laroche gesucht, und wie zu erwarten war, gab er sich mir sehr selbstsicher, ja sogar siegesgewiss. Sagte, ich könne seinen Sieg niemals verhindern, ohne ihn zum Märtyrer zu machen, und dass er der Erbe des königlichen Blutes sei.«
Die Augen des Grafen blieben unergründlich.
»Genau das waren seine Worte. Merkwürdig, nicht wahr? Und wissen Sie, was ›Sang Réal‹ noch bedeutet? Hiervon leitet sich ›San Graal‹ ab, der Heilige Gral!« Michaut ergriff sein Glas und lehnte sich wieder zurück. »Ach, was erzähle ich für ein wirres Zeug. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und heraus kommt ein Durcheinander, dass Sie mich für übergeschnappt halten müssen.« Er nahm einen tiefen Schluck.
»Ganz und gar nicht, Monsieur le Président. Aber vielleicht hilft es, wenn Sie erläutern, was Monsieur Laroche gemeint haben könnte, als er davon sprach, Erbe eines königlichen Blutes zu sein.«
»Nun, als wir seine Familiengeschichte untersuchten, stellten wir fest, dass sie seit jeher eine enge Verbindung zur Genealogie hatte. Stets haben einzelne Familienmitglieder große Summen in die Erforschung ihrer Familiengeschichte und deren Erhaltung gesteckt; einige Verwandte waren sogar angesehene Spezialisten auf diesem Gebiet. Es stellte sich heraus, dass alle entsprechenden Strecken in die Vergangenheit gut erforscht und dokumentiert waren – häufig auf Bestreben und Kosten der Familie selbst, wie unsere Recherchen ergeben haben. Jean-Baptiste Laroche ist ein lebender Nachfahr der Merowinger, jenes Geschlechts, das im sechsten und siebten Jahrhundert nach Christus das Reich der Franken vereinte.«
»Das wäre eine wirklich beachtliche Familiengeschichte. Das hieße, er könnte seine Wurzeln bis ins achte Jahrhundert zurückverfolgen.« Der Graf nahm einen kleinen Schluck. »Das bedeutet«, sagte er dann, »Monsieur Laroche sieht sich als Abkömmling eines königlichen Geschlechts, als Erbe des Throns von Frankreich, und erhebt nun, nach fast fünfzehnhundert Jahren, Anspruch auf die Präsidentschaft?«
Michaut nahm nun ebenfalls einen Schluck. »Ja, so sieht es aus.«
»Nun, die Merowinger wurden von den Karolingern wenige hundert Jahre später entmachtet. Und eine Monarchie gibt es in Frankreich schon lange nicht mehr. Wie könnte er sich mit einem solchen Anspruch Gehör verschaffen, geschweige denn durchsetzen?«
»Das ist es, was mir Sorgen bereitet«, erklärte Michaut. »Eine derartige Abstammung mag außergewöhnlich, sogar Aufsehen erregend sein, aber sie ist natürlich heute keine Basis mehr für einen Rechtsanspruch. Wir leben in einer funktionierenden Demokratie, und mein Volk wählt keine Könige. Aber Laroche verfolgt ein größeres Ziel. Während er seinen Stammbaum bis zu den Merowingern verfolgt hat, so ist das Geschlecht der Merowinger seinerseits inzwischen auch gut dokumentiert. Und es gibt eine revolutionäre neue These, laut der die Merowinger von Jesus Christus abstammen!«