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Michaut erwartete, dass sich nach dieser Enthüllung ein Lachen auf dem Gesicht des sonst so zurückhaltenden Grafen ausbreiten würde. Doch der sah ihn nur eine Weile schweigend an.

»Nun, ich weiß«, fuhr der Präsident daher fort, »es klingt provokant, wenn nicht haarsträubend...«

»So neu ist die These gar nicht«, unterbrach ihn der Graf mit ruhiger Stimme.

»Wie meinen Sie das? Sie wissen davon?«

»Sie machte hauptsächlich in den achtziger Jahren von sich reden. Und vor kurzem erst hat ein Amerikaner einen Thriller zu diesem Thema geschrieben. Es erstaunt mich, nun im Zusammenhang mit Jean-Baptiste Laroche erneut davon zu hören.«

»Was wissen Sie darüber?«

Der Graf lehnte sich zurück und betrachtete den See. »Es scheint in der Tat Hinweise zu geben, die die Merowinger in direkte Verbindung mit Jesus Christus bringen. Einige davon sind sicherlich fragwürdig, andere allerdings unwiderlegbar. Außerdem gibt es Belege, die bislang nicht veröffentlicht wurden und die diese Theorie deutlich untermauern könnten.«

»Dann ist es also wahr?« Michaut sah den Grafen mit geweiteten Augen an. Er hatte mit Unverständnis gerechnet, bestenfalls Zurückhaltung, aber er hatte nicht erwartet, dass der Graf auch in dieser Angelegenheit informiert war. »Ist Laroche mit Jesus verwandt?«

Nun war es an der Zeit für den Grafen, ein feines Lächeln zu zeigen. Er wirkte belustigt, dabei aber nicht überheblich, sondern verständnisvoll. »Was, wenn er es wäre?«, fragte er.

»Wenn er wirklich mit Jesus verwandt wäre, fragen Sie? Wenn in ihm tatsächlich das Blut Christi flösse?«

»Sie wirken beunruhigt und ergriffen zugleich«, bemerkte der Graf.

»Selbstverständlich bin ich beunruhigt! Stellen Sie sich die weltweite Aufregung vor: Der letzte Verwandte von Jesus Christus ist gefunden worden – das Blut des Erlösers ist unter uns. Jeder auf der Welt würde ihn ehren, die Kirchen würden ihm zu Füßen liegen. Dieser Mensch würde die Welt regieren,«

»Warum sollte er? Wenn er doch nur ein Mensch ist?«

»Wie meinen Sie das?«

»War nicht Jesus sowohl Mensch als auch Gott zugleich? Fand seine Göttlichkeit nicht Ausdruck darin, dass er die Sünden der Menschen auf sich nahm, für sie starb und am dritten Tage wieder auferstand?«

»Ich bin kein sonderlich religiöser Mensch...«, wandte der Präsident ein.

Der Graf nickte entgegenkommend. »Nun, hierin liegt jedenfalls die religiöse Bedeutung der Figur Christi. Nicht in seinem Leben, seinen Jüngern, seiner Bergpredigt – Wunder und Weisheiten dieser Art wurden vor ihm und nach ihm von Propheten auf der ganzen Welt bekannt. Und wenngleich Weihnachten als das Fest seiner Geburt weltweit am meisten Beachtung findet, so ist es doch ein ursprünglich heidnisches Fest, umgedeutet und assimiliert, wie so vieles. Tatsächlich ist Ostern das wichtigste Fest des Christentums, und das feiert Jesu Auferstehung. Allein hierin liegt die ganze Bedeutung und die göttliche Macht des Messias. Dass Jesus gleichzeitig auch Mensch war, ermöglicht es, sich mit ihm zu identifizieren, und es macht deutlich, wie Jesus die Belange, Sorgen, Zweifel und Nöte der Menschen kennen konnte. Aber auf dieser menschlichen Ebene war Jesus ein Wanderprediger, wenn Sie so wollen. Möglicherweise Angehöriger der Essenersekte – falls das einen Unterschied machen sollte. Aber diese menschliche Seite hat keine Macht, sondern das Göttliche in ihm. Was, wenn er tatsächlich einen Bruder gehabt hätte, oder einen Sohn, wie es andere Thesen behaupten? Wären diese ebenfalls zugleich Gott gewesen? Nein. Hätten sie die Menschen erlösen und von den Toten auferstehen können? Nein. Daher wäre eine Abstammung von Jesus zugegebenermaßen faszinierend, aber dennoch ohne jeden religiösen Machtanspruch.«

»Was Sie sagen, klingt nachvollziehbar«, sagte Michaut, »aber wie viele Menschen werden das ebenfalls so sehen? Wird nicht jedermann auf die Knie fallen vor ihm, der großartigsten und einzig lebenden Reliquie, wenn Sie so wollen? Wenn die katholische Kirche sogar Maria verehrt, die ja mit der so wichtigen Auferstehung und der Erlösung der Menschen, wie Sie darlegen, überhaupt nichts zu tun hat, wird sie da nicht einen heute lebenden Verwandten von Jesus ebenfalls heiligen?«

»Eher würde die Bibel neu geschrieben werden. Stellen Sie sich vor: Die Kluft zwischen den progressiven und den fundamentalistischen Kräften in der Kirche würde aufreißen, es würde die katholische Kirche erschüttern und zerreißen. Ein neues Schisma wäre die Folge. Denken Sie, sie könnte sich das erlauben? Der Katholizismus, die Kirche, der Papst und deren Geschichte sind heutzutage in der Kritik wie nie zuvor. Ein solcher Eklat wäre inakzeptabel.«

»Wieder kann ich Ihnen folgen«, sagte der Präsident, »und dennoch können mich Ihre Worte nicht beruhigen.«

»Ja, vielleicht ist es auch schwierig, die Reaktion der Menschen und der Kirche so eindeutig vorherzusehen.« Der Graf nahm einen weiteren Schluck. »Aber vielleicht kann ich Sie auf andere Weise beruhigen.«

»Bei allem Respekt, Monsieur le Comte«, sagte Michaut und schüttelte den Kopf, »ich bezweifle, dass Sie das jetzt noch können.«

»Nun, einerseits ist ja nicht endgültig geklärt, ob eine derartige These – eine Verwandtschaft der Merowinger zu Jesus – vor dem Angesicht der Weltöffentlichkeit überhaupt standhalten könnte. Ob sich überhaupt jemand ernsthaft dafür interessiert. Die Tatsache, dass diese Geschichten schon seit Hunderten von Jahren kursieren, immer wieder gedruckt und sogar verfilmt wurden und keine nachhaltige Resonanz hervorgerufen haben, spricht meines Erachtens nicht dafür. Und ebenso fraglich ist meiner laienhaften Ansicht nach, ob die Verwandtschaft des Monsieur Laroche zu den Merowingern tatsächlich gesichert ist. Ich meine, mich an einen Herrn erinnern zu können, der Ihnen in dieser Hinsicht weiterhelfen kann.«

Michaut sah den Grafen mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier an. Er hatte nicht vor, weitere Leute in diese brisante Angelegenheit einzuweihen. Wer, um alles in der Welt, würde hier sachlich bleiben und ihm sogar helfen können?

»Sie fragen sich sicherlich, wer bei einem solch bedeutenden Sachverhalt zu Rate gezogen werden könnte. Nun, es wird Sie gewiss interessieren zu erfahren, dass die Nachfolge des Geschlechts der Merowinger über die Jahrhunderte hinweg in der Tat gewissenhaft gesichert und im Geheimen fortgeführt wurde. Dieser Teil der Geschichte stimmt also nachweislich. Verantwortlich hierfür ist ein Orden, der sich Priorat von Zion nennt. Wie es der Zufall will, operiert er heute unter anderem von der Schweiz aus. Es wäre mir möglich, Sie mit jemandem in Kontakt zu bringen, der wie niemand sonst über die gesamte Geschichte des Ordens Bescheid weiß. Es ist ein Monsieur Plantard. Ich würde vermuten, dass dieser Herr in der Lage ist, nachzuweisen, wer der heutige Nachfahr der Merowinger ist, oder vielmehr – und das ist das Einzige, das Sie wirklich interessieren dürfte –, dass es sich dabei nicht um Monsieur Laroche handelt.

»Was macht Sie so sicher?«

»Nennen Sie es Instinkt, Monsieur le Président«, sagte der Graf und lächelte nun zum zweiten Mal.

10. Mai, Wald bei St.-Pierre-Du-Bois

Im Wald parkte ein schwarzer Lieferwagen mit dunkel getönten Scheiben. Nichts wies darauf hin, dass er erst vor wenigen Stunden hierher gefahren war. Das Geräusch des Motors war verklungen, Türen waren zugeschlagen worden, Schritte hatten sich entfernt. Eine Weile noch hatte der warme Motor in der kühlen Waldluft geknackt, dann hatten die Geräusche des Waldes den Wagen wieder umfangen.

Vogelstimmen ertönten, der Wind hatte aufgefrischt und rauschte durch die Blätter. Es bewölkte sich, die Kontraste zwischen sonnigen Flecken und Schatten auf dem Waldboden wichen dem fahlen, indirekten Licht, das nun durch die Wolkendecke drang.

Zwischen den Bäumen tauchten unvermittelt drei Gestalten auf. Sie waren in schwarze Mäntel gehüllt und bewegten sich mit solch raubtierhafter Geschmeidigkeit, dass sie kaum auszumachen waren. Es schien, als würden sie nach jedem Schritt mit den Stämmen und Büschen verschmelzen, und sie verursachten kaum ein Geräusch dabei. Rasch waren sie dem Wagen näher gekommen. Der Erste von ihnen öffnete die Hecktür, sie stiegen ein, und die Tür wurde von innen wieder geschlossen.