An der anderen Seite des Tisches saß ein Mann, der den Professor unverblümt beobachtete. Peter schätzte ihn auf Mitte dreißig. Seine Bemühungen, sich herauszuputzen, waren entweder peinlich oder absichtlich fehlgeschlagen. Nicht sehr, aber bemerkbar. Der Dreitagebart war etwas zu lang und wirkte raubeinig, der Schlips war angesteckt, nicht geknotet, und die Schuhe waren zwar geputzt, aber stark abgelaufen. Sein Gesicht war freundlich und sonnengebräunt. Man spürte einen Hauch von Respektlosigkeit in seiner Haltung, nicht zuletzt daran, dass er in offensichtlich bewusster Ermangelung eines Aschenbechers trotzdem rauchte und in den Kübel einer Zimmerpalme aschte.
»Monsieur le Professeur Lavell, Monsieur Nevreux, wenn Sie eintreten möchten.« Eine Tür hatte sich geöffnet, und die junge Frau, die bereits am Fahrstuhl gewartet hatte, winkte die beiden herbei. »Madame de Rosney erwartet Sie, bitte sehr.« Sie führte sie durch eine Art Sekretariat und öffnete ihnen eine weitere Tür am anderen Ende des Raums.
Sie betraten ein großzügiges Büro mit breiter Fensterfront. Den Raum beherrschten ein gewaltiger Mahagonischreibtisch und ein Fahnenständer mit den beiden Flaggen der Vereinten Nationen und Europas. Hinter dem Schreibtisch war eine eindrucksvolle Satellitenkarte Europas angebracht. Eine streng aussehende Frau Ende vierzig mit grauen Haaren, einer modernen Kurzhaarfrisur und einem dunkelblauen Hosenanzug war gerade aufgestanden. Als die beiden Männer herantraten, streckte sie ihnen über den Tisch eine Hand entgegen.
»Es freut mich, dass Sie beide kommen konnten. Bitte setzen Sie sich.« Sie nahm selbst auch wieder Platz und lehnte sich auf ihre Unterarme. Der Schreibtisch war leer bis auf zwei nebeneinander liegende Mappen, die mit einem Band und einer Plombe versiegelt waren. »Zunächst einmal möchte ich mich für die hastigen und für Sie sicherlich äußerst geheimnisvoll erscheinenden Umstände entschuldigen. Ich werde gleich etwas Licht in die Angelegenheit bringen. Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Elaine de Rosney, ich arbeite, wie Sie festgestellt haben, für die Vereinten Nationen. Ich bin Leiterin einer Stabsabteilung und zuständig für Sonderprojekte des Bereichs Altertumsforschung und europäische Kulturgeschichte.« Sie öffnete eine Schublade des Schreibtisches und reichte dem Franzosen einen Aschenbecher. »Sie wissen, dass das Rauchen in diesem Gebäude verboten ist.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
»Vielen Dank, dass Sie darauf Rücksicht nehmen«, antwortete der Mann, hielt seine Zigarette in die Höhe und nahm den Aschenbecher entgegen.
»Sie kennen sich beide nicht persönlich, deswegen möchte ich Sie einander kurz vorstellen. Professor Peter Lavell ist Engländer, wohnhaft in Deutschland, Professor für Geschichte mit besonderen Kenntnissen in Mythologie und Anthropologie. Er ist zurzeit im wissenschaftlichen Beirat des Völkerkundemuseums Hamburg tätig sowie als Gastdozent an der Universität der Hansestadt. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Aufsätze, veröffentlichte zuletzt ein Buch zum Thema Langfristige globale Entwicklungskausalität und ist letztes Jahr mit einer Vorlesungsreihe mit dem Titel ›Der Siegeszug der Vernunft – Aberglaube und Rationalität im Wandel der Jahrtausende‹ an internationalen Universitäten, auf Kongressen und Fachtagungen aufgefallen.«
Mit einem leichten Nicken deutete Peter seine Zustimmung an. Seine Vorlesungen als »auffallend« zu bezeichnen, war dabei sehr diplomatisch ausgedrückt. In Wahrheit hatte er mancherorts eine regelrechte Lawine von Diskussionen und Kritik losgetreten.
»Man sagt ihm einen scharfen Verstand nach und die Fähigkeit, langfristige, fachübergreifende geschichtliche Zusammenhänge zu erkennen. Er scheut nicht davor zurück, Dinge auch in scheinbar abwegige und kontroverse Beziehung zu setzen, was sich häufig als korrekt erwiesen hat.«
Peter zweifelte, ob diese Art der Beurteilung notwendig war. Es mochte zwar stimmen, was sie sagte, aber er fragte sich, was die Frau damit bezweckte. Weder wollte er auf irgendeinem Markt angeboten werden, noch hatte er vor, mit dem jungen Kettenraucher in ein besonders enges Verhältnis zu treten. Immerhin würde sie ihn hoffentlich genauso detailliert vorstellen.
Patrick beugte sich zur Seite und streckte die Hand aus. »Freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Professor.«
»Patrick Nevreux ist Franzose«, fuhr die Frau fort, »gelernter Ingenieur. In den letzten Jahren war er zunehmend erfolgreich in der Feldforschung tätig. Mit Fördergeldern der EU und der ESA hat er Sonden und Forschungsroboter entwickelt. Diese setzte er auch in privaten Projekten ein und erkundete so bisher unzugängliche Schächte in Palenque. Außerdem entdeckte er in den Katakomben unter Rom eine frühchristliche Kapelle mit alten Bibelfragmenten.«
Peter sah zu Patrick hinüber, der zufrieden nickte, während er zuhörte. Der Professor hatte von den Entdeckungen selbstverständlich gelesen. Nun saß er neben dem Mann, der sie verantwortete, wenn auch seine Methoden zweifelhaft waren.
»Aufgrund des, ich zitiere ›eigenmächtigen und zweckentfremdeten Einsatzes‹ der ihm zur Verfügung gestellten Gelder und Technologie ist seine Unterstützung eingestellt worden«, fuhr die Frau fort. »Neben seinem außerordentlichen technischen Verständnis und seinem archäologischen Gespür sind seine Flexibilität und sein Ehrgeiz geschätzt. Deshalb gelingt es ihm, stets neue Investoren für seine Projekte zu finden. Zurzeit plant er ein solches in Brasilien.«
»In der Nähe der bolivianischen Grenze, um genau zu sein. Möchten Sie sich beteiligen?«
»Nein, vielen Dank, Monsieur.« Elaine de Rosney stand auf und deutete auf einen Punkt auf der Karte hinter ihr. »Aber nun zu dem Grund Ihrer Anwesenheit hier. Es geht um ein Projekt in Südfrankreich, für das wir Sie beide gewinnen möchten. Es ist allerdings von wissenschaftlicher Brisanz und unterliegt daher absoluter Geheimhaltung, was Sie anhand der NDA, die Sie beide unterzeichnet haben, bereits sicher vermutet haben.
Meine Aufgabe ist es, Ihnen heute so viele Informationen zu geben, wie ich darf, um Sie für eine Mitarbeit zu gewinnen.« Sie deutete auf die beiden Mappen, die vor ihr lagen. »Sollten Sie nicht schon unverzüglich absagen, werden Sie am Ende unseres Gesprächs diese Unterlagen mitnehmen, in denen Sie eine präzise Zusammenfassung aller für Sie relevanten Umstände und Konditionen sowie einen Vertrag finden. Ihnen bleiben dann drei Tage, sich für eine Zusammenarbeit zu entschließen, bevor das Angebot verfällt.«
Patrick machte eine Handbewegung, als wolle er etwas einwenden, und Elaine de Rosney sah ihn fragend an.
»Könnten Sie vielleicht einen Kaffee organisieren?«, fragte er, nur einen Augenblick zu früh, denn gerade schob die Mitarbeiterin aus dem Sekretariat einen Servierwagen mit Kaffee, Tee und Mineralwasser herein.
»Hatte ich ›Ungeduld‹ in meiner Ausführung über Sie vergessen?«, sagte die Projektleiterin mit ironischem Unterton.
»Ich weiß nicht«, gab Patrick lächelnd zurück, »ich habe nicht zugehört. Trotzdem vielen Dank.«