Der Regen war stärker geworden, als Fauvels alter Mercedes knirschend auf der Auffahrt einer Villa zum Stehen kam. Er hatte seinen Bruder bisher selten besucht, und wenn, dann ging es darum, dass dieser irgendwie Hilfe benötigte. Das letzte Mal hatten sie sich vor etwa einem Jahr gesehen, als Paul in Untersuchungshaft war. Es ging um Waffenschmuggel. Die Küstenwache hatte eines seiner Boote in einem ungünstigen Augenblick und mit reichlich kompromittierendem Material aufgegriffen. Didier hatte ihn mit guten Worten und noch überzeugenderen Geldsummen freigekauft, so dass es gar nicht erst zu einer gründlichen Untersuchung gekommen war. Die Akten wurden geschlossen, bevor das Deckblatt getrocknet war. Damals hatte Paul eine richtige kleine Flotte von unauffälligen Schiffen und ein gutes Dutzend »Bekannter«. Didier erhoffte sich, dass sich unter ihnen einige Leute mit ausreichend krimineller Energie befanden, um die Forscher loszuwerden – in welcher Form auch immer; um die Details sollte Paul sich kümmern.
Der Gedanke war eigentlich gut, und Paul schuldete ihm auch mehr als nur einen Gefallen. Dennoch behagte es dem Bürgermeister nicht, seinen Bruder um etwas bitten zu müssen. In seinem zehn Jahre alten Benz vor dessen feudaler Villa stehen zu müssen, widerte ihn regelrecht an. Aber es gab Gründe, die wesentlich gewichtiger waren, und in diesem Zusammenhang hatte er seinem Stolz schon seit langem abschwören müssen.
Er sah auf die Uhr. Kurz vor fünf. Er war auch noch zu früh da! Aber nun im Wagen zu warten, um sich absichtlich eine Viertelstunde zu verspäten, war mindestens genauso dämlich. Also stieg er aus, lief durch den Regen, die Stufen zur Tür hinauf und klingelte.
»Didier!«, rief sein Bruder aus, als er öffnete. »Ich hatte so früh noch gar nicht mit dir gerechnet! Komm doch rein!«
»Ich war sowieso gerade in Perpignan«, antwortete der Bürgermeister, als er eintrat. Er ließ seinen Blick einmal unauffällig durch die Eingangshalle schweifen. Wie immer war sie wie geleckt, einzelne Designermöbel und teure Bilder waren geschickt platziert; Pauls Version des Understatements, das aufdringlicher schon nicht mehr sein konnte. Eine feingliedrige, dünn bekleidete junge Frau mit überraschender Oberweite trat heran.
»Marie, Schatz, nimmst du Didier bitte seine Jacke ab? Und dann sag Anabel Bescheid, dass wir was Warmes zu knabbern wollen. Du kannst dann Video gucken oder baden oder was auch immer. Ich schau nachher noch mal rein.« Die Frau nahm die Jacke des Bürgermeisters, hängte sie auf einen Ständer neben der Tür und ging davon.
»Eine Freundin«, erklärte Paul. »Aber komm doch mit, wir setzen uns am besten ins Wohnzimmer. Ich bin gespannt, was dich herführt.«
Was Paul als Wohnzimmer bezeichnete, war ein regelrechter Saal, der neben einem gewaltigen Esstisch auch mehrere Ledergarnituren und einen Kamin enthielt. Und noch immer hätte man bequem darin tanzen können. Aus seinen vorherigen Besuchen wusste Didier, dass man durch die große Fensterfront aufs Mittelmeer blicken konnte. Doch da es draußen schon fast ganz dunkel war, sah man nun hauptsächlich die Spiegelung des Zimmers, das dadurch allerdings nur umso größer erschien.
»Möchtest du einen Schluck?«, fragte Paul. »Einen Port, oder was trinkst du immer, einen Cognac?« Paul öffnete einen Schrank und offenbarte eine umfangreiche Bar.
»Ja, einen Cognac.«
Paul füllte einen Schwenker und reichte ihn seinem Bruder. »Du hast bestimmt wenig Zeit, lass uns also zur Sache kommen, damit du schnell wieder nach Hause kannst«, sagte er, nachdem sie Platz genommen hatten. Er schlug die Beine übereinander und steckte sich eine Zigarette an. »Was kann ich für dich tun? So geheim, dass du es am Telefon nicht erzählen wolltest...«
»Ich weiß nicht, ob du überhaupt helfen kannst. Ist eine ziemlich große Sache, sehr gefährlich...«
»Ist es das?«
»...und es springt nichts für dich dabei heraus.«
»Also ein kleiner Liebesbeweis, hm?« Paul grinste schief. »Dann lass doch erst mal hören, Bruder.«
Didier nahm einen tiefen Schluck und behielt den Schwenker dann in der Hand, während er erklärte: »In St.-Pierre sind ein paar Leute, Wissenschaftler, die ein Waldstück abgesperrt haben. Angeblich eine Tollwutseuche. Ich muss sie dringend loswerden.«
»Loswerden, hm? So richtig loswerden? Ohne Spuren?«
»Nur loswerden. Wie, ist mir egal. Aber ich kann sie nicht einfach darum bitten, nach Hause zu gehen.«
»Wie viele sind es denn, und was ist das Problem?«
»Es sind drei: zwei Männer und eine Frau. Das Problem ist, dass sie im Auftrag der GNES arbeiten. Das bedeutet, dass sie eigentlich eine ganz offizielle Genehmigung haben.« Er nahm noch einen Schluck. »Ich habe trotzdem versucht, sie aus dem Hotel rauszuwerfen, das ihnen als Büro dient. Aber sie haben das Hotel einfach gekauft!«
»Sie haben ein Hotel gekauft, nur, um nicht gehen zu müssen?«
»So sieht's aus, ja.«
»Seit wann hat die GNES so viel Geld?«
»Inzwischen glaube ich, dass sie hinter etwas ganz anderem her sind. Ich habe es mir selber angesehen. Die haben im Wald ein riesiges Areal abgesperrt, angeblich für Untersuchungszwecke. Und was das Ganze noch etwas komplizierter macht: Dort arbeiten mindestens ein weiteres Dutzend Ranger. Und dann die Sache mit dem Hotel... ist doch sehr verdächtig, oder?«
»Hm... ja. Warum willst du sie denn unbedingt loswerden?«
»Das kann ich dir nicht sagen. Ist eine große Sache. Paris steckt mit drin. Sicher ist aber, dass sie noch in dieser Woche verschwunden sein müssen.«
»Moment mal, ist das hier eine politische Geschichte?«
»Dachte mir schon, dass dir das zu gefährlich ist.«
»Nun mal langsam, Didier. Ich weiß ja nicht, wer in Paris dahinter steckt, aber mit Politik will ich nichts zu tun haben.«
»Und Waffenschmuggel nach Sizilien ist ganz und gar unpolitisch?«
»Das war vor langer Zeit, Didier...«
»Und inzwischen bist du zum Heiligen geworden, oder wie muss ich mir das vorstellen?« Der Bürgermeister verdrehte die Augen, »Aber das war ja klar, dass du einen Rückzieher machst, die Mühe, hierher zu fahren, hätte ich mir eigentlich auch sparen können. Von mir lässt du dir gerne aushelfen, wenn es bei einem Millionendeal mal nicht so ganz geklappt hat. Aber dem älteren Bruder einen Gefallen tun, das ist wohl einfach zu viel für dich!«
»Mon Dieu, ich habe doch noch gar nichts gesagt! Jetzt beruhige dich erst mal wieder.« Paul stand auf, holte die Cognacflasche und schenkte seinem Bruder nach. Währenddessen betrat eine südländisch aussehende Frau das Wohnzimmer und brachte auf einem Tablett zwei Teller mit frittierten Stockfischbällchen und überbackenen Krevettenschwänzen. Paul nahm das Gespräch wieder auf, als sie den Raum verlassen hatte: »Wenn ich dich recht verstehe, geht es im Grunde darum, die drei Wissenschaftler dazu zu bewegen, ihre Sachen zu packen und abzuhauen, richtig?«
»Ja, sagte ich doch.« Didier begann sich zu bedienen und rutschte dabei auf seinem Sessel so weit nach vorne, dass sich das Sitzpolster über die Kante hinausschob und nach unten bog.
»Sollen sie nur aus dem Hotel verschwinden, oder sollen sie mitsamt ihren Rangern abziehen?«
»Die Forschungen, oder was auch immer sie da machen, sollen komplett eingestellt werden.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung mit einem abgenagten Krevettenschwanz. »Die Absperrung im Wald muss auch wieder weg.«
Paul überlegte einen Moment. »Klingt so, als brauchte man schon ein paar mehr überzeugende Argumente als einen blutigen Pferdeschädel im Bett. Je nachdem, wie die Ranger reagieren, müsste man schon mit einer kleinen Armee aufziehen ...«
»Warum nicht«, sagte Didier und zuckte die Achseln. »Hast du eine?«
»Nun ja, es gibt da einen guten Bekannten... allerdings brauchte der einen Pass und ein Visum...«