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»Haben wir denn auch wirklich an alles gedacht?«, überlegte Peter noch.

»Jaaa!«, antworteten Patrick und Stefanie fast zeitgleich und mussten daraufhin beide lachen.

»Also dann...« Peter sah von einem zum anderen. Etwas unschlüssig stand er nun auch auf und zog seine Jacke an. »Dann geht es jetzt wohl los... Patrick, fahren Sie?«

Es hatte sich zum Nachmittag hin stark bewölkt, die Luft war abgekühlt. Während Patrick den Landrover die Straße zum Wald hinauf steuerte, saß Peter im Fond und machte sich Gedanken. Das größte Rätsel der Höhle lag nun vor ihnen – ein Durchgang, unergründlich und so gefährlich, dass er imstande war, jeden um den Verstand zu bringen, der ihn passieren wollte. Respektvoll waren sie ihm in letzter Zeit ferngeblieben und hatten stattdessen versucht, das Mysterium der Inschriften zu lösen. Immer tiefer waren sie dabei in mystische Verstrickungen geraten, hatten von der Kabbala über Martin Luther bis hin zu den Rosenkreuzern und Templern Staub der Jahrhunderte aufgewirbelt und waren bei näherer Betrachtung der Lösung des Rätsels kaum einen Schritt näher gekommen. Und nun hatten sie sich kurzerhand dazu entschlossen, die Schwelle zu übertreten. Es war waghalsig, äußerst gefährlich, und obwohl er eigentlich höchst angespannt sein müsste, fühlte er sich seltsam distanziert. Er schien viel mehr Beobachter als Beteiligter. Vielleicht lag es daran, dass so viele der Erkenntnisse, die sie hierher geführt hatten, ohne seine Hilfe zustande gekommen waren: der Zeitpunkt der Sonnenfinsternis, die Entschlüsselung der Inschrift im Boden, die Bedeutung des ersten Briefes – stets war Stefanie irgendwie beteiligt gewesen. Wie eine Art Katalysator hatte sie behutsam dafür gesorgt, dass die entscheidenden Hinweise entstanden und zusammengefügt wurden. Peter konnte das nicht wirklich belegen, aber da war wieder dieses merkwürdige Gefühl ihr gegenüber. Und nun war sie es auch, die den Durchgang passieren würde... War das wirklich gut so? Hatte sie die beiden Männer unbemerkt manipuliert? Patrick vertraute ihr... Weshalb war sie sich so sicher, dass sie sich nicht in Gefahr begab?

Peters Gedanken kamen zu einem abrupten Halt, als sie vor dem Gatter im Wald angekommen waren. Der Ranger, der es öffnete, trat an den Wagen heran und bedeutete Patrick, das Fenster herunterzukurbeln.

»Guten Tag, Messieurs, Madame. Der Kommandant im Lager lässt Ihnen mitteilen, dass Sie bitte bei ihm im Container C vorbeischauen mögen.«

Patrick sah seine Beifahrerin kurz an, zuckte dann mit den Schultern und fragte den Ranger: »Um was geht es denn?«

»Das weiß ich nicht, Monsieur.«

»Nun gut, danke sehr«, sagte Patrick und fuhr weiter. Kurz darauf erreichten sie das Lager. Sie parkten den Wagen und sahen sich um. Wie immer, wenn sie hier waren, wirkte es fast ausgestorben, aber aufgrund der Anzahl der Container ahnten sie, wie viele der Aufpasser sich im Wald verbargen. Sie betraten den mit einem schwarzen »C« beschrifteten Container. Peters Blick wanderte umher. An einer Wand hing eine topographische Karte der Umgebung, welche die Höhle und das umzäunte Gebiet zeigte. Außerdem waren auf der Karte weitere Merkmale mit Symbolen und Ziffern verzeichnet. Im hinteren Teil des provisorischen Büros befand sich ein kruder Schreibtisch, auf dem offenbar an mehreren Laptops und Flachbildschirmen zugleich gearbeitet wurde.

Sie wurden von einem kräftigen Mann in grüner Uniform empfangen. »Hier ist etwas, was Sie sich ansehen sollten«, begrüßte er die Forscher.

Neugierig traten sie näher an seinen Schreibtisch heran. Er drehte einen Flachbildschirm zu ihnen herum, auf dem sie in mittelmäßiger Video-Qualität eine Gruppe von Bäumen ausmachen konnten. In der Fußzeile des Bildes war eine digitale Anzeige eingeblendet, die neben einigen unverständlichen Zahlen das heutige Datum anzeigte sowie die Uhrzeit: 16:04.

»Diese Aufnahmen«, erklärte der Ranger, »hat eine unserer Überwachungskameras vor einer halben Stunde gemacht. Sie sehen hier den Bereich der Böschung direkt außerhalb des Gatters.«

»Ich kann nichts Außergewöhnliches erkennen«, sagte Peter.

»Das ist korrekt«, sagte der Ranger. »Aber zur gleichen Zeit hat unsere Wärmebildkamera folgende Aufnahmen gemacht.« Er betätigte einige Tasten des angeschlossenen Laptops, und das Bild verwandelte sich in ein Muster aus blauen und grünen Flächen, in dem die Bäume nur noch schemenhaft erkennbar waren, Am rechten Bildschirmrand erschien mit einem Mal der grüngelb leuchtende Umriss einer menschlichen Gestalt, die sich in geduckter Haltung fortbewegte. Die Gestalt kauerte sich neben einen der Bäume, und innerhalb von Sekunden verblasste das gelbe Leuchten. Der Umriss war noch einen Augenblick grün zu erkennen, dann wurde er blau und war schließlich vollkommen mit der Umgebung verschmolzen.

»Was war denn das?«, fragte Peter.

»Die Kamera hat einen Menschen registriert«, erklärte Patrick. »Da er wärmer als die Umgebung war, erschien er in einer änderen Farbe. Und dann ist er plötzlich verschwunden.«

»Um es zu präzisieren«, ergänzte der Ranger, »er ist innerhalb von vier Sekunden um rund fünfzehn Grad auf die Temperatur der Umgebung abgekühlt.«

»Wahnsinn...«, sagte Patrick halblaut.

»Das scheint ungewöhnlich zu sein?«, fragte Peter.

»Nun wissen Sie«, meinte Patrick, »wenn da draußen jemand in einem Ganzkörper-Neopren-Anzug herumläuft, durch den er auf Knopfdruck Eiswasser fließen lassen kann, dann ist das völlig normal.«

»Aha...«, bemerkte Peter. »Und was macht dieser Mensch jetzt? Beobachtet er jetzt das Lager? Ist er überhaupt noch da?«

»Nun, unsere Wärmebildkamera hat ihn verloren, wie diese Aufnahme belegt. Und wenn Sie sich noch einmal die erste Aufnahme derselben Stelle ansehen – achten Sie bitte auf die Uhrzeit der Sequenz...« Er tippte erneut etwas ein, und das Videobild wurde wieder sichtbar. »Während der Sekunden, in der das Wärmebild aufgenommen wurde, ist im regulären Lichtspektrum überhaupt nichts zu sehen.«

Peter betrachtete ungläubig den Monitor. »Wollen Sie damit sagen...«

»...er ist unsichtbar, ja, Monsieur.«

»... falls diese Daten einwandfrei sind«, wandte Patrick ein.

»Eine technische Manipulation ist ausgeschlossen, Monsieur. Unsere Daten werden automatisch mit einem dynamischen Wasserzeichen verschlüsselt.«

»Sie erklären uns also«, sagte Stefanie, »dass Sie einen unsichtbaren Menschen entdeckt haben, der sich vor einer halben Stunde in der Nähe des Gatters versteckt hat und nun noch nicht einmal mehr für die Wärmebildkamera auffindbar ist.«

»Das ist korrekt, Madame«.

»Das klingt sehr unschön«, sagte Peter. »Was planen Sie, in dieser Angelegenheit zu unternehmen?«

»Wir untersuchen den fraglichen Bereich zurzeit in verschiedenen Frequenzbereichen, um ein anderes Bild zu bekommen. Sobald wir eine Möglichkeit haben, den Mensch im Ultraschallspektrum zu erfassen, werden wir ihm augenblicklich nachstellen und ihn ergreifen.«

»Hm.« Peter nickte. »Gut, halten Sie uns auf dem Laufenden. Wir machen uns inzwischen auf zur Höhle.«

Als sie wieder im Wagen saßen und ihren Weg zum Berg fortsetzten, sagte er: »Ich frage mich, wer uns da beobachtet. Finden Sie das nicht äußerst bedenklich?«

»Ja, unbedingt«, stimmte Stefanie zu. »Halten Sie es für möglich, dass uns Renée Colladon ausfindig gemacht hat?«

»Denkbar wäre es«, überlegte Peter. »Es könnte aber natürlich auch jener andere unbekannte ›St. G.‹ sein, der uns die merkwürdigen Faxe geschickt hat.«

»Oder der Förster«, sagte Patrick. »Wie hieß er noch, Levasseur?«

»Dem traue ich das am ehesten zu«, meinte Peter. »Fragt sich nur, wie er es schafft, sich unsichtbar zu machen. Ich verstehe ja nicht viel von Technik, aber das kommt mir doch sehr aufwendig vor. Vielleicht hat es etwas mit dem Durchgang in der Höhle zu tun?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun ja, der Durchgang hat doch auch so merkwürdige Eigenschaften, wie auch immer man das nennt. Vielleicht gibt es eine gewisse Technologie oder eine bestimmte Farbe oder Chemikalie, die das alles bewirkt. Mit ihr ist die Höhle angemalt, und wenn man daraus einen Stoff webt, dann macht der einen unsichtbar.«