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Im Inneren des Wagens war die Luft warm und schwer. Es roch nach feuchter Kleidung, nach Wachs und ein wenig süßlich. Eine Kerze erhellte einen kleinen Altar. Er war aus dunklem Holz gefertigt, das mit organisch anmutenden Schnitzereien versehen war. Über dem Altar hing ein auf Tuch gemaltes Gemälde, das eine dämonische Figur darstellte. Ihr Kopf war gehörnt, das Maul mit spitzen Reißzähnen versehen. Der Torso war nackt, männlich und muskulös, ebenso wie die stark behaarten Arme und Beine. Statt Füßen besaß die Gestalt mächtige Hufe, die Funken auf dem Boden schlugen. Auf dem Altar lag eine weiße, bestickte Stoffbahn, auf der ein silberner Kelch stand. Er war mit einer dunkelroten, zähen Flüssigkeit gefüllt. Neben dem Kelch lag der feucht glänzende, gehäutete Schädel einer Katze.

Das Kerzenlicht flackerte über die Gesichter von vier Männern. Einer von ihnen hatte im Wagen gewartet. Er mochte Mitte dreißig sein und trug einen dunklen Anzug, so dass er Teil der Schatten zu sein schien. Sein Gesicht stach hervor, sein Blick war streng und funkelnd. Auf seiner Stirn prangte ein Zeichen, das mit einer roten Flüssigkeit gezeichnet worden war – offenkundig die gleiche Flüssigkeit, die sich auch in dem silbernen Kelch befand. In der Abgeschiedenheit dieser dunklen Kammer hatte er ein längst vergessenes Ritual vollzogen und dann seine Untergebenen ausgesandt, um die Umgebung zu erkunden. Nun hatte er sie zurückgerufen, und sie waren gekommen, um ihm Bericht zu erstatten.

»Sprich!«, wies er einen der Männer an.

»Die Absperrung führt mehrere Kilometer in den Wald hinein, Herr. Ich bin ihr bis zu einem Berg gefolgt, auf den die Absperrung hinaufführt. Überall entlang des Zaunes patrouillieren schwer bewaffnete Ranger. Es sind allem Anschein nach professionelle Wachleute, möglicherweise vom Militär.«

»Siehst du eine Möglichkeit, unbemerkt an ihnen vorbeizukommen?«

»Eine Hand voll von uns könnte das schaffen. Die Gefahr entdeckt zu werden ist allerdings groß, und es sind mindestens drei Dutzend Bewaffnete in diesem westlichen Teil des Gebiets.«

»Was habt ihr gesehen?«, wandte sich der Mann im Anzug nun an die beiden anderen.

»Eine halbe Stunde südlich von hier gibt es ein Lager«, erklärte einer der beiden. »Es sieht aus wie ein Armeecamp. Man erkennt Büros und Schlafstätten und so etwas wie Lagerhallen.«

»Professor Lavell?«

»Keine Spur von ihm, Herr. Das Lager liegt ein Stück weit innerhalb des Gebiets. Es führt eine Art Straße dorthin, allerdings ist sie mit einem großen Gatter versperrt. Es scheint der Haupteingang zu dem Areal zu sein. Wenn wir dies überwachen, taucht er vielleicht früher oder später dort auf.«

»Du hast dir keine Gedanken über meine Vorgehensweise zu machen!«, entgegnete der Mann im Anzug.

»Ja, Herr, verzeiht.« Er senkte den Kopf und entblößte seinen Nacken. »Belial sei mit Euch, Ash Modai.«

Ash ignorierte den Mann und wandte sich an den dritten der Späher. »Und was hast du gesehen?«

»Ich bin der Absperrung in die andere Richtung gefolgt. Auch dort sind überall Bewaffnete, und kein Hinweis auf den Professor.«

Ash Modai schwieg einen Augenblick. Er befehligte fünf Legionen der westlichen Fürstentümer der Hand von Belial. Mit ihnen wäre es möglich, das Gebiet einzunehmen. Aber er durfte kein solches Aufsehen erregen. Der Hohepriester hatte sehr deutlich gemacht, was Belial von ihm erwartete. Der Professor war dem »Kreis von Montségur« auf der Spur. Möglicherweise lag das Geheimnis hinter dieser Absperrung, aber nur der Professor konnte das bestätigen. Also mussten sie ihn finden. Und das würden sie auch. Und sie würden alles von ihm erfahren.

»Erhebe dich!«, wies er den Mann an, der noch immer mit gesenktem Haupt verharrte. »Du bleibst hier. Begib dich zum Gatter und bewache den Eingang Tag und Nacht. Wenn ich dich eines Tages frage, wirst du mir sagen können, wer dieses Tor passiert hat, wann und warum.«

»Ja, Herr.«

»Steig aus.«

Der Mann gehorchte. Ash folgte ihm.

»Lauf los, verschwende nicht noch mehr Zeit!« Dann wandte er sich an die im Wagen Verbliebenen. »Wir fahren jetzt in die Stadt und suchen den Professor dort. Zieht euch inzwischen um.« Er schloss die Hecktür, ging um den Wagen und setzte sich ans Steuer. Er sah in den Rückspiegel und wischte sich die Stirn mit einem Tuch sauber. Dann fuhr er los nach St.-Pierre-Du-Bois.

10. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois

»Gehen wir die Details also noch einmal durch«, sagte Peter. »Da der Durchgang keinerlei Strahlung durchlässt, ist es sinnlos, Ihnen ein Handy oder ein Funkgerät mitzugeben. Stattdessen werden Patrick und ich Sie mit einem Seil sichern. Sie strecken zuerst Ihren Kopf hinein, und wir ziehen Sie augenblicklich zurück. Wenn alles gut geht, betreten Sie den Durchgang für eine Sekunde vollständig, und wir ziehen Sie erneut zurück. So werden wir Ihre Verweildauer schrittweise verlängern, bis wir sicher sind, dass Ihnen nichts geschieht.«

»Ja doch, Peter«, sagte Patrick. »Vielleicht möchten Sie Millimeterpapier haben?«

»Das ist eine ernste Sache! Immerhin geht es hier um ihre geistige Gesundheit, um ihr Leben.«

»Ach kommen Sie, es wird ihr schon nichts passieren.«

»Wie können Sie sich da so sicher sein? Immerhin wissen Sie selbst, wie es sich anfühlt, wenn es schief geht.«

»Sie haben ja Recht, aber ich habe einfach das sichere Gefühl, dass wir das Richtige tun. Außerdem vertraue ich ihr.«

»Seit wann haben Sie jemals irgendjemandem außer sich selbst vertraut?«

»Irgendwann muss man ja anfangen«, sagte Patrick.

»Ich hoffe, Sie nehmen das nicht so auf die leichte Schulter«, sagte Peter nun an Stefanie gewandt. »Achten Sie auf jede noch so kleine Veränderung in Ihrer Wahrnehmung oder in Ihrem Befinden.«

»Ich bin auch zuversichtlich, dass es keine Probleme geben wird«, antwortete sie. »Ich werde eine Taschenlampe und einen Notizblock mitnehmen, um Skizzen anzufertigen von dem, was ich sehe.«

»Möglicherweise ist es auch hinter dem Durchgang vollständig dunkel«, überlegte nun Patrick. »Es könnte viele Kilometer weitergehen, und vielleicht wird auf der ganzen Strecke der Lichtstrahl verschluckt, so wie am Eingang. Rechnen Sie also damit, dass Sie trotz Ihrer Taschenlampe vollkommen blind sind.«

»Ja, und vielleicht gibt es dort plötzliche Spalten und Abgründe«, fügte Peter hinzu. »Tasten Sie sich wirklich nur zentimeterweise vor!«

»Untersuchen Sie auch die Wände«, sagte Patrick. »Vielleicht finden Sie direkt hinter dem Durchgang an der Wand so etwas wie einen Schalter, einen Mechanismus, mit dem Sie den Effekt ausschalten können.«

»Wir müssen uns auch auf einen Code einigen, wie wir uns mit Hilfe des Seils verständigen können. Vielleicht dringen ja auch keine Schallwellen durch den Durchgang.«

»Gute Idee«, sagte Patrick. »Ich schlage vor, dreimaliges, kräftiges Ziehen am Seil unsererseits bedeutet: »Sofort zurückkehren‹; und Ihrerseits heißt es: ›Ziehen Sie mich raus.‹«

»Ich halte das für nicht so gut«, wandte Peter ein, »was, wenn Stefanie etwas zustößt und sie nicht mehr in der Lage ist, dreimal kräftig zu ziehen? Oder wenn sich das Seil so verhakt, dass ihr Reißen am Seil von der Stelle aufgefangen wird, an der das Seil festhängt?«

»Sie machen sich aber ganz schön düstere Gedanken, Professor«, sagte Patrick.

»Aber er hat Recht«, sagte Stefanie, »ich könnte doch auch in regelmäßigen Abständen kurz am Seil ziehen. Sie wissen dann, dass alles in Ordnung ist. Bleibt mein Ziehen aus – aus welchen Gründen auch immer –, holen Sie mich zurück.«

»Ja, das klingt gut«, meinte Peter.

»Dann sind wir doch jetzt eigentlich bereit, oder?« Patrick stand auf.

»Also, aus meiner Sicht, ja«, antwortete Stefanie und erhob sich ebenfalls.