»Also, Ihre Fantasie möchte ich haben«, sagte Patrick.
»Was weiß denn ich? Immerhin sind Sie doch auch auf der Suche nach Eldorado...«
»Fangen Sie schon wieder davon an?«
»Ich meine das ganz ernst, ohne Zynismus. Vielleicht gibt es ja eine einfache, rationale Erklärung.«
»Nun«, sagte Patrick, »dem Geheimnis der Höhle werden wir ja glücklicherweise gleich ein gutes Stück näher sein.«
Kurze Zeit später kamen sie an den Felshang, wo sie den Wagen stehen lassen mussten. Es war zwar erst kurz vor fünf am Nachmittag, aber der Himmel hatte sich inzwischen so bedeckt, dass sie ein merkwürdiges Zwielicht umgab.
»Es wird bald regnen«, sagte Peter. »Hoffentlich hält es sich in Grenzen, so dass wir nachher wieder gut zurückkommen.«
Nacheinander stiegen sie den Pfad hinauf. Oben angekommen, öffnete Peter das Stahltor, während Patrick den Generator startete und die Flutlichter einschaltete.
Einen Augenblick blieben sie noch unschlüssig vor dem Eingang stehen. Es war auf eine Weise nicht anders als die vielen Male, die sie bisher hier gewesen waren. Alles wirkte in seiner Fremdartigkeit vertraut, es war, als hätten sie sich an das Rätsel und dessen Unlösbarkeit gewöhnt. Und doch war es heute anders. Sie würden nichts weiter tun, als einen einzigen Schritt zu wagen, aber dieser Schritt war eine Revolution. Sie hatten noch keine Vorstellung davon, von welcher Tragweite diese Kleinigkeit sein würde.
Sie gingen in die Höhle hinein, vorbei an den Schriftzügen und Malereien, die sie in den letzten Tagen und Wochen so sehr beschäftigt hatten. Was sie übersetzt hatten, war nur ein Teil, vielleicht höchstens die Hälfte. Noch immer gab es unzählige Texte, die ihnen unbekannt waren, deren Schrift sie nicht einmal kannten. Peter war überzeugt, dass diese Höhle ein neuer Stein von Rosette war, eine Quelle, eine Goldgrube für jeden Sprachforscher. Zahllose Schriften der Antike waren bisher nicht entziffert worden, von einigen hatte man viel zu wenig Fundstücke, aber durch diese Höhle würde man dem Verständnis der Antike in riesigen Schritten näher kommen, sie würde ein völlig neues Licht auf so vieles werfen. Es war ein grandioser Fund, möglicherweise der bemerkenswerteste seit Carter.
Doch trotz aller Bedeutsamkeit beachteten sie die Wände nun kaum. Sie hatten eine einigermaßen brauchbare Erklärung dafür gefunden, wie diese Malereien hierher gekommen waren und welche Geschichte die Texte erzählten. Und sie wussten vor allen Dingen auch, was ihnen die Texte nicht verraten würden: das Geheimnis des Durchgangs.
Hinter der Biegung des Gangs blieben sie stehen. Ein Scheinwerfer an der Decke war auf den Durchgang gerichtet. Die vollkommene Schwärze, die sich dadurch an dieser Stelle wie eine Mauer im Tunnel aufspannte, ließ wieder ein unangenehmes Gefühl in ihnen aufkommen. Das Phänomen widersprach aufs Äußerste allen Gewohnheiten des Sehens: Die Augen konnten nichts erkennen, nichts scharf stellen. Es fühlte sich an wie ein Riss in der realen Welt, so dass in Peter eine Art von Übelkeit aufkam. Er fühlte sich haltlos, schwindelig.
»Können wir diese Lampe nicht ausmachen?«, fragte er.
»Es sieht dann nicht ganz so finster aus.«
Peter fiel im selben Augenblick auf, wie paradox das klang, aber Patrick wusste, was er meinte. Er nickte und betätigte einen Schalter, woraufhin es wieder dunkler um sie wurde. Von hinter ihnen drang nun etwas Licht um die Ecke des Gangs, von dort, wo die anderen Scheinwerfer die Schriften an den Höhlenwänden beleuchteten, und direkt vor ihnen war die Schwärze jetzt verschwunden und die Luft wieder von dem unerklärlichen bläulichen Schimmern erfüllt. Nachdem sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, war es ausreichend hell, um noch immer die eingemeißelten Symbole im Fußboden deutlich erkennen zu können. Der Gang vor ihnen war wieder als Gang sichtbar, und nur das blaue Leuchten ließ vermuten, dass sich hier etwas Außergewöhnliches verbarg.
Patrick setzte seinen Rucksack ab, öffnete ihn und reichte Stefanie einen breiten Gürtel, den sie sich umband. An einem Ring auf der Rückseite befestigte er einen Karabinerhaken und das Seil, mit dem sie die Sprachwissenschaftlerin sichern wollten. Peter reichte ihr eine Taschenlampe sowie ein Klemmbrett mit Stift.
»Nur millimeterweise vortasten«, erinnerte er sie.
»Wir werden jetzt erst mal Ihren Kopf testen«, sagte Patrick. »Stellen Sie sich direkt vor den Durchgang.« Er machte ein Zeichen mit der Hand. »Hier beginnt die Barriere. Sind Sie bereit?«
Stefanie stellte sich breitbeinig in die Mitte des Gangs, um einen sicheren Stand zu haben. Sie beugte sich leicht vor, bis ihre Nase fast Patricks Hand berührte. Peter und Patrick fassten sie von beiden Seiten an der Schulter und am Oberarm.
»In Ordnung«, sagte sie. »Ich bin so weit. Bei ›Drei‹ werde ich den Kopf nach vorne strecken. O.k.?«
»O.k.«
»Eins... zwei... drei.« Ruckartig beugte sie sich vor.
Entsetzt sah Peter, wie Stefanies Kopf verschwand. Als sei er plötzlich vom Rumpf gelöst worden, ragte nur noch ein Stück Hals zwischen ihren Schultern hervor. Doch bevor Peter den grauenvollen Anblick vollkommen aufnehmen konnte, rief Patrick »Vier!«, und sie rissen Stefanie wieder zurück. Aufgeregt sahen sie ihr ins Gesicht. »Stefanie? Alles in Ordnung bei Ihnen?«
»Sie müssen mir ja nicht gleich die Schulter auskugeln«, antwortete sie.
Patrick lachte erleichtert auf. »Was haben Sie gesehen?«
»Nichts, dafür waren Sie zu schnell. Aber ich fühle mich nicht anders als vorher. Ich bin sicher, dass es völlig unproblematisch für mich ist, den Gang zu betreten.«
»Also, zunächst gehen Sie nur einen Schritt hinein, und wir ziehen Sie am Seil zurück«, erinnerte sie Peter.
»Ja, sicher, in Ordnung.« Sie stellte sich aufrecht vor den Durchgang. »Sind Sie beide bereit?«
Patrick und Peter ergriffen das Seil.
»Ja, gehen Sie los«, sagte Patrick. »Und halten Sie die Augen offen.«
Stefanie machte einen großen Schritt vorwärts und verschwand. Wie das Seil eines Fakirs hing die Sicherungsleine waagerecht in der Luft und endete abrupt.
»An diesen Anblick werde ich mich mit Sicherheit nicht gewöhnen«, sagte Peter.
»Es ist wirklich bizarr«, stimmte Patrick zu. »Aber nun zurück mit ihr. Und los!« Sie waren darauf vorbereitet, Stefanie mit gemeinsamen Kräften zurückziehen zu müssen, aber in diesem Augenblick kam sie bereits wieder rückwärts heraus.
»Da passiert nichts«, sagte sie. »Sie können mich ruhig ganz reinlassen.«
»Was ist denn hinter dem Durchgang?«, fragte Patrick.
»Der Gang führt einige Meter weiter geradeaus und dann um eine Ecke herum. Dort scheint eine diffuse Lichtquelle zu sein. Aber mehr konnte ich noch nicht erkennen.«
»Und fühlen Sie irgendeine Veränderung an sich?«, fragte Peter.
»Nein, überhaupt nichts. Für mich ist es, als wäre da keine Schwelle oder Barriere. Ich kann einfach weitergehen.«
»Erstaunlich... Dann scheint es also zu stimmen; eine Frau kann den Durchgang betreten. Was meinen Sie, Patrick, soll sie jetzt weiter hineingehen?«
»Ja, absolut. Gehen Sie los, Stefanie.«
»Einverstanden«, sagte sie. »Also dann.« Und mit diesen Worten trat sie vor und verschwand erneut vor den Augen der anderen beiden Forscher im Gang.
10. Mai, auf der Landstraße nach Lapalme
Es war erst später Nachmittag, aber dichte Wolken verdunkelten den Himmel wie im Herbst, und der einsetzende Regen trübte zunehmend die Sicht. Didier Fauvel schaltete das Abblendlicht und die Scheibenwischer ein. Natürlich war wieder einmal kein Wasser in der Anlage, und so hinterließen die Wischblätter zunächst schmierige Streifen. Fauvel fluchte. Auf diese Fahrt war er sowieso nicht sonderlich erpicht, und nun kam auch noch eins zum anderen. Er musste sich damit abfinden, bis der Regen stark genug wurde, um die Scheiben zu säubern. Entgegenkommende Fahrzeuge erzeugten blendende Lichtbogen, in denen kleine Blättchen und Fliegenkadaver zu sehen waren – nur keine Straßenbegrenzung. Er hasste den Regen, er hasste diesen Wagen, und er hasste es, dass er jetzt hier war. Übellaunig setzte er seinen Weg fort. Es waren nur noch wenige Kilometer.